Beten im Baum

 Baumkapelle von Allouville-Bellefosse neben der Kirche

Foto: Wolfgang Radtke

Die Eiche mit der Baumkapelle von Allouville-Bellefosse in der Normandie steht neben der Dorfkirche.

Beten im Baum
Das Dorf La Haye-de-Routot in der Normandie ist berühmt für zwei uralte Eiben, in deren riesigen hohlen Stämmen kleine Kapellen untergebracht sind. Die tausendjährige Stieleiche im westfranzösischen Allouville beherbergt in ihrem mächtigen Inneren sogar zwei Kapellen übereinander. Längst sind die Baumkirchen zu beliebten Pilgerstätten geworden.

Immer nur zwei, höchstens drei Besucher können in die kleine Kapelle schlüpfen. Sie befindet sich in einer natürlich entstandenen Höhlung im Stamm einer Eibe. Der uralte Baum und ein gleichaltriger Artgenossen stehen auf dem Friedhof neben der steinernen Kirche im Dörfchen La Haye-de-Routot in der Normandie. Und das schon sehr lange: Anhand ihres Umfangs von vierzehn und sechzehn Meter schätzt man das Alter der beiden Eiben auf etwa 1500 Jahre.

Schon früh galten Eiben als heilige Bäume, und viele Menschen maßen ihnen eine spirituelle Bedeutung bei. Da der immergrüne Baum ein Symbol der Unsterblichkeit war, wie die Zypresse in südlicheren Gefilden, pflanzte man in unseren Breitengraden häufig Eiben auf Friedhöfe. Ein weiterer Grund dafür lag darin, dass Holz, Rinde und Laub der Eibe giftig für Weidevieh ist – so wurden Dorfbewohner im Mittelalter davon abgehalten, ihre Tiere auf Friedhöfen weiden zu lassen.

"Les Amis des Ifs" retteten die Eiben

Besucher stehen vor der schmalen, niedrigen Holztür an, über der ein Holzkreuz angebracht ist, und warten darauf, dass sie eintreten können. Der mit einfachen Holzplanken gedeckte Raum ist niedrig. Alles hier drinnen ist aus dem nachwachsenden Rohstoff - ausgenommen das gehäkelte Altartuch, auf dem eine Statue der Heiligen Anna steht. Die Kapelle ist der Mutter Marias gewidmet, die Heilige Anna aus Holz beugt sich zu der kleineren Maria hinunter. Dabei hält Anna die aufgeschlagene Bibel in den Händen, und gemeinsam schauen die beiden Frauen hinein.

Wer das Innere dieser Eibe gesehen hat, besucht in aller Regel auch ihre Nachbarin, um an deren Marienaltar zu beten. Im Stamm der zweiten Eibe ist es zu eng, als dass man die Höhlung betreten könnte. Dafür steht in dem Stamm ein Altar mit einer Figur der Heiligen Jungfrau Maria, die flehentlich gen Himmel schaut. Der Weiße Altar ist reich mit Blumen geschmückt. Von der Decke hängt ein ewiges Licht.

Als Ende 2013 eine der beiden Eiben schwer erkrankte, setzte sich das ganze Dorf für ihre Rettung ein. Es bildete sich sogar eine kleine Bürgerinitiative namens "Les Amis des Ifs" ("Die Freunde der Eiben").

Bildergalerie

Wo zwei oder drei versammelt sind

Baumkapellen

Foto: Wolfgang Radtke

Baumkapellen

Foto: Wolfgang Radtke

Die Eiche von Allouville-Bellefosse in der Normandie hat zwei Stockwerke. Eine Wendeltreppe führt um den Stamm herum. Stahlstützen und Seile halten den tausend Jahre alten Baum.

Baumkapellen

Foto: Wolfgang Radtke

Die Eiche hat einen Umfang von ca. 15 Metern und ist 18 Meter hoch. Teile des Hauptstamms sind mit hölzernen Schindeln abgedeckt, so dass Besucher bei ihrer Andacht nicht im Regen stehen müssen.

Baumkapellen

Foto: Wolfgang Radtke

In der unteren Etage befindet sich die Kapelle Notre-Dame de la Paix. Sie wurde um 1700 eingerichtet, Mitte des 19. Jahrhunderts im neugotischen Stil renoviert und 1854 vom Bischof geweiht.

Baumkapellen

Foto: Wolfgang Radtke

Oben war früher eine einfache Einsiedelei, jetzt ist hier ein getäfelter Meditationsraum eingerichtet. Über dem Kruzifix sieht man direkt in den hohlen Stamm der Eiche hinein. Auch von innen muss der Baum abgestützt werden.

Baumkapellen

Foto: Wolfgang Radtke

Der Eingang zur Kapelle ist schmal. Die meisten Besucher kommen zu Mariä Himmelfahrt am 15. August.

Baumkapellen

Foto: Wolfgang Radtke

Eiben sind immergrüne Bäume und damit ein Symbol für Unsterblichkeit. Deshalb stehen sie oft auf alten Friedhöfen.

Baumkapellen

Foto: Wolfgang Radtke

Die beiden Eiben von La Haye-du-Routot in der Normandie stehen hinter der Kirche auf dem Kirchhof. Ihr Alter wird auf 1500 Jahre geschätzt. Als 2013 einer der beiden Bäume krank wurde, setzte sich das ganze Dorf für seine Rettung ein.

Baumkapellen

Foto: Wolfgang Radtke

In den größeren der beiden Bäume passen zwei, höchstens drei Besucher gleichzeitig hinein. Die Kapelle im hohlem Stamm ist der Heiligen Anna, der Mutter Marias, gewidmet. Ihre Statue beugt sich zu der kleineren Maria herunter.

Baumkapellen

Foto: Wolfgang Radtke

Die Kapelle in der kleineren Eibe kann man nicht betreten. Hier steht eine Statue der Jungfrau Maria auf einem weißen Altar. Von der Decke hängt ein ewiges Licht.

Hohl ist auch der Hauptstamm der Stieleiche in Allouville-Bellefosse im westfranzösischen Département Seine-Maritime. Bizarr ragen ihre zum Teil abgestorbenen Äste gen Himmel. Auf dem obersten Punkt steht ein kleines Metallkreuz. Löcher und Risse im Stamm wurden mit Holzschindeln abgedeckt, damit die Gläubigen nicht im Regen stehen. Eine hölzerne Außentreppe führt in den zweiten Stock. Hier gibt es eine Tür, die Einlass in die obere Kapelle gewährt. Wer den Blick hebt und den hohlen Stamm hinaufschaut, sieht ein hölzernes Kruzifix an der Wand hängen. Eisenstreben stützen den hohlen Baum von innen und einige noch grüne Äste von außen ab.

In diesem Stamm sollst du meine Kirche bauen

1696 hatte der Priester des Dorfes die Idee, zwei kleine Kapellen übereinander im Stamm der alten Eiche unterzubringen. Um seinen Plan zu untermauern und die Größe der zukünftigen Kapelle richtig einzuschätzen, bediente er sich einer ausgefallenen "Messmethode": Mit einer Gruppe Schulkindern stattete er dem Baumriesen einen Besuch ab und bat die Kinder, in den hohlen Stamm zu klettern: 40 von ihnen fanden darin Platz.

Zuerst entstand in einer höher gelegenen Kammer eine Einsiedelei, in der ein Bett, ein Stuhl und ein Tisch untergebracht wurden. Ebenerdig wurde die kleine Kapelle Notre-Dame de la Paix eingerichtet. Die Einsiedelei im "ersten Stock" war Mitte des 19. Jahrhunderts unbewohnbar geworden. Eine Renovierung verhalf der Chêne Millénaire d'Allouville zu ihrem heutigen Aussehen. Sowohl der untere als auch der obere Bauminnenraum wurden mit schmucken Paneelen verkleidet und im damals modernen neugotischen Stil ausgeschmückt. Am 3. Oktober 1854 kam die alte Eiche zu neuen Würden: Sie wurde offiziell zur Kapelle erklärt und vom Bischof geweiht.

Das genaue Alter des betagten Baumes ist nicht bekannt. Er steht mindestens 800, vielleicht sogar 1200 Jahre fest verwurzelt neben der Dorfkirche. Stolze fünfzehn Meter Umfang hat der Baum im Laufe seines langen Lebens gewonnen, rund 18 Meter ist er hoch. Der Eingang zur unteren Kapelle ist eng. So eng sogar, dass sich selbst schlanke Gläubige durch den Riss hindurchzwängen müssen. Nichtsdestoweniger ist der Holzaltar immer mit Blumen geschmückt. Die Madonna lächelt im Halbdunkel des Stammes milde auf die Gläubigen hinab. Rund tausend Jahre Geschichte sind an der Eiche in Allouville vorübergezogen. Seit 1932 ist die alte Eiche offiziell ein historisches Naturdenkmal.

Längst ist die Chêne Millénaire Dorfzentrum und zieht jedes Jahr rund 30.000 bis 40.000 Besucher aus aller Welt an. Die höchsten Besucherzahlen werden anlässlich der Ehrung der Jungfrau Maria am Himmelfahrtstag, dem 15. August, verzeichnet. Denn die uralte Eiche ist mehr als nur ein Baum – sie ist auch eine begehbare Pilgerstätte, in der man dem Himmel ganz nah ist.

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