Terror in Bangladesch – IS nimmt Asien ins Visier

Sicherheitskräfte sperren eine Straße nahe der Holey Artisan Bakery in Dhaka, Bangladesch.

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Sicherheitskräfte sperren nach dem Terroranschlag eine Straße nahe der Holey Artisan Bakery in Dhaka, Bangladesch.

Terror in Bangladesch – IS nimmt Asien ins Visier
Nach Rückschlägen im Irak und in Syrien wendet sich der IS verstärkt nach Süd- und Südostasien. Nicht zuletzt eine verfehlte Politik hilft der Terrormiliz in Bangladesch, sich auszubreiten. Das Attentat vom ersten Juli steht in einer Reihe von Morden, die das Land erschüttern.

"Wir sehen uns im Jenseits." Das waren die letzten Worte der sieben Attentäter von Dhaka an ihre Geiseln, bevor die Polizei dem Massaker in der Holey Artisan Bakery im Diplomatenviertel der Hauptstadt Bangladeschs ein blutiges Ende setzte. Zwei Polizisten und sechs der Angreifer kamen bei dem Sturm auf das Restaurant ums Leben. Zuvor hatten die Terroristen 22 Italiener, Japaner und Bangladeschi in dem Restaurant die Kehle durchgeschnitten, weil sie keinen Vers aus dem Koran zitieren konnten.

Der Anschlag ist der vorerst brutale Höhepunkt einer religiösen Welle der Gewalt in Bangladesch, während der seit 2013 bereits mehr als 70 Menschen ums Leben gekommen sind. 90 Prozent der 160 Millionen Bangladeschis sind Muslime, acht Prozent Hindus und der Rest gehört anderen Minderheitsreligionen wie Christentum und Buddhismus an. Der Islam ist die Staatsreligion. Unter den Christen sind die Katholiken die größte Einzelkonfession, gefolgt von den Baptisten und den Anglikanern.

Nach heftigem Regen hängen am Montagmorgen graue Wolken über Dhaka. Es scheint, als ob selbst der Himmel die Toten des Terroranschlags und die islamistische Gewaltwelle betrauert. Schweigend und mit Tränen in den Augen legen die Menschen an den im Armeestadion aufgebahrten Särgen dreier Terroropfer Blumen nieder.  Unter den Trauernden sind die Botschafter der Heimatländer der Opfer, Angehörige, Diplomaten, Vertreter von Religionen - und Premierministerin Sheikh Hasina.

Bei vielen Teilnehmern der Zeremonie mischt sich in die Trauer auch ein Gefühl der Wut über einen Anschlag, der vielleicht hätte verhindert werden können. Nirmal Rozario, Generalssekretär der Bangladesh Christian Association, fordert von der Regierung eine "ordentliche Untersuchung" des Anschlags. Rozario weiß aber auch, dass Premierministerin Sheikh Hasina bislang nichts gegen die religiöse Gewalt in Bangladesch unternommen hat. "Wir müssen einen Widerstand des Volkes schaffen", sagt Rozario.

Die islamistische Gewaltwelle in Bangladesch begann im Jahr 2013. Im Visier der radikalen Muslime waren zunächst liberale islamische, aber auch säkulare und atheistische Blogger, die sie auf offener Straße mit Macheten buchstäblich zu Tode hackten. Seit 2015 werden zunehmend auch Ausländer, Schwulenaktivisten, christliche Priester, hinduistische Geistliche, buddhistische Bangladeschi und muslimische Minderheiten Ziele der Angriffe.

Wer tötet in Bangaldesh?

Anfang Juni dieses Jahre schnitten drei Männer dem 70 Jahre alten Hindupriester in Jhenaidah 160 Kilometer westlich von Dhaka die Kehle durch. Der Mord an Ganguly war der dritte im Juni. Im April wurden fünf, im Mai vier Menschen von islamistischen Fanatikern umgebracht.

Manche haben Glück im Unglück und überleben die Anschläge, wie am 5. Oktober 2015 in Pabna der protestantische Pastor Luke Sarker. Der katholische Missionar und Krankenhausarzt Piero Parolari überlebte die Schüsse auf sich nur wenige Tage.

Die us-amerikanischen SITE Intelligence Group ist auf die Beobachtung und Analyse islamistischer Terrorgruppen spezialisiert. Sie sieht in Bangladesch den Islamischen Staat (IS) und auch Al Kaida am Werk. Premierministerin Sheikh Hasina, die Polizei und der Geheimdienst hingegen wollen davon nichts wissen. Ihr Mantra: den IS gibt es nicht in Bangladesch. Die Täter seien vielmehr in den Reihen der politischen Opposition zu suchen, verkündet Sheikh Hasina.

Meinungsfreiheit versus Selbstzensur

Für Polizei und Geheimdienst sind zudem die Opfer selbst schuld. Nach der Ermordung eines weiteren islamkritischen Bloggers im August vergangenen Jahres verkündete Bangladeschs Polizeichef Niladri Chatterjee Niloy, es sein ein "Verbrechen, die religiösen Gefühle anderer zu verletzen".

Mit "Der Niedergang der Demokratie in Bangladesch" überschreibt der Bangladeschexperte David G. Landry von der amerikanischen John Hopkins University seinen nach dem Anschlag vom 1. Juli 2016 in der Onlineausgabe des Magazin The Diplomat veröffentlichte Analyse der politischen Lage Bangladeschs. Darin heißt es:

"Nachdem vier atheistische Blogger zu Tode gehackt worden waren, bestand in einer surrealen Form der Schuldzuweisung an die Opfer die Reaktion der Behörden nicht in einer Verurteilung der Anschläge, sondern in der Forderung an die Blogger, sich in Selbstzensur zu üben."

Bizarre Verhaftungswelle

Für internationale Beobachter ist das Versagen der staatlichen Institutionen in Bangladesch unter dem Regime von Sheikh Hasina und ihrer Awami Liga die Ursache der wachsenden religiösen Gewalt. "Es gehört zur Politik der Regierungsparteien, dass sie Polizei und Geheimdienste zur Durchsetzung ihrer politischen Ziele, der Zerstörung der Opposition und der Einschränkung fundamentaler demokratischer Rechte missbrauchen", heißt es in der Erklärung der in Hongkong ansässigen unabhängigen Asian Human Rights Commission (AHRC) zu dem Terroranschlag vom 1. Juli. Das nehme die Sicherheitsorgane derart in Anspruch, dass "keine Zeit, Energie, Ressourcen und Fähigkeiten zum Schutz der nationalen Sicherheit übrig sind".

Im Juni reagierte die Regierung auf bizarre Art auf die Morde: In einer Verhaftungswelle wurden gut 11.000 Menschen vorübergehend festgenommen. Den Sicherheitsbehörden gingen nur 145 Männer mit Verbindungen zur militanten Islamistenszene ins Netz. Aber auch die wurden mangels konkreter Tatvorwürfe wieder laufengelassen.

Sieht man vom fraglichen Nutzen willkürlicher Massenverhaftungen ab, wurden die Festnahmen durch Korruption entwertet. Festgenommene konnten sich laut Medien in Bangladesch durch die Zahlung von Schmiergeld an die Polizei freikaufen. Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) weiß von mindestens einem Fall,  in dem die Polizei einen Jugendlichen nach der Festnahme verprügelte und dann erpresste. "Sie drohten damit, ihn auf die Liste Terrorverdächtiger zu setzen, wenn er nicht 100.000 Taka (1.149 Euro) zahlt", heißt es in einer im Juni veröffentlichten Erklärung von HRW. Unter den vorübergehend Festgenommenen bei der Massenverhaftung im Juni sollen auch fünf der Attentäter vom 1. Juli gewesen sein.

IS verstärkt in Süd- und Südostasien

Den Zorn der fundamentalistischen Muslime hat sich Sheik Hasina durch die von einem kontroversen Tribunal verhängten Todesurteile gegen Führer der größten islamistischen Partei Jamaat-e-Islami zugezogen. Den Oppositionspolitikern wurde vorgeworfen, während des Unabhängigkeitskriegs gegen Pakistan im Jahr 1971 an Massakern beteiligt gewesen sein.

Das arbeitet nach Ansicht von Terrorexperten vor allem dem IS in die Hände, der sich nach den Rückschlägen in Syrien und dem Irak verstärkt nach Süd- und Südostasien orientiert. In Bangladesch gilt zudem die heimische Terrorgruppe Ansarullah Bangla Team nach Erkenntnissen des indischen Geheimdienstes als Avatar der relativ neuen Terrorgruppe "Al Kaida auf dem indischen Subkontinent" (AQIS).

Die Explosion einer Granate in der vergangenen Woche in einem Nachtclub im Großraum Kuala Lumpur gilt als erster Anschlag des IS in Malaysia. Acht Menschen wurden verletzt. Am Dienstag, den 5. Juli, sprengte sich ein Selbstmordattentäter vor einer Polizeiwache in Surakarta in Indonesien in die Luft. Eine Reihe islamistischer Terrorgruppen in Indonesien und auf den Philippinen haben dem IS die Treue geschworen.

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Trauer in Wien
Das mutmaßlich islamistische Attentat in Wien hat bei den Kirchen Bestürzung und Betroffenheit ausgelöst. Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Heinrich Bedford-Strohm, sprach von einem "Anschlag auf die Menschlichkeit".
Ein Selbstmordattentäter hat bei einem Anschlag auf eine Hochzeitsgesellschaft in Afghanistan mindestens 63 Menschen in den Tod gerissen. Präsident Ghani spricht von einem "barbarischen Angriff".

90 Prozent der Muslime in Indonesien, dem Land mit dem größten muslimischen Bevölkerungsanteil, sagen laut Umfragen Nein zum IS. Nach dem Mord an einem Blogger in Bangladesch im August vergangenen Jahres verurteilte Mufti Ainul Islam, Imam einer wichtigen Moschee und Islamschule in Dhaka, den Anschlag: "Der Islam ist eine Religion des Friedens. Daher kann kein guter Muslim den Mord an einem Gegner von Religion gutheißen und unterstützen." Die islamische Partei PAS betonte am Dienstag dieser Woche, Gewalt wie der Terror des IS sei "im Islam verboten".

Die Terroranschläge von Paris, Brüssel, Istanbul, Dhaka, Bagdad, Medina, Puchong, Surakarta  bringen immer Muslime dazu, dem Terrorismus im Namen ihrer Religion eine Absage zu erteilen.