Weitermachen trotz Bomben und Terror

Christliche Kinder in der Stadt Al-Arish in Ägypten. Unbarmherzig sind Christen und Muslime in Ägypten bei interreligiösen Liebesbeziehungen.

Foto: reuters/Amr Dalsh

Christliche Kinder in der Stadt Al-Arish in Ägypten.

Weitermachen trotz Bomben und Terror
Wie Christen und Muslime in Ägypten miteinander auskommen
Bomben und Terror können Christen und Muslime in Ägypten nicht wirklich auseinanderbringen. Wenn Blut vergossen wird, ist die Solidarität in der Regel groß. Viel gefährlicher für das Miteinander ist dagegen das unterschwellige Misstrauen dem Andersgläubigen gegenüber, das seit Jahrzehnten herrscht.

Manchmal ist eine Taxifahrt in Ägypten aufschlussreicher als jede Konferenz zum christlich-muslimischen Miteinander. Emad arbeitet seit vielen Jahren als Fahrer in Alexandria. Der Familienvater hat in der westlichen Auslandsgemeinde den Ruf des zuverlässigen und ehrlichen Chauffeurs, mit dem sich auch gut ein Gespräch über Politik und Gesellschaft führen lässt. Das Ziel, ein Kloster zwischen Alexandria und Kairo kennt er zwar nicht, aber er freue sich darauf, selbiges jetzt kennenzulernen. Die Christen seien ja gute Menschen und er habe als Moslem überhaupt kein Problem mit ihnen, sagt er freundlich, während wir bei Tempo 120 auf der gut ausgebauten Wüstenautobahn Richtung Süden fahren. Er erzählt von seinen christlichen Nachbarn und von den christlichen Jungen im Fußballteam seines halbwüchsigen Sohnes. Dass der Islamische Staat Anfang des Jahres den Christen in Ägypten offiziell den Krieg erklärt hat, findet er bizarr. "Was haben die Terroristen schon zu sagen? Es ist schlimm, was sie machen, aber mit uns Muslimen in Ägypten hat das nichts zu tun."

Wie Emad reden und empfinden die meisten Muslime in Ägypten. Und wenn der IS seiner Kriegserklärung Taten folgen lässt, wie an Palmsonntag in Tanta oder Alexandria, dann ist die Solidarität mit den Christen landesweit groß. Moscheen rufen zu Blutspenden für die Verletzten auf, Muslime gehen mit Christen auf die Straße und machen ihrer Wut über das unnötige Blutvergießen und das Versagen der Sicherheitskräfte lautstark Luft. Und wenn ein aufgeheizter Mob wie im August 2013 durch Ägyptens Straßen zieht, dann finden sich immer wieder auch Muslime, die die Christen und ihr Eigentum tapfer verteidigen. Auf den ersten Blick scheint das christlich-muslimische Miteinander in Ägypten eine stabile Basis zu haben.

Nach zwei Stunden Fahrt durch langweilige Wüstenlandschaft ist das Kloster erreicht. Der Wärter am Tor fragt nach Emads Personalausweis. Zögernd reicht er ihn aus dem Fenster. "Jetzt wissen gleich alle hier, dass ich Muslim bin", sagt er verunsichert. "Sowas spricht sich sofort herum." Auf die Frage, ob ihm das denn unangenehm sei, antwortet er: "Mir wäre es lieber, ich könnte hier einfach so hinein." Selbst die Beteuerung, dass er in einem Kloster nun wahrhaftig nichts zu fürchten habe, kann ihn nicht überzeugen. "Du kennst Ägypten nicht", sagt er und fährt langsam durch das Tor.

Das Kloster ist wie eine Oase. Palmen säumen die sauber gefegten Wege, Blumen blühen in Beeten und Kübeln, ein künstlicher Wasserlauf schlängelt sich durchs Gelände. "Sowas haben wir Muslime nicht", sagt Emad neidisch. "Aber uns würde die Regierung ja auch kein Land dafür geben." Auf die Frage, ob er das wirklich ernst meine, lacht er nur sarkastisch und meint: "Natürlich, die Regierung bevorzugt die Christen doch." Auf der Rückfahrt erzählt er, dass es zwar freundlich gewesen sei, dass man ihn im Kloster zum Mittagessen eingeladen habe, "danach war aber klar, dass ich den Raum verlassen soll, damit ich nicht zuhören kann, wenn Ihr Euch unterhaltet." Eine der Mitarbeiterinnen habe ihm unmissverständliche Zeichen gegeben. Welche Zeichen das waren, will er nicht verraten. Jedenfalls sei er froh, dass wir jetzt wieder nach Hause fahren.

Emads Reaktion ist ein typisches Beispiel für das unterschwellige Misstrauen, auf das man überall in Ägypten stößt, sobald man etwas länger mit Menschen über das Miteinander von Christen und Muslimen redet. Auch unter Christen sind solche misstrauischen Stimmen zu hören, wie zum Beispiel die des koptischen Taxifahrers in Kairo, der der westlichen Kundin eindringlich davon abrät, Muslimen zu vertrauen. Die seien nicht ehrlich.

As-Sisis christenfreundliche Politik

Dieses Misstrauen ist der Nährboden für die vielen kleinen Auseinandersetzungen zwischen Christen und Muslimen, die es seit vielen Jahren vor allem im ländlichen Bereich gibt. Meist schaffen sie es nicht in die internationalen Schlagzeilen. Meistens beginnen sie mit Streitigkeiten um ganz triviale Dinge wie eine Ladenmiete, eine Feldpacht oder einen Unfall, bei dem die Schuldfrage nicht eindeutig ist. Besonders unbarmherzig wird es bei interreligiösen Liebesbeziehungen, die es in Ägypten genauso wie überall auf der Welt gibt. Verliebt sich ein christliches Mädchen in einen muslimischen Klassenkameraden, sieht ihr Umfeld in der Regel rot. Um eine mögliche Konversion zum Islam zu verhindern, werden die jungen Frauen manchmal sogar in Klöstern versteckt oder gefangen gehalten, je nach dem, auf welchem Standpunkt man steht. Für das muslimische Umfeld des jungen Mannes kann dies der Casus Belli, der Kriegsfall, sein: Die Christen wollten ein Mädchen am Übertritt zum Islam hindern. In den vergangenen Jahren ist es insbesondere in oberägyptischen Dörfern immer wieder zu Brandanschlägen auf Kirchen oder Häuser von Christen gekommen, weil sich zwei ineinander verliebt hatten, die sich aus Sicht ihrer Familien nicht hätten verlieben sollen.  

Die vollmundigen Kriegserklärungen von Terrorgruppen haben wenig Einfluss auf das Miteinander zwischen Christen und Muslimen. Das schleichende Gift ist vielmehr das unterschwellige Misstrauen auf beiden Seiten. Zum einen beruht es auf der durchaus menschlichen Reaktion, dass Andersartigkeit beunruhigend wirken kann. In Ägypten leben Christen und Muslime nun schon seit 14 Jahrhunderten zusammen und jede Epoche hatte ihre Mechanismen, um mit der religiösen Heterogenität der Gesellschaft umzugehen. In den vergangenen Jahrzehnten hat die christliche Minderheit an verschiedenen Punkten das Gefühl bekommen, nur Bürger zweiter Klasse zu sein. Während überall in Ägypten Moscheen so hoch und so groß gebaut werden können, wie Muslime es wünschen, müssen Christen oft viele Jahre warten, manchmal sogar vergeblich, bis sie die Genehmigung für ein kleines Kirchlein bekommen. Immer wieder werden Karriereträume begabter Christen durchkreuzt, weil ein Posten einem weniger begabten Muslim gegeben wird. Und Verbrechen an Christen werden vor Gerichten oft weniger scharf geahndet, als wenn der Geschädigte ein Muslim ist. Diese systemische Diskriminierung ist der eigentliche Sand im Getriebe des christlich-muslimischen Miteinanders.

Und genau dagegen will nun der herrschende Präsident, Abd al-Fattah as-Sisi, vorgehen. Bei jeder Gelegenheit spricht er davon, alles für die Gleichberechtigung der Christen in Ägypten tun zu wollen. Seit seinem Amtsantritt im Juni 2014 fährt er eine ausgesprochen christenfreundliche Politik. Er lässt sich, anders als seine Amtsvorgänger, jedes Jahr im Weihnachtsgottesdienst bei Papst Tawadros blicken, ruft Staatstrauer aus, wenn Kopten bei Anschlägen getötet werden, lässt zerstörte Kirchen aus Steuermitteln wiederaufbauen, hat zwei Christen zu Ministern in seine Regierung berufen und mittlerweile auch ein Gesetz vom Parlament verabschieden lassen, welches endlich den Bau von Kirchen regeln soll. Christenfreundlicher geht es nicht, könnte man meinen. Ob es ihm wirklich gelingt, die Christen auf eine Stufe mit den Muslimen in Ägypten zu stellen, wird sich erst noch zeigen müssen. Viele Christen und Muslime zweifeln, dass er es wirklich ernst meint. Die kollektive Wut auf das offensichtliche Versagen der Sicherheitskräfte bei den jüngsten Anschlägen zeigt dies mehr als deutlich.

Und was tun die religiösen Institutionen? Ihnen käme als erstes die Aufgabe zu, für einen entspannten Umgang mit der Andersgläubigkeit zu sorgen. In den letzten Jahrzehnten hätte in Ägypten von Seiten der Kirche und der Azhar, der großen Lehrinstitution des sunnitischen Islam, durchaus mehr getan werden können. Lange Zeit hatte die koptische Kirche sich in Abschottung geübt und den Dialog nur bei offiziellen Anlässen in Form von Lippenbekenntnissen geführt. Ähnlich war es auf muslimischer Seite. Die Gewalt zwischen den Religionsgruppen einzudämmen, war nicht gerade Herzensanliegen der altehrwürdigen Institution.

In jüngster Zeit kann aber auf beiden Seiten ein Umdenken beobachtet werden. Mit Papst Tawadros hat die koptische Kirche seit vier Jahren ein Oberhaupt, das für einen authentischen Dialog mit dem Islam bekannt ist. Auch aus den Reihen der jüngeren Bischofsgeneration sind kluge Töne zu hören. Und bei der Azhar gibt es ebenfalls eine Reihe von Theologen, die den Dialog mit dem Christentum suchen und den Auftrag dazu im Koran verorten können. Mittlerweile bekommt das vorsichtige Gespräch sogar internationale Rückendeckung. Medienwirksam besuchte Papst Franziskus Ende April das Volk am Nil, traf sich nicht nur mit seinem Amtsbruder Tawadros, sondern auch mit dem Groß-Imam der Azhar, Ahmad Mohammad al-Tayyeb. Dieser hatte zeitgleich zu einer internationalen Friedenskonferenz eingeladen, zu der auch der Ökumenische Rat der Kirchen gekommen war. Und was die prominenten Religionsoberhäupter dabei über Toleranz, Frieden und Gewalt im Namen der Religion sagten, fand in den Zeitungen und den sozialen Netzwerken in Ägypten millionenfachen Widerhall. Man mag eine solche Konferenz als Symbolpolitik abtun, für die vielen Christen und Muslime in Ägypten, die sich um ein ehrliches und friedliches Miteinander mit dem andersgläubigen Nachbarn bemühen, sind solche Veranstaltungen in ihrer Wirkkraft nicht zu unterschätzen. Sie beflügeln zum Weitermachen trotz Bomben und Terror.  

###galerie|142404|Anschlag auf koptische Christen in Kairo.###