"Es war eine Atmosphäre der Solidarität"

Trauernde Menschen an der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche in Berlin am Tag (20.12.2016) nach dem Attentat.

Foto: Fabrizio Bensch/Reuters

Trauernde Menschen an der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche in Berlin am Tag (20.12.2016) nach dem Attentat.

"Es war eine Atmosphäre der Solidarität"
Barbara Deml ist evangelische Pfarrerin und ehrenamtlich als Notfallseelsorgerin tätig. Sie war Montagabend nach dem LKW-Anschlag auf dem Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz im Einsatz. In ihrer ersten Schicht kümmerte sie sich um Menschen, die nach dem Anschlag unter Schock standen. Viele suchten verzweifelt nach Angehörigen oder Freunden. In einer zweiten Schicht betreute sie die Rettungskräfte.

Ab wann waren Sie als Notfallseelsorgerin im Einsatz und wie haben Sie die Situation vor Ort empfunden?

Barbara Deml: Gegen viertel vor zehn kam ich an. Der Breitscheidplatz war sehr hell ausgeleuchtet, und es war gespenstisch still. Die Polizei hatte den Platz um die Gedächtniskirche großräumig abgesperrt, überall flackerte Blaulicht. Als ich an der Polizeisperre anhielt und fragte, wo ich mein Auto parken kann, spürte ich den Druck, unter dem die Beamten standen. Obwohl ich noch nicht wusste, was überhaupt geschehen ist, war mir klar: Das hier ist von richtig großer Dimension.

Gleich nach Ihrer Ankunft mussten Sie sich bei der Einsatzleitstelle melden. Sie koordiniert die Arbeit der Seelsorgerinnen und Seelsorger. Wohin wurden Sie hingeschickt?

Deml: Ins Hotel Waldorf-Astoria. Dort hatte die Polizei nach dem Anschlag eine Betreuungsstelle eingerichtet. Als ich ankam, war nur eine weitere Seelsorgerin da, aber viele Leute warteten auf ein Gespräch. Das Hotel hat mehrere Räume zur Verfügung gestellt und das Personal hat unseren Einsatz unterstützt: Mit den Betroffenen wurde sehr einfühlsam kommuniziert, sie wurden ganz selbstverständlich mit Tee oder Kaffee versorgt. Diese Atmosphäre der Solidarität habe ich an dem Abend mehrfach erlebt.

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Wer ist an diesem Abend zu Ihnen gekommen und worüber wollten die Menschen mit Ihnen sprechen?

Deml: Zum einen kamen Augenzeugen, die nicht verletzt worden sind. Doch das Erleben des Anschlags hat viele so traumatisiert, dass sie draußen auf dem Platz große Angst hatten. In solchen Fällen betreuen wir die Menschen, bis sie von sich aus bereit sind, den geschützten Raum wieder zu verlassen. Denn unabhängig davon, ob die äußere Situation tatsächlich sicher ist oder nicht: Die Menschen müssen innerlich verarbeiten, dass sie selbst ein Teil dieses Ereignisses sind. Sie brauchen Zeit, um zu realisieren, was passiert ist. Erst dann können sie aufbrechen und sich wieder frei bewegen. Übrigens waren alle Betroffenen, die ich betreut habe, englisch- und spanischsprachig. Für sie war die Situation nach dem Anschlag doppelt schwer. Denn ihnen war nicht klar, wie die medizinische Notfallversorgung hier in Deutschland läuft. Selbst diejenigen, die Nachrichten von verletzten Angehörigen oder Freunden erhalten haben, wussten nicht, wo und wie sie diese wiederfinden können.

Wie haben die Betroffenen Sie gefunden?

Deml: Die Polizei hat sie zu uns gebracht. Darunter waren viele Menschen, die nicht wussten, ob ihre Familienmitglieder oder Freunde tot sind oder schwer verletzt. An dem Abend waren sehr viele Betroffene nicht mehr über ihr Telefon erreichbar – das war ein Riesenproblem. Unmittelbar nach dem Anschlag ist Panik ausgebrochen. Die Leute sind um ihr Leben gerannt, ihre Handys haben sie auf der Flucht verloren. Einige wurden in dem Gedrängel verletzt. Eine typische Situation nach dem Anschlag war: Von fünf oder sechs Menschen, die den Weihnachtsmarkt gemeinsam besucht haben, um dort einen schönen Abend zu verbringen, waren zwei nicht mehr da. Und sie gingen nicht ans Telefon, SMS blieben unbeantwortet. Diese Ungewissheit war für alle schwer zu ertragen.

Was fordert Sie in solchen Momenten am meisten?

Deml: Auch für uns Seelsorger ist es schwer, mit der Ungewissheit umzugehen. Sind die Menschen, die wir beraten, grundlos in Sorge? Oder werden sie eine Todesnachricht erhalten? Unter diesen Bedingungen ruhig zu bleiben und die Menschen unterstützend zu begleiten, ist schon sehr herausfordernd. Ich versuche, ihnen das Gefühl zu geben: Ihr seid nicht allein. Es gibt Handlungsmöglichkeiten, die wir gemeinsam erarbeiten.

"Alles, was Du jetzt machst, ist okay. Es ist alles erlaubt in so einer Situation"

Wie gehen Sie im Gespräch konkret vor?

Deml: Das ist ganz unterschiedlich. Mein Gegenüber gibt das Programm vor und ich docke daran an: Manchmal wollen die Leute reden – es gibt Menschen, die reden wie ein Wasserfall. Sie brauchen mich vor allem als Zuhörerin. Andere Menschen sind unter dem Schock regelrecht verstummt. Auf keinen Fall versuche ich, sie zum Reden zu zwingen. Sondern einfach für sie zu sorgen. Mit einem Tee, einem Wasser oder einem Taschentuch. Wichtig ist, miteinander in Kontakt zu kommen. Über Blicke oder auch über eine Berührung. Ebenso wichtig ist, dem Gegenüber zu vermitteln: Alles, was Du jetzt machst, ist okay. Es ist alles erlaubt in so einer Situation.

Gab es unter den betroffenen Angehörigen eigentlich wütende Reaktionen oder Hass auf den oder die mutmaßlichen Täter? Spielte das an dem Abend eine Rolle?

Deml: Nein, überhaupt nicht. Das war unter den Betroffenen kein Thema. Ich hatte eher das Gefühl, dass die Menschen sich in dieser Situation näher gekommen sind und sich Halt gegeben haben. Das gilt auch für die Rettungskräfte und Betreuer. Zwei Vertreter der Jüdischen Gemeinde kamen auf eigene Initiative in die Notfallseelsorge und haben uns ihre Hilfe angeboten. Außerdem waren muslimische Seelsorgerinnen und Seelsorger gemeinsam mit uns im Einsatz. Die arbeiten zwar eigenständig, werden aber auch von unserer Einsatzleitstelle koordiniert. Und eine Ärztin, die vor dem Anschlag auf dem Weihnachtsmarkt unterwegs war, hat sich spontan um Menschen gekümmert und bei kleineren Verletzungen erste Hilfe geleistet.

Wie unterstützen Sie die Rettungskräfte nach dem Einsatz?

Deml: Was an dem Abend sehr belastend war: Die meisten Toten konnten nicht identifiziert werden. Der Zustand der Leichen war schlimm. Sie waren so zerstört, dass einzelne Körperteile nicht mehr zugeordnet werden konnten. Bei diesem Thema habe ich an dem Abend auch meinen persönlichen Glauben mit in die Gespräche eingebracht. Denn ich bin überzeugt, dass die Würde eines Menschen nicht von seinem körperlichen Zustand abhängt. Selbst dann, wenn eine Leiche nicht mehr identifizierbar ist: Die Würde einer Person liegt jenseits ihrer Versehrtheit. Ich hoffe, dass dieser Glaube auch Rettungskräfte und Angehörige trösten und stärken kann.

Wie verarbeiten Sie selbst das Erlebte?

Deml: Wenn ich nach so einem Einsatz nach Hause komme, habe ich so eine Art "Ritual", um selbst zur Ruhe zu kommen. Ich gehe nicht gleich zu Bett, sondern setze mich noch einen Moment, manchmal mit einer Kerze, allein hin und überdenke die letzten Stunden, versuche das Erlebte auch spirituell zu verarbeiten. Dabei rufe ich mir die Menschen ins Gedächtnis, denen ich begegnet bin und stelle mir vor, ihr Leid und ihr Schicksal Gott zu übergeben. Es geht also um das "Loslassen". Wir Seelsorgerinnen und Seelsorgern bekommen aber auch eine Nachsorge; nach einem großen Einsatz gibt es das Angebot von Seelsorge und Nachgespräch durch die Leitung der Notfallseelsorge.

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