Die Suche nach der Weltformel

Denkmal von Gottfried Wilhelm Leibniz in Leipzig.

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Denkmal von Gottfried Wilhelm Leibniz in Leipzig.

Die Suche nach der Weltformel
Der große Denker Leibniz suchte nach dem Anfang allen Seins. Und legte dabei die Grundlagen für moderne Mathematik, Sprachwissenschaft und sogar Computertechnologie. In mindestens zwei Punkten war er seiner Zeit weit voraus.

Gottfried Wilhelm Leibniz war ein Universalgelehrter, "wie es heute nicht mehr möglich ist", erklärt der Philosoph und Bestseller-Autor Richard David Precht. Denn "niemand kann das Wissen seiner Zeit mehr bündeln und systematisieren". Leibniz konnte das - und gab den Wissenschaften Impulse, die bis heute nachwirken. Vor 300 Jahren, am 14. November 1716, starb er in Hannover.

Bis heute zähle der Wissenschaftler zu den größten Geistern Europas, würdigt die Leibniz Universität Hannover ihren Namensgeber: Er legte die Grundlagen der modernen Mathematik und vieler technischer Disziplinen. Er gilt als einer der Väter der modernen Sprachwissenschaft, von ihm stammt der Grundstein für die Computertechnologie. In Religionsfragen war er ein Pionier der heutigen Ökumene, bemühte sich um die Einheit der Christen in Europa.

Und in seiner berühmten "Monadologie" spekulierte Lebniz, was wohl die Welt im Innersten zusammenhält. Was ihn beschäftigte, war die Suche nach dem Geheimnis des Lebens, den Bausteinen des Universums, die Frage nach dem Anfang von allem Sein - oder schlicht nach der Weltformel.

"Die Eins war für ihn Gott und die Null das Nichts"

Der Start ins Leben stand unter einem guten Stern: Der hochbegabte Gottfried Wilhelm wurde am 1. Juli 1646 - einem Sonntag - in Leipzig in in eine Gelehrtenfamilie hineingeboren. Sein Vater war Jurist und Professor für Moralphilosophie, seine Mutter die Tochter eines angesehen Rechtswissenschaftlers. "Leibniz' Vater verstarb früh und hinterließ eine umfangreiche Bibliothek, die dem Achtjährigen zugänglich gemacht wurde, nachdem er ohne fremde Hilfe Latein gelernt hatte", schreibt der Leibniz-Experte Hans Poser.

In mindestens zwei Punkten war der Denker seiner Zeit voraus, sagte Philosoph Precht dem Evangelischen Pressedienst (epd): "Er dürfte der Erste gewesen sein, der 'digital' dachte. Er baute nicht nur die erste digitale Rechenmaschine, sondern er stellte sich auch alles andere digital vor, das heißt, als eine Entscheidung zwischen Eins und Null. Die Eins war für ihn Gott und die Null das Nichts."

Zudem habe er versucht zu ergründen, wie sich das menschliche Bewusstsein als eine Einheit selbst steuert und hervorbringt. Precht: "Diese Frage beschäftigt Neurobiologen und Philosophen noch heute."

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Leibniz, der nie verheiratet war, soll einen eher mönchischen Lebenswandel geführt haben. Freundschaften, die über wissenschaftliche oder politische Interessen hinausgingen, ging er offenbar aus dem Weg. "Für die meisten Menschen war er ein fast weltfremder Gelehrter, den man an seiner dunklen Perücke erkannte und an der bestickten Kleidung, die ihm nicht stand", weiß sein Biograf Eike Christian Hirsch. In diesem Aufzug "wirkte er mit seinem großen Kopf geradezu wunderlich." Und doch, schreibt Wissenschaftsautor Hirsch, war er wahrscheinlich der "intelligenteste Mensch seiner Epoche."

Nach seinem Tod hinterließ Leibniz zwischen 200.000 und 300.000 Seiten und Zettel. Bis heute sind seine umfänglichen Werke nicht vollständig erschlossen, zu Lebzeiten hatte er kaum Bücher veröffentlicht. Er reiste kreuz und quer durch Europa, traf sich mit Fürsten, Kaisern und mit Zar Peter dem Großen. Sein Ruhm als Gelehrter war international, unter anderem wurde er 1673 in die britische Gelehrtengemeinschaft der Royal Society aufgenommen.

Berühmt ist Leibniz vor allem für seinen Versuch, den Grund für das Böse in der Welt zu erklären. In seinen "Essais de Théodicée" schreibt er, die von Gott geschaffene Erde sei zwar "die beste aller möglichen Welten", doch keineswegs vollkommen, da dies nur Gott selbst sei. Durch den unvollkommenen Menschen kämen Leid und Sünde in die Welt, ohne dass dies der Allmacht Gottes widerspreche.

"Er muss ohne Angst hinübergegangen sein"

Leibniz war nach Einschätzung des Philosophieprofessors Precht auch einer der wichtigsten Vordenker der Menschenrechte: "Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit werden von ihm ins Zentrum der Ethik gehoben." Leibniz zufolge ist Gerechtigkeit Barmherzigkeit. "In unserer heutigen Zeit, die den Gerechtigkeitsbegriff überwiegend politisch-technokratisch sieht, ist Leibniz' Denken ein wichtiges Korrektiv", betont Precht.

Die Persönlichkeit des großen Denkers bleibt bis heute vielen ein Rätsel. "In einem tatenreichen Leben von seltenen Ausmaßen bekommt man den Menschen Leibniz im Grunde selten rein zu sehen. Es liegt über dieser merkwürdigen Persönlichkeit ein Schleier, der nicht voll gelüftet werden kann", so beschrieb es der Philosoph und NS-Widerstandskämpfer Kurt Huber (1893-1943).

Als Leibniz vor 300 Jahren starb, war er 70 Jahre alt. Laut seinem Biografen Hirsch war sein Sterben "quälend, aber er muss ohne Angst hinübergegangen sein. Er wusste, ihn erwartete die große Verwandlung".

Buchtipps:

Jörg Zimmer und Hans Heinz Holz: Leibniz: Das Lebenswerk eines Universalgelehrten, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 2013, 79,90 Euro.
Eike Christian Hirsch: Der Berühmte Herr Leibniz, C.H.Beck Verlag, überarbeitete Neuauflage 2016, 29,95 Euro
Hans Poser: Gottfried Wilhelm Leibniz zur Einführung, Junius Verlag, Hamburg, 3. Auflage 2016, 14,90 Euro.
Kurt Huber: Leibniz. Der Philosoph der universalen Harmonie, Piper Verlag 1992.
Reinhard Finster und Gerd van den Heuvel: Gottfried Wilhelm Leibniz: mit Selbstzeugnissen und Bilddokumenten, Rowohlt rororo; 2. Auflage 1993.