Pro und Kontra: Widerspruchslösung bei der Organspende

Organspendeausweise

Foto: epd-bild/Rolf Zöllner

Das Thema Widerspruchslösung bei Organspenden sorgt aktuell für eine kontroverse Debatte.

Im vergangenen Jahr erreichte die Zahl der Organspenden den niedrigsten Stand seit 20 Jahren. Um der Entwicklung entgegenzuwirken, spricht sich Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) für die sogenannte Widerspruchslösung aus. Damit wäre jeder automatisch ein Spender, solange er oder seine Angehörigen nicht ausdrücklich widersprechen. Würde diese Regelung zu mehr Organspenden führen?

PRO: Widerspruchslösung? Bitte ja.

Befürworter der Widerspruchslösung erhoffen sich vor allem mehr Organspender. Auch Jens Spahn argumentiert, nur mit der Widerspruchslösung könne die Organspende zum Normalfall werden. Besonders Spanien, wo die Regelung bereits gilt, wird als Vorbild herangezogen. So sagt auch Bundestagsvizepräsident Thomas Oppermann (SPD): "Es werden dort wesentlich mehr dringend benötigte Organe gespendet und transplantiert als in Deutschland."



Mit der Widerspruchslösung hätten Bürger oder ihre Angehörigen weiterhin die Möglichkeit, eine Organentnahme abzulehnen. Es besteht jedoch die Hoffnung, dass durch die Regelung auch diejenigen zum Spender werden, die einer Organentnahme zwar positiv gegenüberstehen, ihre Entscheidung aber nicht festgehalten haben.

Dass genau dies derzeit passiert, zeigen Studien der Bundeszentrale für politische Aufklärung. So erklärten im Jahr 2016 bei einer Umfrage 62 Prozent der Befragten, die ihre Entscheidung zur Organspende nicht schriftlich festgehalten haben, dass sie sich innerlich für eine Organspende entschieden haben.

Ein weiteres Argument für die Widerspruchslösung: Sie könnte den Angehörigen die belastende Situation ersparen, über den Wunsch des Verstorbenen mutmaßen zu müssen. Denn derzeit müssen die nächsten Angehörigen entscheiden, falls der Angehörige seine Haltung zur Organspende zu Lebzeiten nicht festgehalten hat.

KONTRA: Widerspruchslösung? Bringt nichts.

Der These, die Widerspruchslösung führe zu einer Erhöhung der Organspendezahlen, widersprechen Kritiker. Sie verweisen auf europäische Länder, in denen trotz Widerspruchslösung die Zahl der Spender niedrig ist. Allein die Umstellung auf die neue Regelung führt ihnen zufolge nicht zu mehr Organtransplantationen. Dafür seien weitere Veränderungen notwendig.

Besonderes Augenmerk legt ein Großteil der Kritiker allerdings auf ethische Fragestellungen. So müsse man mit der neuen Regelung von einer "Organabgabepflicht" statt von einer "Organspende" sprechen, kritisiert der evangelische Theologe und Vorsitzende des Deutschen Ethikrats, Peter Dabrock. "Eine solche Regelung würde den menschlichen Körper zu einem Objekt staatlicher Sozialpflichtigkeit machen."

Auch der katholische Ethiker Eberhard Schockenhoff äußert Bedenken: "Der Staat als Verteilorganisation greift auf Organe Verstorbener ohne deren Einverständnis zurück, indem er einen unterlassenen Widerspruch als Zustimmung wertet." Schockenhoff macht zudem auf die Problematik einer möglichen Unkenntnis der Bevölkerung aufmerksam: "Umfragen in Ländern, in denen diese Lösung gilt, zeigen: Die Menschen dort wissen kaum, dass ihnen nach dem Tod Organe entnommen werden können, weil sie nicht widersprochen haben."



Ein weiteres Argument der Kritiker ist die Skepsis der Bevölkerung gegenüber einer Organspende. So warnt der Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch, die Regelung würde das Vertrauen in das Transplantationssystem weiter schwächen. Auch die gesundheitspolitische Sprecherin der Unionsfraktion, Karin Maag, sagt, eine Widerspruchsregelung würde "noch mehr Ängste wecken und das Vertrauen in die Organspende senken".