Weit entfernt von Dialog und Versöhnung

Gegner des Bauvorhabens protestierten unter dem Motto "Mal wieder Zeit fuer eine ordentliche Reformation" vor dem historischen Standort der Kirche.

Foto: epd-bild/Rolf Zöllner

Gegner des Bauvorhabens protestierten unter dem Motto "Mal wieder Zeit fuer eine ordentliche Reformation" vor dem historischen Standort der Kirche.

Weit entfernt von Dialog und Versöhnung
Proteste beim ZDF-Fernsehgottesdienst nahe der Garnsionkirche
ZDF-Fernsehgottesdienst am 11. September - ausgerechnet bei der Potsdamer Garnisonkirche. Eine Werbeveranstaltung für den Wiederaufbau? Befürworter und Gegner standen sich unversöhnlich gegenüber.

Viel war im ZDF-Fernsehgottesdienst von Frieden, Dialog und Versöhnung die Rede. Doch selten schienen die Gräben so tief wie hier. Schon im Vorfeld hatte es eine Farbbeutelattacke gegen die Nagelkreuzkapelle an der ehemaligen Garnisonkirche gegeben. Aus Sicherheitsgründen fand die Übertragung in der gegenüber gelegenen Industrie- und Handelskammer IHK Potsdam statt. Draußen auf der Straße versammelten sich Protestierer gegen den Wiederaufbau der Potsdamer Garnisonkirche. Auch auf sie waren Kameras und Mikrophone zahlreicher Reporter gerichtet. Beide Lager trennte ein Polizeikordon. Ins direkte Gespräch kam man nicht.

Das Szenario wirkte wie ein indirekt geführter Schlagabtausch Pro und Contra. Schon im Vorfeld lud die Potsdamer Pfarrerin Cornelia Radeke-Engst in einem Video-Trailer zum Gottesdienst ein: "Die Menschen haben die Kirche nicht vergessen. Sie wollen den Kirchturm wieder aufbauen!" Auf die Gegner des Wiederaufbaus wirkte das wie eine Provokation: "Das finden wir schon ein starkes Stück und ziemlich frech. Fakt ist, dass es ein erfolgreiches Bürgerbegehren zur Auflösung dieser Stiftung gab und dass der Bürgerentscheid mit Tricks abgelehnt wurde. Also wir gehen davon aus, dass die Mehrheit der Bevölkerung dieses Projekt ablehnt", sagte Lutz Boede von der Bürgerinitiative "Für ein Potsdam ohne Garnisonkirche".

Rund 100 Mitdemonstranten hatten sich streng von der Polizei überwacht zwischen Nagelkreuzkapelle und IHK aufgebaut, um stumm während der Gottesdienstübertragung zu demonstrieren. Für die Gegner des Projektes stellte die ZDF-Übertragung auch mehr eine Werbeveranstaltung zur Spendenaquise dar. Immerhin korrigierte Pfarrerin Radeke-Engst, die seit fünf Jahren in der Nagelkreuzkapelle Dienst tut, im Fernsehgottesdienst ihre Aussage und sprach nur noch von "vielen Menschen", die die Garnisonkirche wieder aufgebaut sehen wollten.

Protestplakat mit dem Bildnis des Reformators Martin Luther gegen den Wiederaufbau.

Vor zwei Jahren gab es ein Bürgerbegehren mit mehr als 14.000 gültigen Unterschriften gegen dieses Bauprojekt. Davon war im Gottesdienst allerdings nicht die Rede. Vielmehr wurde daran erinnert, dass Walter Ulbricht und die DDR-Sozialisten gegen Kirchtürme waren. Die SED habe den nach dem Krieg noch verbliebenen Restturm der Garnisonkirche 1968 sprengen lassen. Das aber sei eine gewisse Geschichtsklitterung, heißt es etwa aus der Initiative "Christen brauchen keine Garnisonkirche". Denn in den 1960er Jahren habe es auch Kirchenvertreter gegeben, die für den Abriss der Kirche votierten. Die kritischen Christen protestierten während des Gottesdienstes mit einem eigenen Transparent und Postkarten, auf denen Luther sagt: "Kein Turmbau! Pflanzt doch lieber mein Appelbäumchen!"

Der Ort in Potsdam ist historisch hoch brisant. Vor der Garnisonkirche reichte Reichspräsident Paul von Hindenburg dem neuen Reichskanzler Adolf Hitler die Hand. Das Bild ging um die Welt: Der berühmte "Tag von Potsdam", der 21. März 1933, Symbol für den Zusammenschluss der alten national-konservativen Kräfte des untergegangenen Kaiserreichs mit dem jungen Nazi-Regime. Bis 1945 sei diese Kirche ein Hort nationalkonservativen und faschistischen Denkens  gewesen, sagen die Kritiker. Die Stiftung Garnisonkirche Potsdam versucht dagegen, die Garnisonkirche als einen Widerstandsort des 20. Juli 1944 darzustellen. 

Der ehemalige EKD-Ratsvorsitzende Wolfgang Huber hielt vor den Kameras eine engagierte Predigt für den Wiederaufbau. Historisch belastete Gebäude könnten mit neuem Geist erfüllt werden. So seien im Berliner Dom während der Weltkriege fanatische Kriegspredigten gehalten worden. Auf den Tag genau vor 15 Jahren aber habe man dort der Opfer der Anschläge auf das World Trade Center gedacht. Genau so könne die Garnisonkirche ein neuer Ort des Friedens und der Versöhnung werden.

Kathrin Deisting (Assistenz der Potsdamer Gemeinde, v.l.), der Potsdamer Superintendent Joachim Zehner, der Berliner Altbischof Wolfgang Huber beim Segen und die Potsdamer Pfarrerin Cornelia Radeke-Engst im ZDF-Fernsehgottesdienst.

Allerdings gab es den Berliner Dom durchgängig bis heute. Von der Garnisonkirche aber gibt es heute nicht einmal mehr eine Ruine. Der so genannte Wiederaufbau wäre ein völliger Neubau aus dem Nichts, kritisieren die Gegner: "Wolfgang Huber war schon immer ein Freund von Prestigeprojekten. Nach dem Bürgerbegehren gab es erst einmal ein langes Schweigen von Wolfgang Huber, weil er gesehen hat, dass er hier viel Gegenwind bekommt. Man schafft hier Unfrieden in dieser Stadt. Mit einer Kirche und einem Ort der Versöhnung hat niemand ein Problem. Aber warum muss es auf Teufel komm raus im Gewand der originalgetreuen Garnisonkirche sein? Das ist Irrsinn", schimpft Simon Wohlfahrt von der Bürgerinitiative.

Immerhin ist die Stiftung längst davon abgerückt, die alte Militärkirche komplett wieder aufzubauen. Der Turm soll auch nicht mehr mit dem alten Fassadenschmuck, mit Kanonen, Säbeln und Militärgepränge, sondern in einer schmucklosen Sparvariante erbaut werden. Bald würde der erste Baukran stehen und die ersten Steine gesetzt werden, versprach Pfarrerin Radeke-Engst zum Ausklang des Fernsehgottesdienstes.

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Die Bürgerinitiative "Für ein Potsdam ohne Garnisonkirche" geht allerdings davon aus, dass der Baustart sich verzögert. "Man könnte jederzeit, wenn das Geld zusammen wäre, aus diesem Rohbau wieder die schöne Eins-zu-eins-Kopie der Garnisonkirche machen. Hier wird uns ein Bauabschnitt als Kompromiss verkauft und das ist unredlich", kritisiert Sandro Szilleweit von der Initiative. Er geht davon aus, dass die Stiftung einen Baustart selbst bis 2018 nicht schaffen wird, da auch die Zusage über 12 Millionen Euro aus dem Etat der Bundeskulturstaatsministerin Monika Grütters fraglich erscheint, weil diese nur für den historischen Nachbau des Turms galt. Nun müssten mit der "Spar-Variante" des Turms auch wieder neue und langwierige Förderanträge gestellt werden.

Nach dem Gottesdienst wurde noch zu einem Empfang in die Nagelkreuzkapelle eingeladen, vorbei an den Protestierern, getrennt durch eine massive Polizeipräsenz. Reden konnte oder wollte man nicht miteinander. Frieden, Dialog und Versöhnung war das jedenfalls nicht.

EKBO-Synode unterstützt den Aufbau

Der Streit um die Garnisonkirche war zuletzt auf der Synode der Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg-Schlesische Oberlausitz zutage getreten. Die Synode hatte im April 2016 nach ihrer Diskussion zum Thema einen Kredit in Höhe von 3,25 Millionen Euro bewilligt. Die Landeskirche habe das Konzept eines Versöhnungszentrums in dem geplanten Bauwerk von Beginn an unterstützt, betonte Bischof Markus Dröge damals: Damit könne ein Ort der Auseinandersetzung mit der Geschichte und der "dringend notwendigen friedensethischen Diskussion in der Gegenwart" geschaffen werden.

Kritiker des Bauvorhabens stellten in der Debatte zu den Darlehensplänen die Finanzierung und die Notwendigkeit des Kirchturms infrage. Ein "neuer Barockbau mit oder ohne Zierrat" tauge nicht als authentischer Lernort der deutschen Geschichte, kritisierte der Berliner Synodale Jürgen Wandel. Das Projekt stehe auch finanziell "auf tönernen Füßen".

Andere ehemalige Skeptiker wie die Berliner Generalsuperintendentin Ulrike Trautwein und der Leiter der Evangelischen Akademie zu Berlin, Rüdiger Sachau, betonten, das friedensethische Konzept und neue Argumente hätten sie inzwischen überzeugt. Pfarrer Martin Germer von der Berliner Gedächtniskirche sagte, der Wiederaufbau biete die Chance, auch Menschen für die Auseinandersetzung mit der Geschichte zu gewinnen, die zunächst nur als Touristen zum Kirchturm kommen.