Das Göttliche und die Gier

Weihfiguren der Inka-Kultur in Gestalt eines nackten Paares aus Gold und Silber

Foto: Weltkulturerbe Völklinger Hütte/Hans-Georg Merkel

Weihfiguren der Inka-Kultur in Gestalt eines nackten Paares aus Gold und Silber

Das Göttliche und die Gier
Die Ausstellung "Inka - Gold. Macht. Gott"
Vor 500 Jahren beendeten die spanischen Eroberer die Inka-Kultur. Eine Großausstellung im Weltkulturerbe Völklinger Hütte beschäftigt sich mit der Epoche und der untergegangenen Hochkultur. Damals prallten zwei Welten - und damit vor allem auch zwei Wertvorstellungen brutal aufeinander.

Francisco Pizzaro war verblüfft. Der letzte Inka-König Atahualpa ließ seine Gefängniszelle mit Gold anzufüllen und die daneben gleich zweimal mit Silber dazu. Er wollte die Gier der Spanier nutzen, um sich freizukaufen. Das Angebot Atahualpas und Pizzaros angebliche Reaktion im Jahr 1532 zeigen vor allem eins: Die vollkommen unterschiedlichen Wertvorstellungen der Inka und der Conquistadores. Für die Europäer hatten die Edelmetalle vor allem materiellen, für die Südamerikaner ideellen und religiösen Charakter.

"Zwei Weltkonzepte prallten aufeinander", sagt der Generaldirektor  des Weltkulturerbes Völklinger Hütte, Meinrad Maria Grewenig, Die Welterbe- Stätte beleuchtet in diesem Jahr die Hochkultur der Inka und ihrer Vorgänger: "Inka – Gold. Macht. Gott" läuft dort noch bis zum 26. November. Vor den mächtigen, schwarzen Maschinen in der Gebläsehalle des ehemaligen Eisenwerks glänzen mehr als 220 Exponate. Sie stammen vor allem aus dem weltberühmten Larco-Museum in Lima und Cusco, der früheren Inka-Hauptstadt. Ergänzt wurde die Ausstellung um Exponate aus dem Musée des Jacobines in Auch/Frankreich, dem Weltmuseum Wien, dem Roemer und Pelizaeus-Museum, Hildesheim, dem Musée de l'Armée, Paris, und den Riss-Engholm-Museen, Mannheim. In den ersten zwei Wochen wurden bereits rund 10 000 Besucher gezählt, besonders viele aus dem Ausland.

Porträt von Atahualpa

Die Großausstellung beginnt sozusagen von hinten. Gezeigt werden Waffen der Spanier, mit denen 172 Soldaten die damalige Weltmacht besiegten – Rüstung, Schwert, Helm und Hakenbüchse. Dem südamerikanischen Volk waren Schießpulver, Eisen und Pferde, mit denen Pizzaro und seine Mannen anrückten, völlig unbekannt. "Biologische Waffen" taten ihr Übriges. Das Immunsystem der Südamerikaner war nicht auf Krankheiten wie Pocken, die die Eroberer eingeschleppt hatten, vorbereitet. "So wurden 3000 Jahre Kultur ausradiert", sagt Grewenig.

Diese 3000 Jahre werden in den folgenden Sektionen der Ausstellungen beleuchtet. Die Exponate in Völklingen sind allesamt Grabbeigaben, denn die Spanier ließen sonst nichts vom Gold und Silber der oberiridischen Kultur übrig. Gezeigt werden Gefäße oder Fruchtbarkeitssymbole aus kunstvoller Keramik, Gesichtsschmuck aus Gold und Silber, Opfermesser aus Kupfer oder geheimnisvoll verknotete Wollfäden. Sie zeugen von einem den Europäern völlig fremden Wertesystem, auf das sich das größte Weltreich der damaligen Zeit gründete. Gold stand in der Andenregion für die Oberwelt der Götter und für die Macht ihrer Vertreter auf Erden, den Inka-Königen. Silber verkörperte das weibliche Prinzip sowie die Unterwelt der Toten, Kupfer die irdische Welt und den Opferkult.

Die spanischen christlichen Eroberer hatten vor allem eins im Sinn: Macht und Reichtum. Pizzaro, Spross aus niederem verarmten Landadel und Abenteurer, hielt nichts mehr, als er von dem sagenhaften Goldreich in Südamerika hörte. Für ihn hatte das wertvolle Edelmetall eine ganz andere Bedeutung als für die Inka. Und die war weder ideell noch religiös. Nach zwei fehlgeschlagenen Versuchen landete er schließlich 1532 im Auftrag der spanischen Krone im Norden Perus. Seine 172 Mann besiegten die Inka und nahmen deren letzten Herrscher gefangen. Etwa 180 Tonnen Gold und 16 000 Tonnen Silber wurden eingeschmolzen und nach Spanien verschifft.

Dort brachten die Schätze dem notorisch blanken katholischen Köngishaus der Habsburger ungeahnte Einnahmen. Das  "Siglo de Oro" – das goldene Zeitalter brach an. Die Spanier erlangten angesichts des neuen Reichtums die Vorherrschaft über die Weltmeere. Aber es gab auch Schatten: Durch das Inka-Gold wurde die erste große Inflation in Europa ausgelöst. Und die Spanier mussten ihre Herrschaft über die Weltmeere eine Generation später an die Briten abtreten.

Der Versuch Atahualpas aber, mit Gold und Silber sein Leben zu retten, war vergeblich. In einem Schauprozess wurde er zum Tode verurteilt. Um einer Verbrennung auf dem Scheiterhaufen zu entgehen - das hätte sein Leben im Jenseits unmöglich gemacht - ließ er sich taufen. Ein Jahr nach Pizzaros Ankunft in Südamerika wurde Atahualpa schließlich mit der Garrotte erdrosselt.