Bischof: Boko Haram in Nigeria ist nicht militärisch zu besiegen

In Maiduguri in Nigeria sammeln Menschen an einem öffentlichen Bohrloch ihr Wasser. Sie sind vor der Gewalt Boko Harams aus ihren Dörfern geflohen. Ein Junge steht hinter Wasserkanistern.

Foto: Michael Stulman/CRS

In Maiduguri im Nordosten Nigerias sammeln Menschen an einem öffentlichen Bohrloch ihr Wasser. Sie sind vor der Gewalt Boko Harams aus ihren Dörfern geflohen.

Bischof: Boko Haram in Nigeria ist nicht militärisch zu besiegen
Die Terrorgruppe Boko Haram kann nach Einschätzung des nigerianischen Bischofs Matthew Hassan Kukah nicht militärisch besiegt werden.

"Die bewaffneten Auseinandersetzungen können beendet werden, aber der wahre Krieg wird um die Herzen der Menschen geführt", sagte der katholische Geistliche dem Evangelischen Pressedienst (epd). "Denn Boko Haram war zunächst eine Bewegung für mehr soziale Gerechtigkeit, bevor die Idee zu einem islamistischen Staat aufkam, bevor die Gruppe zu dieser monströsen Gewalt übergegangen ist."

Trotz ihrer Brutalität müssten Boko-Haram-Kämpfer, die aus der Terrorgruppe ausstiegen, Unterstützung erhalten, betonte der Bischof der nordwestlichen Stadt Sokoto. "Es ist unsere Pflicht und Verantwortung, uns um ihre Wiedereingliederung in die Gesellschaft zu kümmern." Die Männer hätten nicht ihre Staatsbürgerschaft aufgegeben. Der 66-jährige Kukah war Mitglied der nigerianischen Wahrheitskommission, die sich von 1999 bis 2002 der Aufarbeitung von Menschenrechtsverletzungen von vier Militärdiktaturen und im Biafrakrieg gewidmet hat.

Der ursprüngliche Einsatz von Boko Haram gegen die Ungerechtigkeit in Nigeria habe viele Menschen angesprochen und sie zu Boko Haram hingezogen, sagte der Bischof. "Solange die Korruption in Nigeria anhält, solange die politische Klasse keine Lösungen für die Probleme der einfachen Menschen bereithält, kann das Militär zwar die kämpferischen Auseinandersetzungen gewinnen, aber dann wird diese Unzufriedenheit von einer anderen Gruppe aufgegriffen."

Kukah und die Mitarbeiter seines Instituts für Politik-Forschung und interreligiösen Dialog haben in den drei nördlichen Bundesstaaten, in denen Boko Haram vor allem wütet, die Bevölkerung nach möglichen Lösungen befragt. Ziel sei ein rechtlicher Rahmen für die Aufarbeitung der Gräueltaten, erläutert Kukah. Dabei gehe es den Menschen nicht ausschließlich um die Bestrafung der Täter. "Die Regierung muss ein bisschen kreativer werden."

"Gerechtigkeit ist mehr als ein richterlicher Schuldspruch"

Durch die Gespräche habe er gelernt, dass die Menschen Gerechtigkeit sehr unterschiedlich definierten: ein Dach über dem Kopf, fühlbare Sicherheit oder auch, dass die Kinder zur Schule gehen können. Entsprechend breit seien die Empfehlungen des Instituts an die Behörden ausgefallen. "Gerechtigkeit ist mehr als ein richterlicher Schuldspruch."

Letztlich könne nur so eine Versöhnung in der Gesellschaft erreicht werden, denn die Täter seien Nachbarn oder gar Familienangehörige, betonte der Bischof. "Ob Barcelona, London oder hier im Nordosten, die Menschen kennen die Attentäter als den netten Jungen von nebenan. Wenn die Regierung darauf besteht, dass das Problem rein militärisch gelöst wird, dann werden wir keine Lösung finden."

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Eine Mahlzeit am Tag

Maisblätter

Chris de Bode/laif

Maisblätter

Chris de Bode/laif

Weil Nahrung so knapp ist, werden sogar die Blätter des Mais' getrocknet und gegessen. In der Region Hoher Norden Kamerun überleben viele Menschen mit nur einer Mahlzeit am Tag. 3,8 Millionen Menschen leben dort.

Der Waza-National-Park im Hohen Norden war einst beliebtes Touristenziel. Mittlerweile gelten Safaris dorthin als nicht mehr sicher.

Fischknochen

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Eine Schale Fischknochen ist alles, was von der Mahlzeit übrig bleibt. Mit den kleinen, getrockneten Fischen werden Hauptnahrungsmittel wie Mais gewürzt. Die Fische haben fast kein Fleisch auf ihren Gräten. Ein kleiner schwarzer Plastiksack kostet 200 CFA-Franc (30 Cent) auf dem Meme-Markt, im Hohen Norden Kameruns.

Der anhaltende Konflikt im Nordosten Nigerias hat sich über die Grenzen ausgedehnt und die Unterentwicklung der Region um den Tschad-See (Kamerun, Nigeria, Niger, Tschad) verschärft. Neben dem Konflikt in Nigeria sorgt auch der Klimawandel für eine andauernde Lebensmittelkrise.

Eine Schale gemahlene Erdnüsse

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Aus Erdnüssen machen die Frauen eine ölige Paste: Sie schälen, mahlen und mischen sie mit ihren bloßen Händen. In der Mittagssonne getrocknet, hält sie bis zu einem Jahr. Auf dem Meme-Markt in der Region Hoher Norden in Kamerun kostet ein kleines Säckchen Nüsse 250 CFA-Franc, das sind umgerechnet 38 Cent.

Tomaten sind im Hohen Norden Kameruns ein Luxusgut

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Tomaten sind im Hohen Norden ein Luxusgut. Es gibt nur einen Stand auf dem Meme-Markt, der sie verkauft. Drei Arten Tomaten werden verkauft: 1. groß, knubbelig, grünlich-rot 2. verletzt und eingerissen 3. fast vergammelt. Die Tomate auf dem Bild ist Art Nummer 2. Sie kostet 160 CFA-Franc (24 Cent).

"Super Cereal". Die milchige Flüssigkeit ist ein Notfall-Nahrungsmittel für Kinder ab einem Alter von sechs Monaten und auch für Erwachsene.

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Lebensmittellieferungen in die Region enthalten häufig "Super Cereal". Die milchige Flüssigkeit ist ein Notfall-Nahrungsmittel für Kinder ab einem Alter von sechs Monaten und auch für Erwachsene. Es ist ein Protein-Ersatz, der Ernährungsdefizite ausgleichen soll.

Das vorgekochte Puder aus Mais, Weizen, Reis oder Soja wird mit Vitaminen und Mineralien angereichert und enthält Milchpulver, Zucker und Öl. Es wird mit Wasser angerührt und für 5 bis 10 Minuten gekocht.

Augenbohnen

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Eine 80 Jahre alte Großmutter hat diese schwarze Plastiktüte mit Niebe-Bohnen (Augenbohnen) sorgfältig in der Mauer ihres Hauses aufbewahrt. Sie lebt mit ihren vier Töchtern und Enkelkindern in einem kleinen gemieteten Haus in Maroua, im Hohen Norden Kameruns. Ihr Dorf war eines nachts attackiert worden, alle Männer der Familie wurden entführt oder getötet. Sie versuchen eine Mahlzeit am Tag zu bekommen, aber manchmal gelingt auch das nicht.

Roter Mais auf Mangoblättern

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Roter Mais umgeben von einer Soße aus Mangoblättern.

Diese Mahlzeit hat Palta Ali zubereitet. Sie ist 30 Jahre alt und lebt mit ihren vier Kindern in einem inoffiziellen Flüchlingscamp in Meme, im Hohen Norden Kameruns.

Palta teilt die Mahlzeit mit ihren zwei jüngsten Kindern; Fatomada, 10 Jahre und Boucar, 4 Jahre. Für alle Kinder hat sie nicht genug zu essen: Ali, 15 Jahre und Modou, 12 Jahre, müssen ins Dorf gehen und um Essen betteln.

Palta und ihre Kinder sind aus ihrem Dorf geflohen, nachdem es attackiert worden war. Der Vater der Kinder, Paltas Mann, wurde dabei getötet.

"Morgens und abends sagen meine Kinder, dass sie Hunger haben und etwas essen wollen. Ich mache mir Sorgen um ihre Zukunft. Jeden Tag fehlt es uns an essen. vergangenen Monat war eines meiner Kinder krank. Davor war ich in der Lage, drei Mahlzeiten am tag zuzubereiten. Nun weiß ich nicht, wie ich unsere Lage evrbessern soll. Es ist so schwierig. Ich habe Angst. Meine erste Priorität ist heute. Und was ist morgen?"

Der getrocknete Fisch hat kaum Essbares an seinen Gräten.

Chris de Bode/laif

Der getrocknete Fisch hat kaum Essbares an seinen Gräten. Sieben Stück bekommt man in einer schwarzen Plastiktüte. Mit ihnen werden Hauptnahrungsmittel wie Mais gewürzt. Der Hohe Norden ist die Region am Tschad-See. Zehn Millionen Menschen brauchen dort Hilfe: 2,3 Millionen von ihnen sind Geflüchtete, 7,1 Millionen Menschen können nicht sicher sein, ob sie regelmäßig etwas zu essen bekommen und geschätzte 515.000 Kinder leiden an akuter Unterernährung.

Blätter der Kartoffelpflanze

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Die Tanne-Blätter in diesem Sack stammen von einer Kartoffelpflanze. Sie werden zum Würzen benutzt. Sie können auf dem lokalen Markt gekauft werden und sind eine regionale Spezialität. der Sack kostet 50 CFA-Franc, das sind acht Cent.

Wenn man nur eine Mahlzeit am Tag essen kann, die fast immer aus gekochtem Mais besteht, sind die Menschen dankbar über jeden Geschmack, mit dem sie ihr Essen würzen können.

Roter Mais, Reis, kleingeschnittene Mangoblätter.

Chris de Bode/laif

Das halb gegessene Mittagessen von Ramata Modou, 38 Jahre alt und ihrer Familie: Roter Mais, Reis, kleingeschnittene Mangoblätter. Das wird das Einzige sein, was sie und ihre sechs Kinder heute essen werden. Die Familie hat es erbettelt, indem sie im Dorf von Haus zu Haus gelaufen ist.

Sie ist die ausgewählte Leiterin eines inoffiziellen Flüchtlingslagers für Frauen und Kinder im Dorf Meme.

Während einer Attacke auf ihr Dorf an der Grenze zu Nigeria erlitt ihr Mann einen Herzinfarkt. Ihre 17 Jahre alte Tochter und ihre Enkel wurden entführt. Als sie aus ihrem Dorf floh und in Meme ankam, schlief sie zunächst zwei Monate lang unter Bäumen; gemeinsam mit ihren sechs Kindern zwischen fünf und 16 Jahren.

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