Die Gewalt der Kuhrächer

Kuh auf der Straße in Indien

Foto: Michael Lenz

Für Hindus ist die Kuh unantastbar.

Die Gewalt der Kuhrächer
Indiens evangelische Christen schicken Brandbrief an Premierminister Modi
"Gau Mata Ki Jai!", ist der Schlachtruf der sogenannten indischen "Kuhrächer". Das heißt so viel wie "Heil der heiligen Kuh!". Die "Kuhrächer" greifen zur Selbstjustiz, morden sogar, wenn Christen oder Muslime ihrer Meinung nach Schandtaten gegen Kühe begehen.

Da glaubt man schon jede Form des religiösen Extremismus zu kennen. Dann tauchen die Kuhrächer auf und belehren einen eines Besseren. Kuhrächer sind eine Erscheinung des zunehmenden radikalen, intoleranten Hinduismus in Indien. Die Gau Rakshas – so der indische Name – greifen immer häufiger zur Selbstjustiz bei angeblichen Schandtaten von Muslimen oder Christen gegen Kühe. Zehntausende Gau Raksha operieren bereits in 22 der 29 Bundesstaaten. Für Hindus ist die Kuh unantastbar. Schon in den ältesten indischen Schriften, den Veden, kommt die Kuh als Mutter- und Erdgöttin Prithivi Mata vor.

Erst Anfang April haben die Kuhrächer wieder einen Mord begangen. Ein 55 Jahre alter muslimischer Milchbauer hatte Kühe auf einem Markt in Jaipur in Rajastan gekauft und wollte diese mit einem Viehwagen zu seinem Bauernhof transportieren. Auf der Fahrt wurde der Mann von mehr als 200 Kuhrächern überfallen und brutal ermordet.

Im Juli vergangenen Jahres wurden in der Stadt in Mandsaur im indischen Bundesstaat Madhya Pradesh zwei muslimische Frauen brutal zusammengeschlagen: Sie hatten 30 Kilo Rindfleisch gekauft. Die Polizei schaute der Gewalt tatenlos zu. Erst als die Frauen schwer verletzt auf dem Boden lagen, griffen die Beamten ein - und verhafteten die Frauen.

Die Gewalttaten der Kuhrächer in Rajastan und Madhya Pradesh sind keine Einzelfälle. Seit dem Erdrutschsieg der hindu-nationalistischer Indische Bharatiya Janata Partei (BJP) von Premierminister Narendra Modi im Mai 2014 sind radikale Hinduorganisationen wie entfesselt. Christen und Muslime werden diskriminiert, geschlagen, ermordet oder zum Übertritt zum Hinduismus gezwungen.

Die Gau Raksha sind dabei nur eine Facette der radikalen Hindubewegung, die aus Indien, dem Geburtstort großer Religionen wie dem Buddhismus, Sikhismus und Jainismus und eben dem Hinduismus, einen hinduistischen Gottesstaat machen wollen. In diesem Indien haben andere Religionen keinen Platz.

Hindus verehren Kühe, weil sie die Menschen mit den "Fünf heiligen Gaben" versorgen.

In einem Offenen Brief an Premierminister Modi beklagt sich der Dachverband der evangelischen Kirchen "National Council of Churches in India" (NCCI) über die zunehmenden Angriffe radikaler Hindus auf Minderheitsreligionen. "Mit beeindruckenden Slogans wie ‚Achhe Din' oder ‚Neues Indien' beschreiben Sie die Zukunft des Landes", schreibt NCCI-Generalsekretär Roger Gaikwad in dem Brief und fragt: "'Neues Indien' für wen?...Viele Leute, die zu Ihrer Regierung, zu Ihrer Partei gehören, vermitteln ein Bild des ‚Acche Din', in dem die (Verfassungs-) Werte von Gerechtigkeit, Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit erstickt werden. Selbstjustiz ist zur populärem Methode solcher Personen und Organisationen geworden."

Mit "solchen Organisationen" meint Gaiwad die hindu-nationalistische Hindutva-Bewegung. Hindutva bezeichnet ein politisches Konzept, das die Ausrichtung Indiens nach hinduistischen Regeln zum Ziel hat und das seit 1989 die offizielle Ideologie der BJP von Premierminister Modi ist. Die Position der BJP ist nicht nur in Neu Delhi gefestigt, sondern inzwischen auch in vielen Bundesstaaten. Vor wenigen Wochen errang sie bei Regionalwahlen einen Erdrutschsieg. Der größte Preis war der Sieg in Uttar Pradesh (UP), dem mit 200 Millionen Einwohnern größten indischen Bundesstaat. Mit dem Hindupriester Yogi Adityanath ernannte Modi einen Mann zum Regierungschef von UP, der in seiner Politikerkarriere mit Aussagen wie "Für jeden getöteten Hindu müssen 100 Muslime getötet werden" für Furore sorgte.

Sein Amt trat Yogi Adityanath mit zwei dröhnenden religiös-nationalistischen Paukenschlägen an. Der Polizei befahl Yogi Adityanath die Bildung von "Anti-Romeo-Einheiten". Diese Mischung aus Religions- und Moralpolizei soll junge Paare in der Öffentlichkeit auf schickliches Verhalten kontrollieren. In Wirklichkeit sollen sie Techteltmechtel zwischen Hindus und anderen Religionen verhindern. Die Hindunationalisten sind davon überzeugt, dass Männer von Minderheitsreligionen wie Christen und Muslime als "Liebeskrieger" darauf aus sind, Hindu-Frauen zu verführen und zur Konvertierung zu zwingen.

Dann ordnete Adityanath die Schließung aller Schlachthäuser ohne staatliche Lizenz an. Das ist ein Schlag gegen die 40 Millionen Muslime in UP: Den vielen kleinen muslimischen Metzgereien geht es an den Kragen, muslimische Arbeiter verlieren ihre Jobs.

Die Schlachthäuser sind ein wichtiger Wirtschaftszweig. Trotz der Verehrung der Kuh stieg Indien 2014 zum weltweit größten Exporteur von Rindfleisch auf und verwies den bisherigen Marktführer Brasilien auf den zweiten Platz. Obwohl das indische Exportrindfleisch größten Teils von Wasserbüffeln stammt, die nicht den Heiligenstatus genießen, leidet auch die Branche mit einem Jahresumsatz von 4,8 Milliarden Dollar und 2,5 Millionen Beschäftigten zunehmend unter den Kuhrächern.

Im Norden Indiens wachsen Hanf-Pflanzen wie Unkraut. Die Kühe machen keinen Unterschied zwischen Hanf und anderem Grünzeug.

Premierminister Modi schweigt zu der radikal-religiösen Politik seiner Parteigenossen und wenn er sich doch mal kritisch äußert, dann so vage, dass es eher wie eine lästige Pflichtübung zur Besänftigung seiner Kritiker im In- und Ausland klingt. Reverend Gaikwad schreibt in seinem Offenen Brief an Modi: "Sie haben öffentlich die Bombenanschläge vom 9. April 2017 – am Palmsonntag - auf Kirchen in Ägypten verurteilt, aber am gleichen Tag wurden in einigen indischen Bundesstaaten Gottesdienste gestört. Will die Regierung warten, bis auch in Indien Kirchen bombardiert werden, bevor sie solche Verurteilungen ausspricht?"

Nach der Gewalt gegen die beiden Frauen in Mandsaur äußerte sich Modi erstmals zu den Gau Rakshaks. "Diesen falschen Gau Rakshaks geht es nicht im die Kühe. Sie wollen gesellschaftliche Spannungen schaffen", sagte Modi. Indiens Christen Indiens klagen aber, dass Modi den Worten keine Taten folgen lässt. "Modi sollte mit Hilfe des Regierungsapparates die gesetzlosen Aktionen stoppen können", sagt Pater Devasagaya Raj, Sekretär der Kommission für Dalit der katholischen Bischofskonferenz.

Striktere Gesetze gegen Gräueltaten gefordert

Gut die Hälfte der rund 25 Millionen indischen Christen gehört zur Kaste der Dalit, ehemals Unberührbare genannt. Sogenannten "scheduled casts" wie den hinduistischen Dalit garantiert Indiens säkulare Verfassung wirtschaftliche, soziale und politische Förderprogramme. Christliche und muslimische Dalit aber gelten nicht als "scheduled classes". Das nennt Reverend Gaikward "Kastenselbstjustiz". "Sie wissen, dass Dalit Selbstmord begehen, weil das System, in dem sie gefangen sind, ihnen keine Hoffnung bietet", schreibt der NCCI-Generalsekretär an Modi. "Sie wissen auch, dass Dalitfrauen von gewissen Kasten ausgebeutet, sogar vergewaltigt und ermordet werden." Dann fährt Gaikwad bitter fort: "Immer striktere Gesetze werden gegen das Schlachten von Kühen erlassen. Wie wäre es mit strikteren Gesetzen gegen Gräueltaten der Kasten?"

Die Kuhrächer haben von der BJP-Regierung, der Polizei und der Justiz wenig zu befürchten. In Uttar Pradesh wurde ein Prozess gegen 18 junge Gau Rakshaks, die einen Muslim umgebracht haben, ein Politikum. Die Familienangehörige der Angeklagten drohen unverhohlen mit Gewalt, sollten die Männer verurteilt werden. Unterstützt werden sie und ihre Anwälte militanten Hinduorganisationen -  und der BJP.