"Zuhören ist wichtiger als reden"

Eine Frau hält die Hand eines trauernden Mannes.

Foto: Getty Images/iStockphoto/Zinkevych

Menschen, die unmittelbar von einem Terroranschlag betroffen sind, brauchen Raum zum Reden und zum Trauern.

"Zuhören ist wichtiger als reden"
Drei Fragen nach dem Anschlag in Barcelona an den Berliner Gedächtniskirchen-Pfarrer Martin Germer
Beim Terroranschlag von Barcelona finden sich Parallelen zum Anschlag vom 19. Dezember 2016 an der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche auf dem Berliner Breitscheidplatz. Gedächtniskirchenpfarrer Martin Germer sprach mit dem Evangelischen Pressedienst (epd) über die Anteilnahme an der Trauer in Spanien.

Der Anschlag in Barcelona erinnert fatal an den Anschlag in Berlin nahe der Gedächtniskirche. Wie gehen Sie damit um?

Martin Germer: Immer wenn so ein schrecklicher Terrorakt passiert, nehmen wir hier an der Gedächtniskirche besonderen Anteil daran. Auch das Gedenken an die Opfer von Barcelona gehört natürlich dazu. Bereits am Donnerstagabend wurde es in den Mittelpunkt einer Andacht gerückt. Am Freitag haben wir eine Gedenkkerze aufgestellt. Unsere Kirche hat täglich Besucher aus aller Welt - auch aus Spanien. Es tut ihnen gut, wenn auch hier in Berlin ihrer Landsleute gedacht wird. Nach dem Anschlag am Berliner Breitscheidplatz hat es auch uns gut getan, Botschaften aus anderen Städten zu bekommen, sei es durch Kirchengemeinden oder durch Menschen, die einen direkten Bezug haben.

Was ist in Barcelona für die Opfer, deren Familien und andere Betroffene - nach Ihrer Erfahrung aus Berlin - jetzt am wichtigsten?

Germer: Wichtig ist, sich Zeit zu lassen wahrzunehmen, was wirklich geschehen ist. Man darf nicht in Aktionismus verfallen. Den Menschen, die unmittelbar betroffen sind, muss man Raum geben zum Reden und zum Trauern. Für die Anteilnehmenden gilt: Zuhören ist wichtiger als reden. Die Betroffenen sollten spüren, es gibt viele andere Menschen, die Anteil nehmen, sie sind nicht allein. Nach der Tat in Barcelona ähnlich wie nach Berlin oder den Anschlägen in Frankreich und Großbritannien ist es aber auch wichtig zu zeigen, wir wollen uns nicht in unserer eigenen Freiheit und Lebensweise einengen lassen. Angst und Hassreaktionen sollen nicht über unser Leben bestimmen. Man darf nicht der terroristischen Logik folgen, die genau das erreichen will. Ganz unangemessen ist zudem Katastrophentourismus: Hier am Berliner Breitscheidplatz gab es auch einige Menschen, die sind nur hierher gereist, um den Anschlagsort zu sehen. Es ging ihnen nicht um Anteilnahme, sondern um Sensation. Es waren allerdings Einzelfälle.

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Was bedeuten Terroranschläge dieser Art für den Zusammenhalt der Gesellschaft?

Germer: Ich hoffe, dass sie am gesellschaftlichen Zusammenhalt nichts ändern. Im Gegenteil: An der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche sind wir seit dem Anschlag vom Breitscheidplatz bemüht, mehr mit Muslimen zusammen zu arbeiten und gemeinsam für ein friedliches Miteinander einzutreten. Wir müssen in der Öffentlichkeit fair mit Muslimen umgehen, denn von den weltweit rund 1,2 Milliarden Muslimen sind nur ein kleiner Anteil radikale, gewaltbereite Islamisten. Vielmehr müssen wir diejenigen Muslime bestärken, die sich für einen friedlichen Islam einsetzen. Das tut man nicht, indem man alle unter Generalverdacht stellt.