"Das bin ich und ich bin mir sicher"

Pfarrer Sebastian Wolfrum

© Johanna Klee

In seinem Buch beschreibt der transidente 48-jährige Pfarrer Sebastian Wolfrum seinen Weg zu sich selbst und schildert sein Leben als Mann im Frauenkörper.

Deutschland spricht 2019
"Das bin ich und ich bin mir sicher"
Der transidente Pfarrer Sebastian Wolfrum hat seine Lebensgeschichte als Buch herausgebracht: "Endlich ich"
Am 29. Oktober 2017 war es in der Welt: Pfarrer Sebastian Wolfrum erklärte in einem Gottesdienst seiner Gemeinde, dass er ein Mann ist, der im Körper einer Frau steckt. Der 48-Jährige hatte damit einen weiteren Schritt gemacht in ein neues Leben. Der Theologe ist transident: In seinem Fall beschreibt er das so: das Gehirn eines Mannes im Körper einer Frau. Welchen Weg er zurückgelegt hat, welche Zweifel er hatte, welche Depressionen und Gewalt er durchlebte, beschreibt er nun in einem Buch: "Endlich ich" stellt er bei einer Lesung am 2. Mai in Würzburg vor.

Herr Wolfrum, in ihrem Buch schreiben Sie, dass Sie bereits im Kindergartenalter beim Spiel mit den Mädchen gefühlt haben, "ich bin hier falsch". Ihre ganze Jugend wissen Sie nicht so recht, wo Sie hingehören. Wann wussten Sie endlich, was mit Ihnen ist?

Sebastian Wolfrum: Das Bewusstsein, ich bin falsch, ich passe nicht in die Schubladen, irgendwas ist mit mir anders, kenne ich seit der Grundschulzeit. Da fand ich "Burg Schreckenstein" zu lesen viel interessanter als "Hanni und Nanni". Ich wäre lieber bei den Rittern gewesen und nicht auf der anderen Seite vom See im Mädchen-Internat. Die Interessen und Themen der Mädels sind nicht meine. Zu formulieren, ich bin im falschen Körper, das kommt aber sehr viel später.

Das "Groschenfall-Erlebnis" haben Sie ebenfalls im Buch beschrieben. Sie saßen damals in einem Gottesdienst in der Nürnberger Lorenzkirche...

Wolfrum: Ich war für einen kurzen Urlaub in Nürnberg, bin mehrere Tage durch die Stadt mäandert mit Fragen im Kopf: Wie will ich in Zukunft leben? Ich sitze Sonntagfrüh im Gottesdienst, die Pfarrerin steht vorn und sagt: "Wir sind zusammengekommen, um miteinander Gottesdienst zu feiern, als Junge und Alte, als Männer und Frauen". Sie sagt diesen Satz und in dem Moment war es der Türöffner für ein Leben bei mir selbst. Plötzlich war es möglich, den Gedanken auszusprechen: Ich bin ein Mann. Wenn in dem Moment das Licht in die Kirche hinein geschienen hätte, wäre es wahrscheinlich auf meinen Platz gewesen.

Wie kann man die Orientierungslosigkeit und das Unwohlsein, die Unzufriedenheit über den Körper, in dem man steckt, beschreiben? Steht man morgens auf, schaut in den Spiegel und fragt, 'wer ist die'?

Wolfrum: Kindern sage ich oft: Stell dir vor, du musst dein ganzes Leben im Faschingskostüm rumlaufen und darfst es nicht ausziehen. Du spürst, du bist eigentlich jemand anders, aber du musst in diesem Kostüm bleiben. Du spielst eine Rolle, die dir nicht entsprichst. Du verhältst dich, wie du dich gemäß dieser Rolle verhalten sollst, aber das bist du nicht selbst.

"Kombination aus Kirche und Sexualität - das bürgt immer für Skandal und Schlagzeilen"

Ihr Outing, Sie sind der Herr Pfarrer in einem Frauenkörper, hat sehr großes Interesse sogar über Deutschland hinaus hervorgerufen. Worauf führen Sie das zurück?

Wolfrum: Das Thema ist im Herbst 2017 noch nicht so präsent gewesen, da hat sich in den letzten eineinhalb Jahren viel getan. Das lag klar am Beruf. Also die Kombination aus Pfarrer und transident produziert Schlagzeilen. Die Presse, die darauf angesprungen ist, war weniger an Glaubensthemen interessiert, sondern an der Kombination aus Kirche und Sexualität - das bürgt immer für Skandal und Schlagzeilen, und jetzt reagieren die mal anders. Journalistinnen und Journalisten, die mit mir gesprochen haben, waren überrascht.

Ihr Outing ist unheimlich positiv aufgenommen worden, oder täuscht das?

Wolfrum: Es ist nicht so, dass es Null negative Reaktionen gab. Es gibt einige Menschen, von denen ich weiß, dass sie sich schwer tun. Mit manchen ist wieder ein Gespräch entstanden, andere bleiben in der Halbdistanz, andere sind ganz weg.

Aber die Leute, die ihnen wichtig waren, ihr Bruder, ihre Mutter, ihre Gemeinde, die scheinen es gut aufgenommen zu haben?

Wolfrum: Ich habe meinem Bruder eine E-Mail geschrieben und er hat sofort sehr positiv und bestärkend zurückgeschrieben. Er hat nie wieder Schwester zu mir gesagt. Meine Mutter hat ein paar Tage gebraucht, sich zu sortieren. Es ging trotzdem relativ schnell, dass sie sich in die Situation eingefunden hat. "Ich habe euch zu einer Liberalität, zu freiem Denken erzogen", hat sie gesagt. In der Gemeinde gab es einzelne kritische Stimmen, aber nie eine offene Protesthaltung. Der Grundtenor war grundsätzlich wohlwollend. Ich hatte das öffentliche Outing gut vorbereitet, mich informiert, wichtige Kreise vorher einbezogen. Was sicherlich geholfen hat war, dass ich in der Lage war, sehr klar und eindeutig aufzutreten: das bin ich und ich bin mir sicher

Wie haben Sie es Ihren Konfirmanden erzählt, dass Sie jetzt Herr Wolfrum mit dem neuen Vornamen Sebastian sind?

Wolfrum: Am Wochenende des besagten Gottesdienstes haben sie einen Brief bekommen, weil ich nicht wollte, dass die Konfis, die ja oft ohne ihre Eltern in den Gottesdienst kommen, unvorbereitet in etwas reinrauschen. In der Woche nach den Ferien war für sie Fragestunde: Sie wollten wissen, wie meine Familie reagiert hat, wie ich zu meinem Namen komme, was sich jetzt verändert. Als transidenter Mensch ist man körperlich in einer ähnlichen Situation wie es die Konfis ungefähr sind. Die Hormontherapie beginnt, man macht eine zweite Pubertät durch. Der Körper baut sich um, mit allem Drum und Dran. Mit Stimmungsschwankungen, körperlichen Veränderungsprozessen, Stimmbruch. Ich krächze immer noch mit den Jungs und kann viel besser verstehen, warum sie sich mit dem Singen so schwer tun. Einer fragte: Kriegen Sie dann auch Pickel?

Sitzen Sie denn jetzt breitbeinig auf Stühlen oder rempeln schon mal jemanden auf dem Gehweg an? Wie das Männer halt so machen?

Wolfrum: Machen das Männer so? Das würde ich gerne mal infrage stellen. Aber da müssen Sie die Leute fragen, mit denen ich zu tun habe. Ich glaube schon, dass ich anders, selbstbewusster auf eine Gruppe zulaufe und nicht so schnell beiseite trete. Jetzt könnte man fragen: Hat das was mit Testosteron oder Östrogen-Überschuss zu tun, oder ist das eine Frage von Selbstbewusstsein? Also ich kenn schon auch Frauen, die selbstbewusst keinen Schritt zur Seite gehen.

Was ich tatsächlich gemacht habe und manchmal immer noch sehr bewusst tue, ist Männer zu beobachten. Wie verhalten die sich, wie nicht, was will ich mir aneignen. Aber bestimmte Grundzüge, die man als Mensch schon ein paar Tage mit sich trägt, verlieren sich nicht: Sagen wir mal so, ich habe schon immer gerne doziert - das tue ich jetzt noch lieber.

"Ich bin ein Spezialist, der weiß, dass das Leben viele Brüche bereithält"

Welche Rolle spielt Ihr Glaube beim "Sichseinerselbstgewisswerden"?

Wolfrum: Für mich war es durchgängig wichtig, zu erfahren: "Ich bin von Gott getragen, so wie ich bin." Gott, der zu dem steht, wie ich lebe und sich nicht von der körperlichen Hülle beeindrucken lässt, die ja eh vergänglich ist. In der Auferstehung wird es einen neuen Leib geben, so beschreibt es Paulus.

Haben Sie es heute geschafft? Brauche Sie noch die Operation oder sind Sie im Moment in einer glücklichen Lage?

Wolfrum: Beides. Ich fühle mich sehr gut. Ich würde behaupten, dass ich ein sehr glücklicher Mensch bin. Es fehlen noch ein paar My (Anm. d. Red: sprichwörtlich für "ein bisschen was") zum vollkommenen Glück: Schwimmbad, Sauna, Fitnessstudio - das sind Dinge, die schwierig sind im Moment. Und ein erfülltes Leben mit allem, was zu einer Partnerschaft dazugehört.

Sie haben sehr viel Lebenserfahrung. Sie sind mit ihrer Partnerin verlobt, haben lesbisch gelebt, Sie waren verheiratet mit einem Mann. Sind Sie damit nicht ein ganz spezieller Pfarrer, zu dem die Leute mit besonderen Fragen kommen können?

Wolfrum: Ich bin zumindest mal der Seelsorgespezialist dafür, dass es sein kann, dass eingeschlagene Wege nicht die richtigen sind. Ich bin ein Spezialist, der weiß, dass das Leben viele Brüche bereithält. Ich erlebe, dass ich angerufen oder angeschrieben werde von Menschen, die meist so anfangen: "Ich habe von ihnen gehört und das, was ich da mitbekommen habe, macht mir Mut, Ihnen zu erzählen, was ich niemand anderem anvertrauen möchte". Da ist die Seelsorge mit ihrer Verschwiegenheit der ideale Raum dafür. Und ich bin Ansprechpartner weit über meine Gemeinde hinaus.

Zehn Jahre zuvor hatten Sie sich den Gedanken "Ich bin ein Mann" nicht zu Ende denken getraut?

Wolfrum: Ich war bei einer Therapie und sagte der Therapeutin, meine Ehe funktioniert nicht. Ich habe das Gefühl, ich bin im falschen Körper. Dann guckte Sie mich fragend an und meinte, könnte es sein, dass Sie lesbisch sind? Ich bin dann mit der Idee heimgefahren, gut, dann ist es wohl das. Das war eine Deutung, die mir plausibel erschien, auf die ich selber nicht gekommen war. Homosexualität - davon hatte ich schon was gehört, mich damit beschäftigt. Das war nicht das ganz große Tabu, auch nicht im konservativen Nordost-Oberfranken.

Sie haben sich sehr viel Rat im Internet geholt, haben dort Erfahrungsberichte gelesen. Warum haben Sie denn jetzt ein klassisches analoges Buch über ihr Leben geschrieben?

Wolfrum: Geschichten, die im Netz erzählt werden, dürfen nicht so lang sein, sonst werden sie nicht gelesen. Das analoge Buch bietet die Chance, Dinge ausführlicher und in einem größeren Zusammenhang zu erzählen.

Und wer sollen die Leser sein. Ist es ein Ratgeber?

Wolfrum: Im weitesten Sinne ja. Es erzählt eine Lebensgeschichte, die verschiedene Themen berührt, Situationen, Herausforderungen, denen sich Menschen stellen müssen. Anhand meiner Geschichte kann sich die eine oder der andere vielleicht aufrichten und sagen, da habe ich schon mal einen, der das geschafft hat und das könnte mir Mut machen, mich auf meinen Weg zu machen. Ein Leben, das auch in einem religiösen Kontext steht. Das ist auch mit einer Auseinandersetzung mit dem Glauben verbunden, was - so hoffe ich - eine christliche Leserschaft anzieht.

Sebastian Wolfrum: "Endlich ich - Ein transsexueller Pfarrer auf dem Weg zu sich selbst", Claudius Verlag, München, ISBN 978-3-532-62833-1

 

Transsexualität in Deutschland

Transsexualität oder auch Transidentität bedeutet, dass jemand einem anderen Geschlecht angehört, als jenem, dem er wegen seiner äußeren Geschlechtsmerkmale zugeordnet wird. Das heißt zum Beispiel: Männer, die in Frauenkörpern leben und Frauen, die in Männerkörpern leben. Für die Betroffenen ist diese Situation oft extrem belastend, professionelle Beratung und Hilfsangebote sind eher selten.

Neurobiologen gehen davon aus, dass Transsexualität angeboren ist. Sie sprechen unter anderem von einem "Hirngeschlecht", also dem inneren Wissen eines Menschen, welchem Geschlecht er angehört. Bei Transsexuellen passt dieses dann nicht zum genitalen oder hormonellen Geschlecht.

Anders als etwa bei intersexuellen Menschen haben Transsexuelle in Deutschland nicht einfach die Möglichkeit, ihr offizielles Geschlecht nach dem "Hirngeschlecht" zu wählen oder nachträglich ändern zu lassen. In der Praxis heißt dies: Betroffene müssen zwei voneinander unabhängige psychiatrische Gutachten erstellen lassen und vorweisen, um dann von einem Gericht ihr offizielles Geschlecht ändern zu lassen.

Die Gutachten sind nicht nur kostspielig, sondern werden von vielen Transsexuellen auch als Diskriminierung empfunden, weil ihre sexuelle Identität damit in die Nähe einer psychischen Erkrankung gerückt wird. Der Europarat hat seine 47 Mitgliedsstaaten aufgefordert, dieses Vorgehen zu stoppen.

In Deutschland müssen die Betroffenen zudem eine Art "Probephase" ihres gewünschten offiziellen Geschlechts ablegen. Ehe ein Gericht über eine Geschlechts- und Namensänderung entscheidet, müssen sie für eine gewisse Zeit ihr inneres Geschlecht auch äußerlich leben, ohne zu wissen, ob das Gericht dem später auch tatsächlich zustimmen wird.

Durch diese Hürde im Transsexuellengesetz (TSG) aus dem Jahr 1980 wollte der Gesetzgeber verhindern, dass mit einer Geschlechtsänderung zu leichtfertig umgegangen wird. Die genaue Dauer bis zur Entscheidung eines Gerichts ist nach den Erfahrungen von Transsexuellen extrem unterschiedlich - sie reicht in etwa von einem Jahr bis zu drei Jahren.