Mose - ein offenes Ohr für Frauenrechtlerinnen

Hand, die Wasser schöpft

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Mose verdankt sein Leben starken Frauen.

Mose - ein offenes Ohr für Frauenrechtlerinnen
Ganz frühe Frauenrechtlerinnen treten bereits im Alten Testament auf, im Buch Numeri. Und Mose hört sie an. Gott schließlich entscheidet positiv über ihr Anliegen. Teil 2 der Serie "Gleichberechtigung in der Bibel".
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Wir wissen nicht, wer die ersten Frauenrechtlerinnen waren, aber eine sehr frühe Quelle findet sich im Alten Testament. Ausgerechnet dort, wo man rebellische Frauen am wenigsten vermutet: Die ersten "Emanzen" waren die Töchter von Zelofhad (4. Mose 27, 1-11). Er hatte keinen Sohn, dafür aber fünf ziemlich eigenwillige Töchter. Als Zelofhad starb, erbten seine Brüder den ganzen Besitz. Das war so üblich. Die Töchter gingen leer aus, denn erbberechtigt waren nur Männer.

Die Schwestern hatten zwar kein juristisches Staatsexamen, aber genügend Selbstbewusstsein, um die Gesetzeslage zu hinterfragen. Sie gingen gleich zum obersten Chef, um sich über die Erbregelung zu beschweren – und das in aller Öffentlichkeit. Nicht nur Mose war da, sondern auch der Priester Eleasar und die Stammesfürsten, also alles, was Rang und Namen hatte, und auch noch die ganze Gemeinde. Ein mutiger Auftritt! Vor allem, wenn man bedenkt, dass die Schwestern im öffentlichen Reden nicht sehr geübt waren. Das Wort führten die Männer. Sie standen vorne am Rednerpult. Aber wer will sich schon fünf energischen und zu allem entschlossenen Frauen in den Weg stellen?

Mose hörte den Frauen aufmerksam zu und nahm ihren Protest ernst. Das, was Moses Handeln leitete, war, den Willen Gottes zu tun. Nicht umsonst hatte Gott Mose ausgewählt, um die Israeliten aus der Knechtschaft in Ägypten nach Kanaan zu führen. Mose war jemand, der nicht zu vorschnellen Antworten neigte. In der Bibel steht, dass er die Sache vor Gott brachte und ihn um eine Entscheidung bat. Und er hörte die Antwort von Gott: "Die Töchter haben recht. Sie sollen wie die Brüder ihres Vaters erbberechtigt sein." Dabei beließ es Gott aber nicht. Er ordnet gleich eine Gesetzesnovellierung an. Gott gab also nicht nur den fünf Schwestern Recht, sondern er verschaffte allen Frauen das Recht. So schnell kamen die späteren Frauenrechtlerinnen nicht zum Ziel. Eine Beschwerde und schon wird das Gesetz angepasst! Die Frauen Ende des 19. Jahrhunderts bissen auf Granit, als sie für Frauenrechte kämpften. Dabei hatten sie bescheidene Ansprüche. Sie wollten nur das Wahlrecht und das Recht auf Bildung.

Der Mann an der Führungsspitze entscheidet nicht alleine

Warum hatte die Forderung der fünf Schwestern Erfolg? Es lag daran, dass der entscheidende Mann an der Führungsspitze die Sache nicht allein entschieden oder sich mit anderen Männern beraten hatte, sondern weil er nach Gottes Willen gefragt hatte. So war nicht die männliche Sicht ausschlaggebend oder männliche Interessen, sondern die Perspektive desjenigen, der die Gleichberechtigung geschaffen hatte.

Die Töchter nahmen also Einfluss auf das patriarchalische Erbrecht. Mit ihrem Protest hatten sie zwar nicht erreicht, dass sie den gleichen Erbanspruch wie die Männer bekamen – das hatten sie auch nicht gefordert – aber sie hatten erwirkt, dass alle Frauen ohne Brüder erbberechtigt sind. Betrachtet man die Emanzipationsgeschichte, so zeigt sich, dass sie aus vielen kleinen Schritten besteht, um Ungerechtigkeiten zwischen den Geschlechtern zu beseitigen. Und auch heute fordern Frauen nicht die völlige Gleichberechtigung, sondern nur dreißig oder vierzig Prozent der Vorstandssessel.

Gott handelt durch Menschen. Und am erfolgreichsten ist Gott dort, wo er auf Menschen trifft, die nach seinem Willen fragen. Dazu gehört auch Mose. Er fragte nicht nur, was Gott von den Forderungen der Frauen hielt, sondern er hatte auch sonst die besten Voraussetzungen, die Benachteiligung der Frau zu ändern: Er war mit starken Frauen aufgewachsen. Und er war kein Macho, sondern war sich seiner eigenen Schwächen bewusst. Um ihn zu verstehen, müssen wir seine Biografie und seinen kulturellen Hintergrund genauer anschauen.

Eigentlich hätte es Mose gar nicht geben dürfen, denn als männliches Baby stand er auf der Todesliste. Der Pharao ließ aus Angst, dass die Israeliten, die für ihn arbeiteten, zu mächtig würden, jeden neugeborenen Jungen töten. Als Mose auf die Welt kam, fertigte seine Mutter ein wasserdichtes Körbchen an, legte Mose hinein und setzte es auf den Nil – voller Hoffnung auf eine wundersame Rettung. Die Tochter des Pharao, die im Nil badete, entdeckte den kleinen weinenden Mose und sagte zu ihren Dienerinnen: "Das muss eines der hebräischen Kinder sein." Seine Schwester Mirjam, die das alles von einem Versteck aus beobachtete, fragte: "Soll ich eine Hebräerin holen, die das Kind für dich stillt?" Das fand die Tochter des Pharaos eine gute Idee. So verbrachte Mose die ersten Lebensjahre bei seiner Mutter.

Mose verdankt sein Leben starken Frauen

Mose wuchs bei zwei starken Frauen auf, die sich von dem mächtigsten Mann der damaligen Welt nichts vorschreiben ließen, zuerst bei seiner Mutter und dann bei der Prinzessin. Als Mose alt genug war, kam er zu der Tochter des Pharaos in den Palast. Die Prinzessin schleppte ihn sozusagen in die Höhle des Löwen. Und der Löwe knurrte nicht, sondern zeigte sich friedlich. Vielleicht wusste er nicht, dass es ein Hebräerkind war. Oder er respektierte die Entscheidung seiner Tochter und dachte sich, dass so ein einzelner Hebräer ja nichts anrichten könne. Viel wahrscheinlicher ist jedoch, dass der Pharao von dem Kind überhaupt nichts wusste. Schließlich sprangen viele Kinder in seinem Palast herum. Ein Kind mehr oder weniger fiel also überhaupt nicht auf. Der Pharao ahnte jedenfalls nicht, dass unter seinem Dach ein Rebell aufwuchs.

Mose gehörte nun zur königlichen Familie. Die Prinzessin lebte in einem Harem. So wuchs Mose in einer Frauengesellschaft auf. Er sah, wie Frauen zusammenleben, wie sie miteinander reden, wie sie miteinander lachen und wie sie sich streiten. Es war eine andere Welt als die der Männer, die das Reich beherrschten. Mose nahm dieses Gefälle der machtvollen Männer und der untergebenen Frauen wahr. Er wusste, wie es ist, in einer unterdrückten Gesellschaft zu leben. In den ersten Lebensjahren wuchs er in seinem Volk auf, das unter der Knechtschaft der Ägypter litt. Danach lebte er in der Welt von Frauen, die zum Besitz der Männer gehörten. Und dennoch war er privilegiert. Er erhielt im Harem eine sehr gute Bildung, zusammen mit anderen Kindern. Mose lernt die ägyptische Hieroglyphenschrift zu lesen und zu schreiben. Das ist eine andere Nummer als das Alphabet mit seinen 26 Buchstaben. Immerhin gibt es bis zu 7000 Hieroglyphen. Die Palastschüler wurden darauf vorbereitet, verantwortungsvolle Positionen in der Armee, der Priesterschaft oder der Verwaltung zu übernehmen. Vor Mose lag eine glänzende Zukunft.

Doch Moses Leben nahm eine Wendung. Er wurde von Gott berufen, sein Volk aus Ägypten zu führen, eine Aufgabe, gegen die er sich zuerst mit Händen und Füßen sträubte. Doch als er auf Gott vertraute merkte er, wie er an Stärke gewann. Er hatte eine Sensibilität entwickelt, um Gottes Stimme zu hören. Deshalb erkannte er auch Gottes Willen, das Erbrecht zugunsten der Frauen zu ändern.

Infos zur Serie
Gleichberechtigung - ein wichtiges Thema, auch in der Bibel. Diese Serie nähert sich dem Thema aus einer kulturwissenschaftlichen Perspektive. Der Streifzug durch die Bibel zeigt nicht nur starke Frauen, sondern auch kluge Männer, die sich für Gleichberechtigung einsetzten.

Das Buch zum Thema:

Annegret Braun, Warum Eva keine Gleichstellungsbeauftragte brauchte: Gottes Idee für Frauen und Männer, SCM R. Brockhaus, 240 Seiten, 16,99 Euro, ISBN-10: 3417253675.

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