Immer mehr Menschen trotz Vollzeitjob von Armut bedroht

Immer mehr Menschen trotz Vollzeitjob von Armut bedroht
In der Europäischen Union (EU) sind immer mehr Menschen von Armut bedroht, obwohl sie einen Vollzeitjob haben. Grund dafür sei unter anderem der wachsende Niedriglohnsektor, heißt es in einer am Montag in Gütersloh vorgestellten Studie der Bertelsmann Stiftung.

Demnach waren im vergangenen Jahr 7,8 Prozent der Vollzeitbeschäftigten in der EU von Armut bedroht, gegenüber 7,2 Prozent zwei Jahre zuvor. Der Vorstandsvorsitzende der Stiftung, Aart De Geus, äußerte sich besorgt: "Ein steigender Anteil von Menschen, die dauerhaft nicht von ihrer Arbeit leben können, untergräbt die Legitimität unserer Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung."

Als armutsgefährdet gelten nach EU-Definition alle Personen, die mit weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens (Median) der Bevölkerung auskommen müssen. Außerdem profitierten insbesondere Kinder und Jugendliche zu wenig von der wirtschaftlichen Erholung nach der Finanzkrise, heißt es in der Untersuchung. In dem Gerechtigkeitsindex, der die Teilhabechancen der Menschen misst, belegt Deutschland demnach in diesem Jahr wie im Vorjahr Rang sieben unter den 28 EU-Staaten - an der Spitze liegen Schweden, Finnland und Dänemark, das Schlusslicht ist Griechenland.

Teilhabechancen von Kinder und Jugendlichen in Südeuropa besonders schlecht

2015 waren laut der Studie 65,6 Prozent der EU-Bürger erwerbstätig, ein Anstieg um fast ein Prozent gegenüber dem Vorjahr. Die Arbeitslosenquote ging von 10,4 auf 9,6 Prozent zurück, liegt aber immer noch deutlich über dem Vorkrisenniveau (7,1 Prozent im Jahr 2008). Diese Entwicklung gehe jedoch nicht einher mit einem deutlich sinkenden Armutsrisiko, hieß es. Noch immer sei fast jeder vierte EU-Bürger von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht.

In allen EU-Ländern seien die Teilhabechancen von Kindern und Jugendlichen noch immer deutlich schlechter ausgeprägt als vor der Wirtschafts- und Finanzkrise, erläuterten die Autoren der Studie. Rund 27 Prozent der Kinder und Jugendlichen bis 18 Jahren sind demnach von Armut oder Ausgrenzung gefährdet - in den südlichen EU-Staaten Griechenland, Italien, Spanien und Portugal liegen diese Werte noch weit höher: In diesen Ländern ist durchschnittlich mit 33,8 Prozent etwa jedes dritte Kind von Armut bedroht.

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Südeuropäische Länder haben zusätzlich mit dem Problem eines hohen Anteils von Jugendlichen zu kämpfen, die komplett außerhalb von Job und Ausbildung leben und somit kaum Chancen auf einen sozialen Aufstieg haben. In Italien gehören fast 31,1 Prozent der Jugendlichen zu dieser Gruppe, in Griechenland rund 26 Prozent, in Spanien 22 Prozent.

Mit dem EU-Gerechtigkeitsindex untersucht die Bertelsmann Stiftung nach eigenen Angaben jährlich die Teilhabechancen in den 28 EU-Mitgliedsländern. Dabei werden Armut, Bildung, Arbeitsmarkt, Gesundheit, Generationengerechtigkeit und Nicht-Diskrimierung betrachtet.