Zwei Jahre nach dem Attentat in Sousse kommen die Urlauber wieder

antaoui Bay ist der vermutlich bestbewachteste Touristen-Strand Tunesiens: Zum Strandpersonal jedes Hotels gehören neben den Bademeistern, die auf die Schwimmenden achten, diskret gekleidete Security-Männer in Shorts und T-Shirt.

Foto: Annette Wagner

Kantaoui Bay ist der vermutlich bestbewachteste Touristen-Strand Tunesiens: Zwei bewaffnete Polizisten zu Pferd reiten den Meeressaum in der Kantaoui-Bucht entlang.

Zwei Jahre nach dem Attentat in Sousse kommen die Urlauber wieder
Einheimische und Touristen genießen dort wieder die Urlaubssaison am Mittelmeer, wo vor zwei Jahren 38 Menschen starben. Derweil stehen in Tunis die Hintermänner des Attentäters vor Gericht.

Eine sanfte Meeresbrise raschelt durch die Sonnenschirme aus Schilf, die an den Stränden der 4- bis 5-Sterne-Hotels Spalier stehen. Der Wind kühlt die Hitze in der Kantaoui-Bucht im Norden von Sousse wohltuend herunter. Thea Müller (63) liegt im Schatten auf einer bequem gepolsterten Liege und schaut auf die sanft anrollenden Wellen. Ab und zu strickt die Nürnbergerin eine Reihe an einer melierten Socke "für Obdachlose, die unsere Kirchengemeinde unterstützt." Ihre Ehefrau Gitta (67) kommt vom erfrischenden Bad im Meer an den Liegeplatz zurück, nimmt ihr Kreuzworträtsel-Heft wieder auf. "Endlich wieder in Tunesien!" seufzt Thea und schaut glücklich hinaus aufs Mittelmeer, das sich als türkisblaue Badewanne vom blendenweißen Sandstrand bis an den Horizont erstreckt. Acht Jahre lang waren die Einkünfte des Paares zu knapp, um wieder an ihren Traumstrand kommen zu können, jetzt sind zurück: "Bis 2009 waren wir zwölf Jahre lang jeden Sommer hier im gleichen Hotel - und wir wollen nirgends anders hin." Abgesehen vom garantierten Sonnenschein und traumhaften Sandstrand lieben sie die aufrichtige Herzlichkeit des Hotelpersonals: "Diese warmherzige Gastfreundlichkeit gibt es nur in Tunesien."

Ehepaar Thea (63) und Gitta (67) Müller aus Nürnberg sind seit langem Tunesien-Fans.

"Und wir haben keine Angst!" ergänzt Thea mit kurzem Blick auf den benachbarten Hotelstrand. Für Dutzende europäischer Touristen verwandelte sich hier am 26. Juni 2015 ihr Traumurlaub binnen Sekunden in einen Albtraum: 38 Menschen starben, als ein 24-jähriger Tunesier, aus dem Meer kommend, aus einer Sonnenschirmhülle ein Maschinengewehr zog und auf Gäste am Strand und in der Hotelhalle schoss. Der Täter Seifeddine Rezgui war in islamistischen Kreisen in der benachbarten Provinz Kairouan radikalisiert und in Libyen im Umgang mit Waffen ausgebildet worden. Zwei Deutsche und 30 Briten waren unter den Opfern. Die tunesische Polizei traf erst 22 Minuten nach Eingang des Notrufes ein, weswegen sechs Beamten derzeit gemeinsam mit den Hintermännern des Attentäters in Tunis der Prozess gemacht wird.

Reinigungsfrau Dalila Mosbahi (36) putzte gerade im zweiten Stock des "RIU Imperial Marhaba" die Zimmer, als sie die Schüsse am Strand hörte.

Das tunesische Hotelpersonal scheint nicht nur besonders freundlich, sondern auch sehr mutig zu sein: Reinigungsfrau Dalila Mosbahi (36) putzte gerade im zweiten Stock des "RIU Imperial Marhaba" die Zimmer, als sie die Schüsse am Strand hörte. Am Hotelpool warf der Attentäter zwei Handgranaten. Als sie sah, dass er durch den Garten auf den Hoteleingang zuging, rannte sie in die Lobby hinunter, lotste panisch umherrennende Menschen in den ersten Stock und schloss sie dort in Zimmer ein. Einigen Gästen hat Dalila so wohl das Leben gerettet. Dass sie selbst dabei sterben könnte, darüber hat sie nicht nachgedacht: "Viele von ihnen kannte ich seit Jahren, das waren doch keine Fremden!" Nach der Wiedereröffnung des Hotels Ende Februar ist sie, wie fast alle Angestellten des Hotels,  dorthin zurückgekehrt. Nicht nur, weil das Arbeitsklima dort gut war, das Erlebte verbindet: "Wir sind so etwas wie eine Familie, wir passen aufeinander auf."

Dem 5-Sterne-Hotel sieht man zwei Jahre nach dem Attentat nichts mehr an. Es wurde aufwändig renoviert, hat eine elegante Spa- und Thalasso-Abteilung und einen neuen Namen bekommen: "Kantaoui Bay". Französische, belgische, russische Gäste liegen entspannt an Pool und Strand. Ein deutscher Hotelkonzern hat das Haus übernommen, ist dem Management zufolge auf der Suche nach weiteren Häusern im oberen Preissegment in Tunesien. Die Branche setzt offensichtlich wieder auf Tunesien. Und auch die Kunden kommen zurück: Viele Hotels in Sousse sind aktuell gut besucht, manche für Juli und August sogar ausgebucht.

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Der Tourismussektor Tunesiens, nach den beiden Anschlägen 2015 auf Touristen im Hotel "Imperial Merhaba" in Sousse und auf das "Bardo"-Museum in Tunis in den Keller gestürzt, hat sich erholt. Wohl auch deshalb, weil sich in der öffentlichen Wahrnehmung die terroristische Gefahrenzone in die Herkunftsländer der Urlauber verschoben hat. Viele Menschen am Strand von Sousse denken wohl so wie Thea Müller: "Spätestens seit Manchester und Berlin ist klar, was vorher viele Deutsche nicht wahrhaben wollten: dass Terrorismus ein weltweites Problem ist. Und dass es einen theoretisch überall erwischen kann, auf einem Popkonzert in Manchester wie in London oder auf dem Weihnachtsmarkt in Berlin." Wer die Situation noch genauer analysieren will, weiß, dass es keinen weltweiten Glaubenskampf von Muslimen gegen Andersgläubige gibt. Die Gräueltaten einzelner Gruppierungen werden aus politischem und wirtschaftlichem Kalkül heraus zu Taten des so genannten Islamischen Staates gemacht.

Die Fama einer weltweiten Bedrohung durch eine weltumspannende Gruppe religiöser Fanatiker kommt vereinzelten Extremistengruppierungen so gut zupass wie Weltmächten, die ihr Eingreifen in Konfliktherde in arabischen Staaten damit zu legitimieren versuchen. Der Angstmache vor Terrorismus kann jeder einzelne Tourist durchs Reisen, durch Offenheit für andere Kulturen und Lebensweisen etwas entgegensetzen. "Wir lassen uns nicht einschüchtern", bekräftigt die Nürnbergerin Thea Müller nochmals burschikos, "dann hätten die doch ihr Ziel erreicht." Ihre strickende Ehefrau nickt zustimmend. "Wir erzählen hier allerdings auch nicht unbedingt, dass wir verheiratet sind." Beiden ist bewusst, dass man in Tunesien gegenüber gleichgeschlechtlichen Lebenspartnerschaften bislang wenig tolerant zeigt.

Mit Fastenbrechen am Strand gegen den Extremismus

Teenager stürzen sich unter lautem Geschrei vom vorgelagerten Felsen in die kühlen Wellen. Ernste Großmütter, trotz großer Hitze von Kopf bis Fuß schwarz gekleidet, hüten lockenköpfige Kinder, die im Wasser plantschen. Die tunesischen Sommerferien haben grade begonnen. Und auch im Zentrum der Mittelmeerstadt Sousse, am Stadtstrand Boujaafar ist Ende Juni, trotz ruhigerem Lebenstempo wegen Ramadan, wieder Sommerfröhlichkeit zu spüren. Als an der Strandpromenade eine Glocke bimmelt juchzen alle Kinder. Der süße Duft von Zuckerwatte weht über den Strand: "Bart des Propheten" heißt die klebrige rosa Köstlichkeit in arabischen Ländern. Hinter dem jetzt von einer Kindertraube umringten Verkäufer hält mit quietschenden Reifen ein Pickup: Junge Frauen und Männer hieven stapelweise weiße Plastikstühle und -Tische von der Ladefläche auf den Strand hinunter. Auf ihren schwarzen T-Shirts steht in roter Schrift "weloveSousse", daneben ein Herz. Unter fröhlichen Zurufen bauen sie acht lange festliche Essenstafeln am Meeressaum auf.

Nach dem Attentat waren die Strandpromenade von Sousse und die malerischen Gassen der Altstadt von Tunesiens drittgrößter Stadt lange Zeit gespenstisch leer. Die Touristen blieben weg und die Einheimischen aus Angst vor weiteren Anschlägen zuhause.

Atmosphärischer Eindruck vom Fastenbrechenin der Altstadt  mit "welovesousse"-Mitarbeitern.

"Und viele Eltern fürchteten", erzählt "welovesousse"-Aktivistin Hanen Jrad (24), "auch ihre Kinder könnten in extremistische Kreise geraten. Es gab ein tiefes Misstrauen gegenüber jeder Gruppierung. Anfangs war es deshalb schwer für uns, Mitstreiter zu finden." Die Jugendbewegung "welovesousse" wurde nach dem Attentat 2015 gegründet, um Selbstbewusstsein und Identität der jungen Frauen und Männer durch gemeinsame soziale und kulturelle Aktivitäten zu stärken. Gegen die Stigmatisierung ihrer Heimatstadt als "Terroristen-Nest" und gegen extremistische Tendenzen in umliegenden Regionen haben die mittlerweile 40 Mitarbeiter von "welovesousse" und andere Initiativen wie "Sousse demain" seitdem optimistisch und beharrlich angearbeitet. Mit Kulturveranstaltungen, Gesprächsrunden, sozialem Engagement für bedürftige Familien. In den ersten beiden Ramadan-Wochen haben sie trotz brütender Hitze Nahrungsmitteltüten an über 250 Familien in den Provinzen Sousse und Kairouan verteilt: gefüllt auf Spendenbasis durch Kunden, die sie in Supermärkten ansprachen oder Einheimische, die sie finanziell unterstützt haben.

Mitarbeiter von "welovesousse" bestuhtlen in der Medina oder am Strand zum gemeinsamen öffentlichenFastenbrechen nach Einbruch der Dunkelheit: Auch Urlauber sind herzlich willkommen.

"We love Sousse!" rufen sie und bilden das symbolische Herz mit ihren beiden Händen. "Wir haben keine Angst, das ist unsere Stadt!" Diesen Sommer trägt ihr beharrlicher Einsatz spürbar Früchte: Mit allabendlichen kleinen Konzerten und Geschichtenlesungen konnten sie die malerische Altstadt und den Strand des populären Badeortes am Mittelmeer zu neuem Leben erwecken. Ihr Verdienst ist auch, dass man das Fastenbrechen nicht mehr zuhause im Kreis der Familie feiert, sondern jeden Freitag im Ramadan Hunderte von Menschen auf Plätzen in der Stadt gemeinsam speisen. Kaum sind im Licht der Abendsonne die Tischreihen am Plage Boujaafar aufgestellt, ertönt von den Türmen der umliegenden Moscheen das vierte Tagesgebet: Iftar!

Jetzt dürfen Muslime wieder essen und trinken. Alte und junge Menschen, modern und traditionell gekleidete, packen ihre Körbe aus, bieten einander Essen an. Mit Mandelmus oder Butter gefüllte Datteln sind die erste Speise des Fastenbrechens. Auch einige Urlauber aus Deutschland und Italien sitzen mit an den fröhlichen Tafeln, werden mit den Köstlichkeiten der tunesischen Küche versorgt. Das völkerverbindende Vertrauen in Zeiten des Extremismus, es wächst und gedeiht in Sousse. "welovesousse"-Generalsekretärin Hanen Jrad blickt etwas erschöpft, aber sehr glücklich über die 250 Menschen am Strand: "So sind wir Tunesier eigentlich: offen und gastfreundlich." Sie hofft, dass immer mehr Touristen aus den großen Hotelanlagen den Weg ins Stadtzentrum zu ihren Veranstaltungen finden und mit jungen Tunesiern ins Gespräch kommen. Begegnung mit dem vermeintlich Fremden: das beste Mittel gegen irrationale Angst.

Durch die Tragödie zur internationalen Gemeinschaft geworden

Der Belgier Marc Hoste wird am 26. Juni in die Kantaoui-Bucht zurückkommen, um mit Hotel-Bademeister Lotfi Torkhan (52) und den vier Männern vom Wassersport-Posten, der "Beach Bay Kantaoui 3", gemeinsam den Jahrestag des Attentates zu verbringen. "See you at 11:45, I will be there" hat er an die vier Sportbootfahrer und Surflehrer gepostet, die wie Hoste und seine Frau die Bluttat überlebt haben. Stilles Gedenken an die Toten und solidarisches Beisammensein über Ländergrenzen hinweg. Den Belgier hat das Attentat nicht aus Sousse vertreiben können: "Ich mache seit 39 Jahren Urlaub in Tunesien und dabei wird es bleiben." Aber das Ehepaar wird in einem anderen Hotel wohnen. So viel Sicherheitsabstand zur Erinnerung brauchen die beiden.

Die Speedbootfahrer und Surflehrer von "Kantaoui Beach Bay 3" (v.l. Chef Sahbi und sein Team Hamadi, Hussein und Wael) haben im Sommer 2015 die tödliche Attacke überlebt und waren seitdem jeden Tag gemeinsam am Strand, obwohl es eineinhalb Jahre lang kaum Arbeit gab.

Doch mit den Männern, die als Sport-Animateure am Strand arbeiten, und dem Personal des jetzigen "Kantaoui Bay Hotel" verbindet ihn neben einer jahrelangen Freundschaft jetzt der Versuch, den Albtraum am Traumstrand gemeinsam zu verarbeiten. Die Männer von der Strandsport-Bude traf das Attentat am härtesten. Sie erlebten den Überfall mit – und haben fast zwei Jahre nahezu arbeitslos auf den Tatort gestarrt. Chef Sahbi erklärt bedrückt, warum: "Anders als das Hotelpersonal, das in einem anderen Haus arbeiten konnten, hatten wir keine Chance, diesen Ort zu verlassen und keine Einkünfte. Die Strandbuden für sportliche Animation sind fest vergeben, ein Ortswechsel war ausgeschlossen – zumal die gesamte Stadt mit dem schlagartigen Absturz der Urlauberzahlen zu kämpfen hatte." Von ursprünglich vier Motorbooten hatte er nur noch eins am Strand, musste einige seiner Mitarbeiter entlassen.

Ums Überleben kämpft seit dem Attentat auch Khemaies Jerbi, der in der Straße zum Strand einen kleinen Laden mit Fouta-Tüchern, den tunesischen Wickeltüchern für Strand und Hamam, Badebekleidung und ausgesucht schönem traditionellem Schmuck betreibt. Den Einschlag der Kugeln aus der Maschinenpistole des flüchtenden Attentäters und der Sicherheitskräfte, die ihn schließlich erschossen, sieht man noch an seiner Fassade. Auch Jerbi setzt auf finanziellen Aufschwung diesen Sommer. Zwei Jahre nach den Attentat sind die Touristenstrände im Norden von Sousse gut gesichert: Zum festen Strandpersonal jedes Hotels gehören neben den Bademeistern, die auf die Schwimmenden achten, diskret gekleidete Security-Männer in Shorts und T-Shirt. Zwei bewaffnete Polizisten zu Pferd reiten den Meeressaum in der Kantaoui-Bucht entlang, zwei weitere Beamte tauchen ab und zu mit einem Quad-Motorrad auf. Auch die "Garde Nationale" observiert die Strände von Sousse von einem Schnellboot vom Meer aus.

Zwei Beamte tauchen ab und zu mit einem Quad-Motorrad in der Kantaoui-Bucht auf.

Hotel-Bademeister Lotfi Torkhani (52) hatte Glück am 26. Juni 2015. Er hatte seinen freien Tag als das Attentat passierte. Am nächsten Morgen tat er, was die Treue zu seinen langjährigen Gästen ihm gebot: Er sammelte Handtücher, Bücher, persönlichen Gegenstände der Verstorbenen ein, beschriftete Tüten mit ihren Namen, brachte sie an die Rezeption. Er kannte alle Gäste, manche kamen seit Jahrzehnten.

Lotfi Torkhani, Bademeister, arbeitete vorübergehend in einem anderen Hotel und ist seit der Neueröffnung unter Deutscher Leitung und neuem Namen wieder zurückgekehrt.

Wie Reinigungsfrau Dalila Mosbahi wollte auch er nach der Neueröffnung des Hotels unbedingt an seinen alten Arbeitsplatz zurück: "Es ist ein gutes Haus, wir sind wie eine Familie hier." So bald neue Hotelgäste den Strand betreten begrüßt Lotfi sie freundlich in ihrer Heimatsprache: auf Französisch, Englisch – neuerdings häufig Russisch. Die Saison 2017 ist gut angelaufen, dreiviertel der Plätze unter den Sonnenschirmen sind belegt. Auch auf der Liege direkt vor ihm liegt ein Krimi und ein Sonnenhut. Lotfi hält kurz inne: "Das waren die Stammplätze eines britischen Ehepaares, das auch erschossen wurde. Gute Freunde, wir haben uns unser halbes Leben erzählt. Sie kamen aus Manchester."

Die Augen des Bademeisters sind aufmerksam auf einige Hotelgäste gerichtet, die sich juchzend in die Wellen des Mittelmeers werfen. Alles in Ordnung. Eine Frau hatte aufgeschrien, als ihr Freund sie ins Wasser schubste. Plötzlich lächelt Lotfi, zückt sein Handy und zeigt Fotos von einem fröhlichen Bade-Event im Mai: Da buchten 400 Anwälte und Anwältinnen aus Italien das gesamte Hotel für ein solidarisches "Anbaden" der neuen Saison. Am Strand bildeten sie eine Menschenkette, sangen gemeinsam und rannten in die Fluten: "Avanti Tunesien! Wir haben keine Angst."

Die Aktion und der ausgelassene Tag mit den Gästen haben ihn und die Wassersport-Animateure sehr glücklich gemacht und die Hoffnung zurück gebracht, dass die Europäer den Tunesiern wieder vertrauen; dass sie alle wieder ausreichend Arbeit haben werden, um ihre Familien ernähren und ihren Kindern eine Ausbildung bezahlen zu können. Am benachbarten Hotelstrand spazieren jetzt auch Gitta und Thea Müller durch den warmen Sand ins glitzernde Mittelmeer. Die Sommerleichtigkeit ist zurück an den Stränden von Sousse.

Am Freitag, 26.05.2017, begann in Tunis der Prozess gegen sechs tunesische Polizisten wegen unterlassener Hilfeleistung und 20 Hintermänner des Attentäters Seiffedine Rezgui, der am Tatort erschossen worden war. Am 26. Juni 2015 hatte der 24-jährige tunesische Student mit einem Maschinengewehr und zwei Handgranaten 38 Urlauber am Strand und in Garten und Halle eines Fünf-Sterne-Hotels getötet und 39 Menschen verletzt. Warum die Beamten der nahegelegenen Polizeistation erst 22 Minuten nach Eintreffen des Hilferufs vor Ort erschienen sind, ist eine Frage, die zu klären sein wird.

20 weitere Personen, alle Tunesier, sind wegen Mord, terroristischen Verbrechens und "Verschwörung gegen die Sicherheit des tunesischen Staates" angeklagt. Ihr Kontakt zum Attentäter ergibt sich aus der Auswertung von dessen Handydaten. Der Täter hatte sich tunesischen Behörden zufolge "hauptsächlich" im Internet radikalisiert und war dann im benachbarten Libyen an den Waffen ausgebildet worden, mit denen er gezielt ausschließlich europäische Gäste erschoss. Einen der drei – unbewaffneten – Sicherheitsleute des Hotels hatte er zur Seite geschubst, als er mit der Kalaschnikov in die Halle stürmte.

Zwei Opfer kamen aus Deutschland, zwei aus Frankreich, 30 aus Großbritannien. Das britische Auswärtige Amt rät seine Bürgern auch zwei Jahre nach dem Attentat weiterhin davon ab, nach Tunesien in den Urlaub zu fahren. In einer Verhandlung in London im Februar, bei der unter anderem Angehörige der Toten angehört wurden, nannte Ermittlungsrichter Nicholas Loraine-Smith das Verhalten der Sicherheitskräfte "bestenfalls chaotisch, im schlimmsten Fall feige".

Nach den Anschlägen von 2015 in Sousse und auf das Bardo-Museum in Tunis hatte Tunesien ein Anti-Terrorgesetz verabschiedet, das für "terroristische Verbrechen mit Todesfolge" die Todesstrafe vorsieht. Seit 1991 werden in Tunesien eigentlich keine Todesurteile mehr vollstreckt, abgeschafft wurde die Todesstrafe allerdings nie. Ein Anwalt eines Angeklagten kritisierte bei der ersten Anhörung, dass die Verhaftung seines Mandanten lediglich auf Basis von Hörensagen und nicht von Beweisen erfolgt sei, ein anderer berichtete von unter Folter erzwungenem Geständnis. Der Anwalt eines Polizisten, Fathi el-Mouldi, hatte vor Prozessbeginn geäußert, dass man bei allem gebotenen Respekt gegenüber den Verstorbenen und deren Angehörigen keine Menschen verurteilen, um politischem Druck aus England zu begegnen. Der Prozess vor der auf Terrorismus spezialisierten Fünften Strafkammer des Gerichtes in Tunis wird am 3. Oktober fortgesetzt.