Abschied mit allen Sinnen

Verstorbene zu Hause aufbahren

Foto: epd-bild / Jochen Günther

Die Mitarbeiter von "Sarggeschichten" zeigen, was bei einer Totenfürsorge zu tun ist, zeigen wie ein Verstorbener zu Hause aufgebahrt werden kann und geben Anregungen, die Trauerfeier persönlich zu gestalten.

Abschied mit allen Sinnen
Der Umgang mit dem Körper der Verstorbenen
Wenn ein naher Angehöriger verstirbt, beginnt für die Hinterbliebenen ein Organisationswettlauf. Den Bestatter verständigen, den Floristen benachrichtigen, die Zeitung anrufen, Benachrichtigungen verschicken und einen Trauerredner finden: In dieser Hektik fehlt allzu oft die Zeit, den Tod überhaupt zu begreifen. Doch es gibt auch Menschen, die auf heilsame Weise versuchen Abschied zu nehmen, indem sie den Tod und ihre Toten nicht aus dem Leben hinausdrängen, sondern sich ganz bewusst mit ihnen auseinandersetzen.

Es ist das Pflegepersonal und es sind die Mitarbeiter von Bestattungsunternehmen, die wissen, wie man die Augen der Toten schließt, den Leichnam wäscht und bekleidet. Sie haben damit ein Wissen, das in der breiten Bevölkerung verloren gegangen ist. In Krankenzimmern und Pflegeheimen nehmen Angehörige Abschied bevor der Bestatter den Leichnam abholt und alle Schritte bis zur Trauerfeier in die Wege leitet. Für viele Deutsche ist es eine Ausnahmesituation einen toten Körper zu berühren. Im Jahr 2016 starben in Deutschland 911.000 Menschen, knapp die Hälfte von ihnen in Krankenhäusern und Pflegeheimen. Die wenigsten Angehörigen möchten sich selbst um den Leichnam kümmern.

Viele Menschen hätten Angst davor dem Leichnam eines Angehörigen zu begegnen, sagt Oliver Wirthmann, Geschäftsführer des Kuratoriums Deutsche Bestatter. Die Angst, sich ohnmächtig und ausgeliefert zu fühlen, lasse viele davor zurückschrecken einen Verstorbenen noch einige Zeit unter den Lebenden zu behalten, ihn zu berühren, ihn vielleicht sogar selbst zu waschen und für die Beerdigung vorzubereiten. Häufig hörten Bestatter den Satz: "Ich möchte ihn so in Erinnerung behalten, wie er war".  Doch wenn die nächsten Angehörigen ihre Verstorbenen nicht noch einmal sehen wollen, so versäumten sie die Möglichkeit den Tod überhaupt zu begreifen, befürchtet Wirthmann.

Doch seit einigen Jahren zeichnet sich ein Wandel in der deutschen Bestattungslandschaft ab. Eine stetig anwachsende Gruppe von Menschen entdeckt den bewussten Abschied von ihren Verstorbenen wieder. Zu ihnen gehört Sarah Benz, sie hat sich den guten Abschied zu einer Lebensaufgabe gemacht: als Trauerbegleiterin im Stadteilbüro und als Mutmacherin im Umgang mit dem Tod. Sarah Benz geht mit ihrer Expertise humorvoll um: "Expertin? Na ich bin ja noch nicht gestorben."

Wer liegt denn hier?

Schon als Kind hatte Sarah Benz einen direkten Umgang mit dem Tod. Denn ihr Elternhaus, das Pfarrhaus, lag direkt neben dem Friedhof. So kam sie ins Gespräch, über die Grabpflege, über die Verstorbenen, über die Trauer der Hinterbliebenen. "Wer liegt denn hier?", fragte sie unverblümt und hörte sich Lebens- und Sterbensgeschichten an. Nach einigem Drängen bekam Sarah Benz sogar ein eigenes Grab, eine kleine verlassene Gruft, deren Pacht ausgelaufen war. Sie bepflanzte und pflegte das Beet um die Gruft und teilte so die nachmittägliche Beschäftigung der Witwen und Friedhofsgärtner.

Einen solchen unverstellten, kindlichen Zugang wünscht sie manchmal auch Erwachsenen. Sie hat selbst miterlebt, wie ein Vierjähriger der verstorbenen Oma noch einmal über die Hand streichelte und verstand, was das eigentlich bedeutet "tot sein" und wie er nach diesem Abschied sagen konnte: "Jetzt hab' ich aber einen riesigen Hunger", und wieder mitten im Alltag angelangte. Denn wie der Tod zum Leben gehört, gehörten auch die Begegnung mit Abschied und der Abschiedsschmerz zum Lebensweg von Kindern und Jugendlichen. 

Doch diese Begegnungen sind in unserer Gesellschaft alles andere als selbstverständlich. Deshalb braucht es Menschen wie Sarah Benz, die Trauernde an die Hand nehmen und ihnen Mut machen sich in dieser belastenden Situation nicht wegzuducken. Gemeinsam mit ihrem Kollegen, dem Bestatter Jan Möllers, erzählt sie auf ihrem YouTube Kanal "Sarggeschichten", die Mut machen sollen. Dort klären die beiden über den Umgang mit Sterben, Tod und Trauer auf. Ihre YouTube Clips zeigen beispielsweise, was bei einer Totenfürsorge zu tun ist, zeigen wie ein Verstorbener zu Hause aufgebahrt werden kann und geben Anregungen, die Trauerfeier persönlich zu gestalten. "Wir möchten einen Raum öffnen um nachzudenken, um zu gestalten, um das Ende des Lebens nicht einfach wegzuschieben", sagt Sarah Benz über ihre Motivation zu den Sarggeschichten.

Immer wieder mache sie die Erfahrung, wie unzureichend man über das Lebensende informiert ist. So wüssten die wenigsten Angehörigen, dass sie ihre Verstorbenen bis zu 42 Stunden im eigenen Zuhause behalten dürfen, oder diese nach dem Tod im Krankenhaus noch einmal zu sich holen können. Ein Zeitraum, der äußerst selten ausgereizt werde, der aber einen inneren Raum öffne, um den Verlust zu begreifen. Diese besonderen Stunden, in denen ein Verstorbener nicht mehr da ist, aber auf eine besondere Art doch noch unter den Lebenden weilt.

Diese Paradox könne man spüren, sagt Sarah Benz, das bedeute anfassen, sehen wie die Haut bleicher wird, wie die Körpertemperatur sinkt und wie sich die Gesichtszüge einer vertrauten Person allmählich verändern. Diese Veränderung mitzuerleben sei heilsam, sagt Sarah Benz. Wenn sie sich an den Todestag ihrer eigenen Großmutter erinnert, ist das ein warmer, ein schöner Tag. Denn der Familie blieb Zeit für den Abschied, Zeit für Gespräche, für Kaffee und Kuchen, Zeit zum Singen und Be-greifen mit der Großmutter in ihrer Mitte.

Sarah Benz und Jan Möllers von Sarggeschichten.

Die deutschen Bestattungsgesetze, bemerkt Sarah Benz, gäben den Angehörigen weniger Freiheiten als dies zum Beispiel in den Niederlanden der Fall sei. Dort, so habe ihr eine befreundete Bestatterin erzählt, könne der verstorbene Großvater noch einmal im eigenen PKW zur Trauerfeier gefahren werden, oder die ganze Familie in einem Trauerbus den letzten Weg zum Friedhof gemeinsam zurücklegen. Die Nähe zu den Verstorbenen sei für die Familien selbstverständlicher, als das bei uns der Fall ist.

Bis sich beim deutschen Bestattungsrecht etwas bewegt, kämpft Sarah Benz gegen die Ängste und Tabus an, die den Umgang mit den Toten vielerorts bestimmen. Sie ist überzeugt, Angehörige können mit dem Tod und mit ihren Toten umgehen. Sie sollen ihre eigene Stärke spüren, auch in einer belastenden Situation, wie dem Tod eines nahen Menschen. In der Totenfürsorge, so erzählt Sarah Benz, seien viele Angehörige dankbar, dass sie ihren Verstorbenen einen letzten Liebesdienst erweisen könnten, indem sie selbst etwas tun können.

Bildergalerie

Noch mal Leben vor dem Tod: Wenn Menschen sterben

Maria Hai-Anh Tuyet Cao, 52 Jahre

Fotos: Walter Schels

Maria Hai-Anh Tuyet Cao, 52 Jahre

Fotos: Walter Schels

<p>Maria Hai-Anh Tuyet Cao, 52 Jahre, geboren am 26. August 1951. Erstes Porträt am 5. Dezember 2003, gestorben am 15. Februar 2004 im Hamburger Leuchtfeuer Hospiz.</p>

<p>Vermutlich wäre Maria Hai-Anh Tuyet Cao anders gestorben, wenn sie sich nicht mit der Lehre der Höchsten Meisterin Ching Hai vertraut gemacht hätte. Die Meisterin spricht: "Was sich jenseits dieser Welt befindet, ist besser als unsere Welt. Es ist besser als alles, was wir uns vorstellen oder nicht vorstellen können." Frau Cao trägt das Bild der Meisterin um den Hals. Unter ihrer Führung hat sie auf dem Weg der Meditation die jenseitige Welt schon bereist. Lange kann es nicht mehr dauern, bis sie dorthin abberufen wird: Ihre Lungenbläschen zerfallen. Aber sie wirkt heiter und gelassen.</p>

<p>"Der Tod ist nichts", sagt Frau Cao. "Ich lache über den Tod. Er ist nicht ewig. Danach, wenn wir zu Gott gehen, sind wir wunderschön. Nur wenn wir in der letzten Sekunde noch an einem Menschen hängen, müssen wir wieder auf die Erde zurück." Jeden Tag bereitet sich Hai-Anh Cao auf diesen Moment vor. Sie will sich im Augenblick ihres Todes von allem lösen.</p>

Michael Föge, 50 Jahre

Fotos: Walter Schels

<p>Michael Föge, 50 Jahre, geboren am 15. Juni 1952. Erstes Porträt am 8. Januar 2003, gestorben am 12. Februar 2003 im Ricam-Hospiz, Berlin.</p>

<p>Michael Föge, groß, sportlich, redegewandt, war zu Berlins erstem Fahrradbeauftragten ernannt worden. Er war glücklich. Mit hundert Gästen hatte er seinen Fünfzigsten gefeiert. Bald darauf fielen ihm beim Reden die Worte nicht mehr ein. Die Ärzte fanden einen Hirntumor. Der Tumor zerstörte innerhalb weniger Monate sein Sprachzentrum, lähmte seinen rechten Arm und die rechte Gesichtshälfte. Im Hospiz wird Herr Föge von Tag zu Tag schläfriger. Irgendwann wird er gar nicht mehr aufwachen. So lange Michael Föge noch konnte, hat er nie über sein Innenleben gesprochen. Jetzt kann er nicht mehr. "Was wohl in seinem Kopf vorgeht?", fragt sich seine Frau. Die Musiktherapeutin hatte den Einfall mit dem Armdrücken. Sie hatte Föges gesunde Hand genommen und ihre Kräfte mit seinen gemessen – ein Dialog ohne Worte. "Ich habe seine Vitalität gespürt. Wir hatten Spaß."</p>

Edelgard Clavey, 67 Jahre

Fotos: Walter Schels

<p>Edelgard Clavey, 67 Jahre, geboren am 29. Juni 1936. Erstes Porträt am 5. Dezember 2003, gestorben am 4. Januar 2004 im Hamburger Hospiz im Helenenstift.</p>

<p>Edelgard Clavey war Chefsekretärin in der Psychiatrischen Uniklinik. Seit ihrer Scheidung Anfang der 80er Jahre lebt sie alleine. Kinder hat sie nicht. Von Jugend an engagierte sie sich in der evangelischen Kirche. Seit einigen Wochen kann sie ihr Bett nicht mehr verlassen. "Der Tod ist eine Lebensreifeprüfung. Die muss jeder Mensch für sich alleine bestehen", sagt Frau Clavey. "Ich wünsche mir so sehr, zu sterben. Ich möchte in das große, unglaubliche Licht eingehen. Aber Sterben ist ein ganz schweres Geschäft. Der Tod hat die Herrschaft, ich kann es nicht beeinflussen. Nur warten, warten, warten. Ich habe mein Leben bekommen, ich musste es leben und gebe es wieder hin. Ich habe immer hart gearbeitet, beinahe in einem diakonischen Sinne: Armut, Keuschheit, Gehorsam. Jetzt bin ich kein Leistungsfaktor mehr. Das tut mir unerträglich weh: Ich will nicht als Kostenfaktor auf dem Berliner Kadaverberg liegen. Ich möchte gehen, am liebsten sofort. Allzeit bereit, wie bei den Pfadfindern."</p>

Heiner Schmitz, 52 Jahre

Fotos: Walter Schels

<p>Heiner Schmitz, geboren am 26. November 1951. Erstes Porträt am 19. November 2003, gestorben am 14. Dezember 2003 im Hamburger Leuchtfeuer-Hospiz.</p>

<p>Heiner Schmitz sah den Fleck auf der Kernspin-Aufnahme seines Gehirns. Er begriff sofort, dass ihm nicht mehr viel Zeit blieb. Schmitz ist ein wortgewaltiger Schnelldenker, nicht ohne Tiefgang. Er arbeitet in der Werbebranche. Da sind alle gut drauf. Normalerweise. Heiners Freunde wollen nicht, dass er traurig ist. Sie wollen ihn ablenken. Im Hospiz gucken sie Fußball mit ihm, so wie immer. Bier, Zigaretten, Zimmerparty. Die Mädels aus den Agenturen bringen Blumen. Viele kommen zu zweit, weil sie nicht mit ihm alleine sein wollen. Was redet man mit einem Todgeweihten? Manche wünschen gute Besserung zum Abschied. Komm bald wieder auf die Beine, Alter!</p>

<p>"Keiner fragt mich, wie's mir geht", sagt Heiner Schmitz. "Weil alle Schiss haben. Dieses krampfhafte Reden über alles Mögliche, das tut weh. Hey, kapiert ihr nicht? Ich werde sterben! Das ist mein einziges Thema in jeder Minute, in der ich alleine bin."</p>

Das Buch im Handel

Foto: Verlagsgruppe Random House GmbH

Kaum etwas bewegt uns so sehr wie die Begegnung mit dem Tod. Kaum etwas geschieht heute so verborgen wie das Sterben. Die Journalistin Beate Lakotta und der Fotograf Walter Schels baten Schwerstkranke, sie in den letzten Tagen und Wochen begleiten zu dürfen. Aus diesen Begegnungen entstanden einfühlsame Schilderungen und Fotos von Menschen am Ende ihres Lebens.
Die Reportage wurde mit dem Hansel-Mieth-Preis ausgezeichnet, für die Porträts erhielt Walter Schels einen zweiten Preis beim Wettbewerb World Press Photo 2004.
Für den Bildband wurden beide mit dem Ehrenpreis für Künstler und Künstlerinnen 2004 der Bundesarbeitsgemeinschaft HOSPIZ ausgezeichnet, das Buch selbst im Bereich der Foto-bildbände mit dem Deutschen Fotobuchpreis 2004.

<p>Beate Lakotta, Walter Schels: "Noch mal Leben vor dem Tod - Wenn Menschen sterben"</p>, erschienen im Verlag DVA/Verlagsgruppe Randomhouse.

Der würdige und der liebevolle Umgang mit dem Verstorbenen ist auch ein Thema des christlichen Glaubens. Denn Gott ist selbst Mensch geworden, der Körper jedes Menschen trägt seine eigene Würde. Gerade der tote Körper in Form des Gekreuzigten ist in Kirchengebäuden, Kunst und Theologie omnipräsent. In der Bibel wird ganz und gar körpernah erzählt. Der auferstandene Christus erlaubt dem zweifelnden Thomas seinen Finger in die Wundmale der Kreuzigung zu legen.

Denn wenn schon die Realität des Todes Anschauung braucht - Be-greifen - um wie viel mehr braucht dann etwas Unfassbares wie die Auferstehung diese Verstehenshilfe. Im Umgang mit den Körpern der Verstorbenen drückt sich sowohl die Hoffnung auf eine leibliche Auferstehung aus, als auch der Glaube daran, dass jeder Mensch und jeder Körper bei Gott bewahrt ist. Wie wir mit unseren Toten umgehen, zeigt, wie wir selbst zum Leben und zu unserer eigenen Sterblichkeit stehen, zeigt, was wir für unsere Toten hoffen und auch für uns selbst.