Angebliche Gen-Experimente an Menschen lösen Werte-Debatte aus

Experimente in China

Bild: dpa/Mark Schiefelbein

Zhou Xiaoqin entfernt die Kältespeicherscheide aus einem Behälter für einen Embryo in einem Labor in Shenzhen in der südchinesischen Provinz Guangdong.

Politiker und Wissenschaftler schlagen Alarm: Die Manipulationen an der menschlichen Keimbahn in China seien ein ethischer Tabubruch und wissenschaftlich unredlich. Allerdings gibt es bislang noch keine endgültige Bestätigung für die Experimente.

Die Berichte über Experimente am menschlichen Erbgut in China sorgen weiter für große Irritationen. Sollten die Meldungen stimmen, seien die Kinder offensichtlich "als Versuchskaninchen benutzt worden", erklärte der Forschungs-Experte und zuständige Berichterstatter der SPD-Bundestagsfraktion, René Röspel, am Dienstag in Berlin. Der Vorsitzende des Deutschen Ethikrats, Peter Dabrock, zeigte sich "geschockt und verärgert". Auch die betroffene Southern University in Shenzhen (China) reagierte mit Unverständnis auf die Versuche und kündigte eine genaue Untersuchung an.

"Designerbaby" war bislang tabu

Ein chinesischer Forscher hatte am Sonntag erklärt, mit Hilfe der sogenannten Gen-Schere das Erbgut von Embryonen so verändert zu haben, dass sie nicht an Aids erkranken könnten. Die Zwillinge sollen vor einigen Wochen auf die Welt gekommen sein. Bislang galten solche Experimente auf dem Weg zum "Designerbaby" als Tabu.

Der betroffene Wissenschaftler Forscher Jiankui He befinde sich seit Februar in unbezahltem Urlaub, teilte die Universität mit. Die Versuche hätten außerhalb des Universitätsgeländes stattgefunden und seien weder der Universitätsleitung noch dem Biologie-Institut gemeldet worden. Diese Experimente am menschlichen Erbgut hätten die Standards akademischer Ethik ernsthaft verletzt, so die Hochschule.

Der Eingriff diene in erster Linie der Sensationslust der Forscher, fügte Röspel hinzu. Er stelle eine Grenzüberschreitung dar, vor der der damalige Bundespräsident Johannes Rau schon in seiner Berliner Rede von 2001 gewarnt habe.

Sensationslust der Forscher

Röspel verwies zudem auf einen Antrag der FDP-Bundestagsfraktion, der am kommenden Donnerstag erstmals im Parlament beraten werden soll. Darin fordern die Liberalen, neue Verfahren in der Gentherapie einzusetzen und den technologischen Fortschritt nicht durch Überregulation aufzuhalten. Insbesondere die Gen-Schere CRISPR/Cas9 biete große Chancen. Zugleich würden aber bio-ethische Standards für solche Verfahren benötigt, "damit wir den sensiblen Fragen rund um Veränderung des Erbguts am Menschen gerecht werden", heißt es in dem FDP-Antrag.

Die Versuche seien "unverantwortlich", sagte der evangelische Erlanger Theologieprofessor Dabrock dem Radiosender Bayern 2. Die Rede von einem "Super-GAU" sei angesichts von Berichten über die Geburt der ersten genmanipulierten Babys in verschiedener Hinsicht berechtigt: Denn die Risiken solcher Eingriffe seien unkalkulierbar. Dabrock äußerte sich besorgt, dass nun andere ebenfalls die rote Linie überschreiten könnten.

Der wissenschaftliche Direktor des Münchner Instituts Testbiotech, Christoph Then, sagte dem Evangelischen Pressedienst (epd), falls diese Experimente tatsächlich stattgefunden haben, stehe man "an der Schwelle einer neuen Entwicklung, die wir nicht ausreichend kontrollieren können und die uns zunehmend entgleitet". Testbiotech wurde 2008 als Institut für unabhängige Folgenabschätzung in der Biotechnologie gegründet.

Mensch wird zum Versuchstier

In China habe "die Machbarkeit im Vordergrund gestanden. Es wurde einfach versucht, ob man es technisch hinbekommt", sagte Then. Für diese Versuche habe es keinerlei Notwendigkeit gegeben. Auch ob der Schutz gegen HIV so wirklich verbessert werden könne, sei zweifelhaft. Eine derartige Herangehensweise, mit der Menschen zu einer Art Versuchstier gemacht werden, sei zu verurteilen, erklärte der Experte.



Bislang gebe es aber noch Zweifel an der Richtigkeit der Angaben, berichtete am Dienstag das Wissenschafts-Portal "spektrum.de". Die meisten Fachleute seien bisher zurückhaltend bis skeptisch, so der Newsletter des Heidelberger Fachmagazins "Spektrum der Wissenschaft". Anhand der wenigen verfügbaren Informationen schließe der Genetiker Gaetan Burgio von der Australia National University sogar, das Experiment sei missglückt. Ohne unabhängig begutachtete Publikation sei jedoch kein endgültiges Urteil möglich: "Bislang kann man keinesfalls ausschließen, dass es sich um eine Luftnummer handelt."