Bankier der Barmherzigkeit

Friedrich Wilhelm Raiffeisen

Foto: Thomas Frey/dpa

In dem genossenschaftlichen Wohnprojekt "Wohn Art" in Bad Kreuznach sind die Mieter gleichzeitig Miteigentümer. Ein Verdienst des Vaters des Genossenschaftswesens in Deutschland, Friedrich-Wilhelm Raiffeisen.

Bankier der Barmherzigkeit
Vor 200 Jahren wurde Genossenschaftsgründer Friedrich Wilhelm Raiffeisen geboren
Aus einem Bauernsohn aus dem Westerwald wurde ein vielbeachteter Sozialreformer: Auf den gläubigen Christen Friedrich Wilhelm Raiffeisen geht die Genossenschaftsidee zurück. Sein Motto: "Was einer nicht alleine schafft, das schaffen viele."

Die "Koblenzer Volkszeitung" nannte ihn in ihrem Nachruf einen "niemals ausgerufenen König im sozialen Reiche". Das klingt in heutigen Ohren arg pathetisch. Doch Friedrich Wilhelm Raiffeisen (1818-1888) schrieb Sozialgeschichte. Neben Hermann Schulze-Delitzsch (1808-1883) war er einer der Begründer der Genossenschaftsidee. Der fromme, sozialkonservative Raiffeisen war überzeugt, mit seinen Hilfsvereinen und den später daraus entwickelten Genossenschaften "die irdische Wohlfahrt und die himmlische Glückseligkeit" erreichen zu können.

Wer war dieser Mann aus der preußischen Provinz, der auf Bildern unter streng gescheitelten kurzen grauen Haaren freundlich, aber entschlossen durch eine Nickelbrille schaut? Geboren wurde Raiffeisen vor 200 Jahren, am 30. März 1818, in Hamm an der Sieg als Sohn eines evangelischen Landwirtehepaares, das in sehr bescheidenen Verhältnissen lebte. Er war das drittjüngste von neun Kindern.

Bürgermeister im Westerwald

Nach der Volksschule wurde der Junge vom Pfarrer Georg Wilhelm Heinrich Seippel in neueren Sprachen, Mathematik und Geschichte weiter unterrichtet. Er war es wohl, der ihm als Patenonkel spirituelle Impulse gab und den christlichen Glauben zum lebenslangen Antrieb machte.

Raiffeisen wurde zunächst Soldat, musste aber wegen eines Augenleidens den Dienst quittieren. Er war zwei Mal verheiratet, von sieben Kindern starben drei noch im Kindesalter. 1845 wurde Raiffeisen Bürgermeister im Örtchen Weyerbusch im Westerwald. Viel Arbeit wartete auf den jungen Rathauschef, vor allem im Kampf gegen die allgegenwärtige Armut.

Brot auf Schuldschein

Nach zwei schlechten Erntejahren rief er 1846 den "Weyerbuscher Brodverein" ins Leben, dem betuchte Bürger Geld bereitstellten. Der Verein verteilte Lebensmittel und kümmerte sich um den gemeinsamen Bezug von Saatgut und Kartoffeln - ein erstes Projekt des Konzepts "Hilfe zur Selbsthilfe".

Raiffeisen ließ zudem ein Backhaus errichten, stellte einen Bäcker an und ließ das Brot entgegen der Anweisung des Landrates nicht gegen Barzahlung, sondern auf Schuldschein an Bedürftige abgegeben. Und er investierte in Schulen und in den Straßenbau, um den Bewohnern bessere Absatzmöglichkeiten für ihre Produkte zu schaffen.

Flammersfeld: Eine lebensgroße Puppe steht in dem über 230 Jahre alten Fachwerkhaus, in dem der Sozialreformer Friedrich Wilhelm Raiffeisen mit seiner Familie lebte und arbeitete.
Als Raiffeisen zwei Jahre später Bürgermeister im nahen Flammersfeld mit 33 Einzelgemeinden wurde, gründete er dort den "Hülfsverein zur Unterstützung unbemittelter Landwirthe". Mit zinsgünstigen Krediten machte er die Bauern vom wucherischen Geldverleih unabhängig.

Seine letzte berufliche Wirkungsstätte war ab 1852 das Rathaus von Heddesdorf, das heute zu Neuwied gehört. Der dort gegründete "Heddersdorfer Wohlthätigkeitsverein" dehnte seine Aktivitäten auf die soziale Wohlfahrtspflege aus: Aufbau einer Volksbibliothek, Betreuung von Strafentlassenen sowie Versorgung "verwahrloster" Kinder.

Erste Kreditgenossenschaft in Deutschland

Weitere Vereinsgründungen scheiterten jedoch: Die betuchte Klientel wollte ihr Kapital nicht länger für mildtätige Zwecke bereitstellen. Ein Grund lag in der von Raiffeisen hartnäckig verteidigten unbeschränkten Haftung. Danach musste ein Mitglied für sämtliche Verbindlichkeiten des Vereins haften, wenn etwa ein Gläubiger auf Zahlung klagte. Doch das Prinzip bewährte sich: Zu Raiffeisens Lebzeiten ging kein einziger Verein bankrott.

"Mit der Annahme, die Begüterten würden sich als Brüder in Christus auch weitergehend und direkter als durch das Medium Geld den Geringen zuwenden, war Raiffeisen fehlgegangen", urteilt sein Biograf, der Pfarrer und Kirchenhistoriker Michael Klein. 1864 reagierte Raiffeisen und wandelte den Verein in den "Heddesdorfer Darlehnskassen-Verein" mit Sparkasse um, der sich allein auf Geldgeschäfte konzentrierte. Es war die erste Kreditgenossenschaft in Deutschland und der Vorläufer heutiger Volksbanken und Raiffeisenbanken.

In den ehrenamtlich verwalteten Darlehnskassen-Vereinen waren fortan sowohl Kreditnehmer wie auch Kreditgeber Mitglieder. Raiffeisen stärkte damit die Solidarität: Der Kreditnehmer von heute konnte der Kreditgeber von morgen sein.

1865 war Raiffeisen fast völlig erblindet und musste frühzeitig in Pension gehen. Mit starker Unterstützung seiner Tochter Amalie trieb er seine karitativen Projekte weiter voran. 1866 erschien sein Buch "Die Darlehnskassen-Vereine als Mittel zur Abhilfe der Noth der ländlichen Bevölkerung sowie auch der städtischen Handwerker und Arbeiter" - ein praxisnaher Erfahrungsbericht mit Hilfen zur praktischen Umsetzung.

Unaufhaltsame Ideen

Als Raiffeisen im März 1888 kurz vor seinem 70. Geburtstag überraschend starb, waren seine Ideen längst unaufhaltsam in der Welt. Und sind es bis heute: Allein in Deutschland gibt es rund 8.000 Genossenschaften mit fast 23 Millionen Mitgliedern. Die Idee des genossenschaftlichen Wirtschaftens gehört seit 2016 zum Immateriellen Kulturerbe der Menschheit. "Wo das Gemeinwohl wirtschaftlichen Handelns und nicht der Eigennutz im Mittelpunkt steht, ist Raiffeisen nicht fern", erklärt Michael Klein.

Für Werner Böhnke, den Chef der Deutschen Friedrich-Wilhelm-Raiffeisen-Gesellschaft, üben dessen Ideale noch heute einen starken Reiz aus: "Genossenschaften achten auf Fairness, Transparenz sowie auf eine demokratische Ausrichtung. Das sind Werte, die für eine Akzeptanz unserer Wirtschaftsordnung von so ungemeiner Bedeutung sind."

Genossenschaften

Genossenschaften sind freiwillige Zusammenschlüsse von Mitgliedern zu einem gemeinschaftlichen Unternehmen. Sie haben das Ziel, die wirtschaftlichen oder sozialen Aktivitäten ihrer Mitglieder zu unterstützen, etwa durch günstige Konditionen beim Ein- und Verkauf von Waren oder die gemeinsame Herstellung von Produkten. Partizipation, Chancengleichheit und Hilfe zur Selbsthilfe: Das sind die Kerngedanken der Genossenschaftsidee.

In Deutschland gibt es rund 8.000 Genossenschaften mit 23 Millionen Mitgliedern. Die Kooperationen sind nach Angaben des Deutschen Genossenschafts- und Raiffeisenverbandes DGRV weit verbreitet: Praktisch jeder Landwirt ist Mitglied einer Genossenschaft. 60 Prozent aller Handwerker, 75 Prozent aller Einzelhandelskaufleute, 90 Prozent aller Bäcker und Metzger sowie über 65 Prozent aller selbstständigen Steuerberater sind Genossenschaftsmitglieder.

Die 972 Volksbanken und Raiffeisenbanken sowie weiteren Institute und Unternehmen firmieren als genossenschaftliche "FinanzGruppe". Die Kreditgenossenschaften zählen rund 18,4 Millionen Mitglieder. Das bedeutet, dass mehr als die Hälfte aller Kunden von Volksbanken und Raiffeisenbanken gleichzeitig Teilhaber ihrer Bank sind - inklusive aller Vorteile und Mitbestimmungsrechte.

In Deutschland gibt es außerdem etwa 2.000 Wohnungsbaugenossenschaften, die rund 3,2 Millionen Mitglieder haben und rund zehn Prozent aller verfügbaren Mietwohnungen (2,2 Millionen) in ihrem Bestand haben.

332 Sozialgenossenschaften entstanden allein zwischen 2005 und 2014: Etwa die Hälfte dieser Gründungen geht auf Menschen zurück, die von einem örtlichen Missstand betroffen waren und selbst aktiv zu wurden. Sie gründeten Dorfläden, retteten Schwimmbäder, Kinos oder andere Kulturangebote vor der Schließung. Vielfach ermöglichen die Kooperationen auch neue Wohnformen für Alt und Jung.

Unter dem Dach des DGRV sind auch 850 Energiegenossenschaften zusammengeschlossen. Rund 180.000 Menschen engagieren sich in Projekten der erneuerbaren Energieerzeugung wie Photovoltaik, Windkraft oder Biogas über den Netzbetrieb bis hin zur lokalen Energievermarktung.

Der Genossenschaftsgedanke gehört seit November 2016 zum Immateriellen Kulturerbe der Menschheit. Die Idee der beiden Gründerväter Hermann Schulze-Delitzsch (1808-1883) und Friedrich-Wilhelm Raiffeisen (1818-1888) mit ihren sozialen, kulturellen, ethischen, emanzipatorischen und ökonomischen Werten hat so eine weltweite Würdigung erfahren. Weltweit gibt es nach Angaben der Deutschen Unesco-Kommission rund eine Milliarde Genossenschaftsmitglieder in mehr als 100 Ländern.