Trojanow: "Sport hat etwas Religiöses"

Ilija Trojanow beim Boxen.

Foto: Thomas Dorn

Für sein neues Buch stieg Ilija Trojanow auch in den Boxring.

Trojanow: "Sport hat etwas Religiöses"
Am Freitag beginnen die Olympischen Spiele in Rio de Janeiro. Der Schriftsteller Ilija Trojanow hat 80 olympische Einzeldisziplinen ausprobiert und darüber das Buch "Meine Olympiade. Ein Amateur, vier Jahre, 80 Disziplinen" (S. Fischer Verlag 2016) geschrieben. Allen Sportlern gehe es um Selbsterfahrung, sagt Trojanow im Interview.

Herr Trojanow, Sie haben für Ihr Buch 80 olympische Einzeldisziplinen ausprobiert. Gibt es etwas, das alle diese Sportarten gemeinsam haben?

Trojanow: Jede Sportart ist ein Mikrokosmos, eine eigene Subkultur. Jede hat eine ganz eigene Tradition, eine eigene Sprache. Ich habe eine Reise durch die Kreativität des Menschen in Gestalt der Verschrobenheit der Sportarten gemacht. Allen Sportlern geht es um Selbsterfahrung. Aber es ist je nach Sportart unterschiedlich: Manche suchen die Gemeinschaft, andere die meditative Einsamkeit. Sport ist für die Athleten die Zusammenführung von Sehnsucht, Ambition, Träumerei, Auszeit vom Alltag und ästhetischen Bedürfnissen. Jene, die ihren Sport leidenschaftlich betreiben, suchen existenziellen Sinn.

Das klingt nach einer fast religiösen Sinnsuche.

Trojanow: Ja, Sport hat etwas Religiöses. Die Gemeinsamkeiten liegen nahe: Sport ist eine regelmäßige Übung, die den Menschen Heimat verschafft. Sportler suchen nach der kompletten Versenkung in eine Tätigkeit, ähnlich wie bei einer Meditation oder in einem Gebet. Außerdem sind sportliche Übungen Rituale der Selbstvergewisserung: Es geht darum, an Grenzen heran und über Grenzen hinaus zu gehen.

Ist in den Wettbewerben des Profisports noch Platz für solche Erfahrungen?

Trojanow: Nein, überhaupt nicht. Der Leistungssport ist ein reines Spektakel, überhaupt nicht religiös grundiert. An dieser Stelle ist vielmehr die Auflösung des einstigen Quasi-Religiösen in den reinen Kommerz zu beobachten. Die Olympischen Spiele der Neuzeit haben längst nichts mehr mit Idealen aus der Antike zu tun. Nur im Amateursport gibt es die spirituelle Kraft. Der Amateur ist ja im Wortsinne auch der, der etwas rein aus Leidenschaft tut.

Sie haben sehr viele verschiedene Sportarten ausprobiert. Wie ist Ihre Erfahrung: Lässt sich das Erlebnis, ganz in der Tätigkeit zu versinken, in manchen Disziplinen besser als in anderen machen?

Trojanow: Das ist eine schwierige Frage. Ich sage es so: Es sind unterschiedliche Erfahrungen. Beim Wildwasserkajak spürt man die lebensnahe Abwechslung von Kontemplation und dramatischen Situationen. In Momenten der Ruhe muss man sich für anstehende Herausforderungen erholen. Generell findet man bei rasanten Sportarten das Gefühl, ganz in einem Flow zu versinken, durch internalisierte Abläufe. Bogenschießen hingegen ist die reine Meditation: Man muss in einen inneren Monolog kommen, jeden störenden Gedanken abschalten, um gänzlich in der Übung zu sein.

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Sie wollten bei allen Sportarten jeweils halb so gut abschneiden wie der Olympiasieger von London 2012. Sie beschreiben in Ihrem Buch ausführlich, wie es war, daran wieder und wieder zu scheitern.

Trojanow: Das Hauptthema meines Buchs ist die Wiederentdeckung des Scheiterns. Etwas zu lernen bedeutet, das lange Tal des Scheiterns zu durchschreiten. Gerade die Erfahrungen des Scheiterns waren für mich Momente der Einsichten. Das hat mich zwar gefordert, aber geprägt und beglückt. Ich habe viel über meine Stärken, aber auch über meine Ängste und Schwächen gelernt.

Bei welchen Sportarten waren diese Erlebnisse besonders intensiv?

Trojanow: Vor einer steilen Abfahrt mit dem Mountainbike habe ich eine totale Blockade erlebt, nichts ging mehr. Beim Turnen brachen meine Kindheitstraumata aus der Schulzeit wieder auf. Verborgene Ängste überraschen einen immer wieder. Und noch eine Erfahrung habe ich gemacht: Beim Bahnradfahren, einer sehr gefährlichen Sportart, habe ich erlebt, wie schnell sich unsere Gruppe aus Anfängern gemeinsam organisiert hat. Im Fernsehen sehen wir hingegen immer nur, dass sich der Stärkere durchsetzt.

"Zum Laufen braucht man eigentlich nichts"

Auch an dieser Stelle wird ein entscheidender Unterschied zwischen Amateur- und Profisport deutlich?

Trojanow: Ja, im Leistungssport herrscht die Ideologie des Siegens. Das Siegen ist Ausdruck der neoliberalen Ideologie der westlichen Gesellschaft.

Sie beschreiben ausführlich, dass sich viele Sportler beispielsweise beim Radsport oder beim Laufen wie Profis ausrüsten. Ist diese Ideologie also nicht längst auch im Amateursport angekommen?

Trojanow: Es gibt Sportler, die Fitness als Selbstoptimierung begreifen. Sie verlängern damit die Arbeitszeit, in der sie mit anderen konkurrieren, in ihre Freizeit. Sie haben recht: Zum Laufen braucht man eigentlich nichts. Es gibt sogar Schulen, die sagen, es sei am gesündesten, barfuß zu laufen. Trotzdem bietet die Industrie unglaublich viel Ausrüstung an, ob spezielle Apps oder Schuhe - das ist einfach verrückt. Die Ausrüstung ist ein Ausdruck der Wohlstandsgesellschaft. Bei Radrennen ist es beim Start wie bei einer Parade von Luxuslimousinen vor einem Kasino: Die Sportler zeigen, was sie zu bieten haben. Zum Glück ist das aber nicht das Dominante, viele betreiben Sport ausdrücklich nicht so.

Während der Olympischen Spiele 2012 fasste Ilija Trojanow den Entschluss, alle achtzig Olympia-Sommer-Einzeldisziplinen zu trainieren und dabei halb so gut abzuschneiden wie der Goldmedaillengewinner von London. 2016 erschien mit "Meine Olympiade. Ein Amateur, vier Jahre, 80 Disziplinen" (S. Fischer Verlag) der Bericht dieser Selbsterfahrung, zugleich eine Reflexion über Grenzen, die Beziehung von Geist und Körper und das Älterwerden. (Quelle: http://trojanow.de/autor/biographie/)