Predigen gegen den Hass

Liman Ahar Fidajai

© epd-bild/Bettina Rühl

Liman Ahar Fidajai, Präsident der "Religiösen Beobachtungsstelle für die Verhinderung und Bewältigung von Konflikten" in Agadez im Norden der Republik Niger, sitzt in seinem Büro auf dem Besuchersofa.

Deutschland spricht 2019
Predigen gegen den Hass
In der Republik Niger werben Imame für Toleranz und Frieden
Aufklären, statt Feindschaft säen: Muslimische Geistliche in Westafrika stellen sich extremistischen Auffassungen entgegen. Zusammen mit Christen plädieren sie für Religionsfreiheit - und erhalten Unterstützung aus Deutschland.

Der Prediger Liman Ahar Fidjaji sitzt in seinem Büro auf dem Besuchersofa, das wie sein Schreibtisch voller Papiere ist: Schriftwechsel, religiöse Abhandlungen und bürokratische Vorgänge. Der Geistliche ist mit anderen muslimischen Gelehrten in Kontakt, er leitet die "Religiöse Beobachtungsstelle für die Verhinderung und Bewältigung von Konflikten" in Agadez, einer Wüstenstadt im Norden der Republik Niger. "Der Islam ist eine Religion der Toleranz und des Friedens", betont der Imam. Er ist kräftig gebaut, Mitte fünfzig, und trägt die traditionelle Kleidung der Tuareg: ein bodenlanges, weißes Gewand und einen schwarzen Turban.

Die Mitglieder der "Beobachtungsstelle" verbreiten ihr Verständnis vom Glauben. Sie stellen sich extremistischen Auffassungen entgegen und wollen religiöse Konflikte lösen. Die Bedrohung ist im Laufe der Jahre näher gerückt: In Nachbarländern wie Nigeria und Mali operieren islamistische Terrorgruppen, die über die Grenze kommen, um auch im Niger Anschläge zu verüben. Bisher ist aber noch keine radikal-islamische Gruppe bekannt, die im Niger selbst entstand. Fidjaji führt das nicht zuletzt auf die Predigten für Toleranz und Frieden zurück, die er und seine Mitstreiter seit Jahren halten.

Doch extremistische Tendenzen gewinnen auch im Niger an Boden. Ein Anzeichen dafür sieht der Imam im veränderten Verhalten gegenüber Frauen. "Bei uns geben Männer auch fremden Frauen zur Begrüßung selbstverständlich die Hand", sagt er. Fidjaji gehört zum Volk der Tuareg, die für ihren ernsthaften, aber entspannten Umgang mit dem Glauben bekannt sind. Eine Sünde bei der Berührung einer fremden Frau begehe erst, "wer sich dabei bestimmte Dinge vorstellt", sagt er.

Der Imam beobachtet indes, dass inzwischen mehr Gläubige einer unbekannten Frau den Handschlag verweigern. Und immer mehr tragen knöchellange Hosen und folgen damit den Bekleidungsvorschriften des Wahhabismus, einer strengen sunnitischen Strömung, die auf der arabischen Halbinsel entstand. Wahhabiten lehnen beispielsweise die Bitte um Fürsprache bei Heiligen ab, was im traditionellen sunnitischen Islam im Niger und vielen anderen afrikanischen Staaten weit verbreitet ist, weil es viele Anleihen an den Sufismus gibt. Den wachsenden Einfluss der Wahhabiten erklärt der Geistliche mit großzügigen Geldspenden aus arabischen Ländern wie Saudi-Arabien und Katar für den Bau von Moscheen und Koranschulen.

"Die Regeln werden unerbittlicher, vor allem gegenüber Frauen"

So erklärt auch Mano Aghali die Veränderungen im Umgang mit dem Islam und dessen Auslegung. Der Mittfünfziger, ebenfalls Tuareg, leitet die nigrische Hilfsorganisation HED Tamat. Sie unterstützt die "Religiöse Beobachtungsstelle" seit 2011 über Care Deutschland mit Mitteln des Auswärtigen Amtes. Aghali ist über die Entwicklungen in seiner Heimat beunruhigt. "Das ist eine reale Gefahr", sagt er. Gesichtsschleier bei Frauen würden häufiger - dabei bedecken bei den Tuareg traditionell nicht die Frauen, sondern die Männer ihr Gesicht. "Die Regeln werden unerbittlicher, vor allem gegenüber Frauen", beklagt Aghali.

Um zu demonstrieren, was die "Beobachtungsstelle" gegen die Ausbreitung solcher Ideen unternimmt, hält Imam Fidjaji sein Handy hoch und spielt eine der aufgezeichneten Predigten ab. Es sind Reden, die aufklären und für Frieden werben, statt Hass zu schüren. Es gibt sie live in den Moscheen und über lokale Radiosender.

"Der Prediger erklärt gerade den Unterschied zwischen Schiiten und Sunniten", übersetzt Fidjaji. "Er mahnt die Gläubigen, friedlich zu bleiben." Schließlich gehe es nur um unterschiedliche Vorstellungen darüber, wer Prophet Mohammeds legitime Nachfolger seien. Das sei kein Grund für Hass.

Zusammenarbeit mit Christen funktioniert

Die "Beobachtungsstelle" ist landesweit tätig. Allein in der Region Agadez gehören 23 islamische Vereinigungen dazu - und fünf christliche Gemeinschaften. Die meisten seien Katholiken, eingewandert aus Nigeria, sagt Imam Fidjaji. "Jeder ist frei, die Religion seiner Wahl auszuüben", betont der muslimische Geistliche. "Das sagen die grundlegenden Texte des Islam."

Vor allem in humanitären Fragen lobt Fidjaji die Zusammenarbeit mit Christen als vorbildlich. "Die Christen haben uns sogar schon mal Geld gespendet, damit wir eine Koranschule wieder aufbauen konnten, die bei einem Unwetter zerstört worden war", sagt er. Der Imam tastet sich an den Perlen seiner Gebetskette weiter vor. Die Frage, wie er die Zukunft sieht, bringt ihn zum Lachen. "Trotz allem", sagt er, "bin ich für den Niger optimistisch".

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