Der "Garten des Lebens" und die Frage nach dem Terror

Islamunterricht in der Şehitlik-Moschee in Berlin.

Foto: Cornelius Wüllenkemper

Islamunterricht in der Şehitlik-Moschee in Berlin.

Der "Garten des Lebens" und die Frage nach dem Terror
Die Şehitlik-Moschee in Berlin-Neukölln bietet öffentliche Lehrstunden zum islamischen Glauben an – auf Deutsch. Unter den Besuchern sind regelmäßig auch junge Menschen mit nicht-islamischem Hintergrund. Welche Rolle spielen für sie Fragen nach dem Kopftuch, dem Frauenbild - und vor allem nach dem radikalen Islamismus? Cornelius Wüllenkemper hat eine Berliner Islam-Klasse besucht.

An diesem Mittwochabend sind etwa vierzig junge Menschen zu Ron Webers Vortrag gekommen. Seit fünf Jahren hält der 41jährige Berliner ehrenamtlich Glaubenskurse in der Şehitlik-Moschee in Neukölln. Die meisten seiner Zuhörer zwischen 16 und Mitte 20 sind südländischer Herkunft, etwa fünf dürften aus Mitteleuropa stammen. Männer und Frauen sitzen getrennt auf dem weichen Teppichboden des Moschee-Raums, fast alle Frauen tragen Kopftücher. Die Atmosphäre wirkt gelöst, als Weber mit sanften Worten über ein Koran-Gleichnis referiert, in dem es um Gier oder Dankbarkeit für die Gaben im "Garten des Lebens" geht. "Das ist erstmal keine Frage von Glauben oder Nicht-Glauben. Das ist vor allem eine Frage des Charakters", betont er.

Die Şehitlik-Moschee in Berlin.

Auch wenn das Gotteshaus am Neuköllner Columbiadamm bekannt ist für seine liberale, weltoffene Glaubenspraxis, fast täglich öffentliche Führungen anbietet, lässt der deutschsprachige Islam-Unterricht aufhorchen: Welcher Islam wird hier vermittelt? Und was reizt junge Deutsche aus christlichem Hintergrund, den islamischen Glaubenskurs zu besuchen?

"Es gab niemanden, der mich gedrängt hätte"

"Ich habe Antworten auf meine Fragen gefunden", sagt Miriam und lächelt etwas schüchtern. Anfang des Jahres ist die 21jährige Deutsche aus Kassel zum Islam konvertiert und besucht regelmäßig die Vorträge in der Şehitlik-Moschee. Miriam möchte ihren echten Namen lieber nicht in den Medien nennen. Vor drei Monaten ist sie für ein Studienpraktikum im Sport-Management nach Berlin gezogen. Miriams Eltern sind gläubige Protestanten und in der evangelischen Kirche aktiv, sie ist getauft und konfirmiert, war selbst in der kirchlichen Jugendarbeit. "Es ist nicht immer einfach, Verständnis für meine Entscheidung zu bekommen", sagt Miriam mit ernstem Blick. Als sie vor zwei Jahren für das Studium von Zuhause auszog, stellten sich ihr die großen Fragen: Wo stehe ich? Warum bin ich hier? Wieso glauben Menschen an einen Gott? "Ich habe versucht, Antworten darauf zu finden, in allen möglichen Religionen, vom Judentum bis zum Buddhismus."

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Erst später sei sie auf den Islam gekommen. "Ich hätte das selbst nie gedacht, aber wollte mir trotzdem mal ein Bild machen. Als ich das erste Mal im Koran gelesen habe, spürte ich eine warme Welle, ich habe mich einfach gut gefühlt." Nach eineinhalb Jahren Koran-Studium und Gesprächen mit einer Freundin, die Muslima ist, hat sie sich schließlich für die Konversion entschieden. "Und zwar pro-aktiv und selbstständig. Es gab niemanden, der mich gedrängt hätte" betont Miriam. Die Schahāda, das islamische Glaubensbekenntnis auf Arabisch, habe sie nach mühevollen Anfängen schließlich über Nacht gelernt, als sei es eine Eingebung gewesen. "Anders als im Christentum spüre ich im Islam ein unmittelbares Verhältnis zu Gott, niemand steht zwischen uns."

Miriam (re) ist Anfang 2016 zum Islam konvertiert und besucht regelmäßig den Islamunterricht in der Şehitlik-Moschee in Berlin.

So gut es im Alltag geht, hält Miriam die fünf Gebetszeiten ein. Der Verzicht auf Alkohol und Schweinefleisch fällt ihr leicht, und auch Liebeleien oder durchfeierte Nächte vermisst sie nicht: "Ich habe mehr Ruhe in meinem Leben, das tut gut. Viele Probleme, die meine Freundinnen umtreiben, habe ich einfach nicht mehr." Einfacher hat die Konversion ihr Leben dennoch nicht gemacht. "Meine Freunde haben Verständnis für meinen Schritt, aber in der Öffentlichkeit muss man aufpassen. Als junge Deutsche mit heller Haut und blauen Augen wird man manchmal offen angefeindet." Das Kopftuch trägt Miriam deshalb nur in der Moschee. Dennoch fragt sie sich: "Deutschland versteht sich doch als liberales Land. Wieso kann ich das Kopftuch nicht tragen, wie andere einen Hut?" Kritik am Frauenbild des Islam kann sie andererseits gut verstehen, weil sie selbst schon negative Erfahrungen gemacht hat. "Aber eine Beziehung basiert immer auf den Grundfesten des Respekts. In unserem Unterricht wird immer wieder darauf hingewiesen, wie wichtig Bildung ist, für Männer und Frauen, und viele von meinen Schwestern in der Moschee sind Studentinnen, genau wie ich."

Störenfriede im Glaubenskurs

Bleibt die Frage nach dem weltweiten islamistischen Terror, der vorgibt, dem einzig wahren Glauben zu dienen und zum Ziel hat, alle "Ungläubigen" zu vernichten. Schrecken der Zivilisationsbruch und die Menschenverachtung des so genannten IS, der vermeintlich "heilige Krieg" von Terrorgruppen in Afrika, Asien, im Nahen Osten oder zuletzt auch Paris und Brüssel nicht grundsätzlich vom Islam ab? Miriam will sich ihren Glauben nicht von den Extremisten nehmen lassen. "Das verstehen wir Muslime ebenso wenig wie alle anderen! Das sind Leute, die so gut wie nichts vom Islam wissen." Die muslimische Mehrheit müsse offensiv mit Radikalisierung umgehen, findet Miriam. Gerade Muslime seien in der Pflicht, nicht die Augen zu verschließen. Bei Gesprächen, in denen Miriam radikale Tendenzen ausmacht, geht sie entschieden dazwischen – mit welchem Erfolg auch immer.

Ron Weber unterrichtet eine Islam-Klasse in der Şehitlik-Moschee in Berlin.

Auch der Islam-Lehrer Ron Weber hat in seinen Klassen manchmal mit Störenfrieden zu tun. "Junge Männer aus anderen Gemeinden, die uns erzählen wollen, dass wir den falschen Glauben verbreiten." Mit der Rolle des Islam in der christlichen Mehrheitsgesellschaft, mit dem radikalen Islamismus und Terror beschäftigt sich Weber, der hauptberuflich für ein vom Senat unterstütztes De-Radikalisierungsprogramm arbeitet, in seinen Vorträgen in der Moschee nur am Rande. "Die Leute, die zu uns kommen, sollen den Koran verstehen lernen und sich die Glaubensinhalte des Islam, die Antworten auf die grundlegenden Lebensfragen selbst erarbeiten. Das führt automatisch weg von radikalem Gedankengut."

Gegen Ende von Webers neunzigminütigem Religionskurs betreten plötzlich zwei junge Männer den Moschee-Raum, gepflegt, akkurat rasiert, sportlich-muskulös. Mit selbstbewussten, ausladenden Schritten bahnen sie sich ihren Weg durch die Zuhörer am Boden. Sie gehören offensichtlich nicht zu Webers Kurs-Programm. Während der ungerührt von der Störung noch einmal Resümee zieht über die "Geschenke im Garten des Lebens" rückt einer der beiden Männer sein schneeweißes Base-Cap zurecht, baut sich aufrecht vor einem der verzierten Fenster des Moschee-Raums auf und beginnt vor aller Augen mit pathetischer Ernsthaftigkeit sein Gebet. Während die Frauen im Kurs die beiden Eindringlinge ignorieren, stiftet ihr Auftreten Unruhe in den Reihen der Männer. Die Szene wirkt wie eine absichtsvolle Inszenierung des islamischen Selbstbewusstseins für diejenigen, die noch auf der Suche nach ihrem Glauben sind.