Experten fordern klimaverträgliche globale Stadtentwicklung

Experten fordern klimaverträgliche globale Stadtentwicklung
Überall auf der Welt, insbesondere in den Schwellenländern, drängen immer mehr Menschen in die Städte. Wissenschaftler fordern, sie nicht nur vor einer Verelendung in den Slums zu bewahren. Neue Städte müssen vor allem klimafreundlich gebaut werden.

Das weltweite Städtewachstum muss laut Experten zum Schutz des Klimas dringend in neue Bahnen gelenkt werden. Ob die Weltgemeinschaft die gerade erst unterzeichneten Klimavereinbarungen von Paris einhalten könne, entscheide sich im Wesentlichen in den Städten, sagte Dirk Messner, Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung "Globale Umweltveränderungen", bei der Vorstellung eines Gutachtens zur globalen Urbanisierung am Montag in Berlin. Bis 2050 zögen zusätzlich zwei bis drei Milliarden Menschen in Metropolen und benötigten eine entsprechende Infrastruktur. Diese müsse klimaverträglich geschaffen werden.

Größter Zuwachs in Entwicklungs- und Schwellenländern

Die Dimensionen des Wachstums seien dabei so gewaltig, dass man von einer regelrechten Urbanisierungswucht sprechen müsse. In den kommenden drei Jahrzehnten werde voraussichtlich eine neue Infrastruktur geschaffen, die in etwa dem Umfang des Städtebaus von der industriellen Revolution bis heute entspreche, erklärte der Wissenschaftler. In den Entwicklungs- und Schwellenländern in Afrika und Asien sei mit 90 Prozent der größte Zuwachs zur globalen Stadtbevölkerung zu erwarten.

In ihrem Bericht raten die Wissenschaftler davon ab, neue Städte und Siedlungen mit herkömmlichen Baustoffen wie Zement, Aluminium und Stahl zu errichten. Durch die energieaufwendige Herstellung des Baumaterials würden zu viele Treibhausgase freigesetzt, warnte Messner. Unter solchen Umständen sei die weltweite Erderwärmung um maximal zwei Grad kaum zu begrenzen.

Der Co-Vorsitzende des Wissenschaftlichen Beirates, Hans Joachim Schellnhuber, erklärte, stattdessen sollte auf klimaverträgliche Materialien wie Holz oder Carbonfasern gesetzt werden. Darüber hinaus sei wichtig, auch die künftige Energieversorgung der Städte nicht auf Öl, Gas und Kohle auszurichten, sondern auf alternative Energien. Den Wissenschaftlern zufolge müssten bis spätestens 2070 alle CO2-Emissionsquellen aus allen Städten - den alten wie den neuen - verbannt sein. Für die neuen urbanen Räume bedeute dies, sie von Anfang an auf "Null-Emissionen" auszurichten, sagte Messner.

Mehr als 850 Millionen Menschen in Slums

Die Verfasser des Berichts warnen zudem vor einer Zunahme von Elendsvierteln in den Städten, sollte die Urbanisierung nicht genügend gesteuert werden. Bereits heute würden mehr als 850 Millionen Menschen in Slums leben, sagte Messner. Ohne eine gezielte Gestaltung des Urbanisierungsschubs könnten noch einmal ein bis zwei Milliarden Menschen in unzumutbaren Wohnverhältnissen hinzukommen, sagte Messner. Schnell wachsende Trabantenstädte wie in Asien seien dabei jedoch ebenso problematisch wie neue urbane Räume in den Schwellenländern, die stark an die US-Vorstädte aus den 70er und 80er Jahren erinnerten. Die neuen Mittelschichten, die sich dort niederlassen könnten, würden einen zu energie-intensiven Lebensstil führen. Das würde nur zu weiteren ökologischen Problemen führen, erklärte Messner.

Der Wissenschaftliche Beirat erarbeitete das Gutachten "Der Umzug der Menschen - Die transformative Kraft der Städte" anlässlich der UN-Weltsiedlungskonferenz Habitat III im Oktober dieses Jahres in Ecuadors Hauptstadt Quito.