Angezettelt - Aufkleber machen Politik

Aktuelle Aufkleber in der Ausstellung "Angezettelt"

Foto: Deutsches Historisches Museum

Die Ausstellung zeigt nicht nur historische Aufkleber, sondern auch etliche ganz aktuelle Exponate.

Angezettelt - Aufkleber machen Politik
Von "Kauft nicht bei Juden" bis "Bratwurst stat Döner" - es gibt eine lange, unrühmliche Geschichte von Aufklebern, mit denen Menschen diskriminiert wurden. Ab heute sind sie in einer Ausstellung zu sehen.

Manchmal werden die ganz kleinen Dinge groß. Zettel und briefmarkengroße Aufkleber etwa, wenn nur Gewichtiges auf ihnen gedruckt steht. Oder eben Erschreckendes: "Arierblut – höchstes Gut!" oder "Kauft nicht bei Juden!" bis hin zu nachgemachten Zugfahrkarten ohne Retour "für Juden und Genossen" nach Palästina. Gesammelt hat sie Wolfgang Haney, der 1924 als Kind einer jüdischen Mutter in Berlin geboren wurde. Das Dritte Reich, das ihn zum Volksfeind erklärte, hat er überlebt. Und auch seine Sammlung deutschnationaler und nationalsozialistischer Aufkleber konnte er in die Nachkriegszeit retten. Sie sind Grundlage der aktuellen Ausstellung im Deutschen Historischen Museum "Angezettelt. Antisemitische und rassistische Aufkleber von 1880 bis heute", die bis zum 31. Juli zu sehen ist. Mehr als 600 Exponate, überwiegend Originale und Reproduktionen von Aufklebern, hat die Kuratorin Isabel Enzenbach, Mitarbeiterin beim Berliner Zentrum für Antisemitismusforschung, zusammengestellt.

"Diese kleinen Stücke Papier verbinden gleich drei Ebenen. Erstens wird hier eine ganze Weltanschauung auf wenige Worte konzentriert. Zweitens verbindet sich diese kognitive Haltung mit Affekten und Leidenschaft. Man muss selber etwas tun, seine eigene Spucke benutzen, aktiv kleben und so ein greifbares und sichtbares Bekenntnis abgeben. Und drittens ist es ein Akt der Gewalt und Ausgrenzung. Hier werden Territorien abgesteckt. Es sind kleine Papiere, die in der Masse ihre Wirkung entfalten", erklärt die evangelische Theologin und Historikerin Isabel Enzenbach.

Die Klebezettel sind im Grunde eine Art "facebook" der Vergangenheit. Sie sind soziales und anonymes Massenmedium des 19. und 20. Jahrhunderts. Es gibt kein "verantwortlich im Sinne des Presserechts". Die Klebenden können nicht zur Verantwortung gezogen werden, außer sie werden in flagranti erwischt. Manche Aufkleber des deutsch-völkischen Schutz- und Trutzbundes schafften es in den 1920er Jahren auf bis zu 8 Millionen Exemplare. Und sie reichten in fast alle sozialen Bereiche hinein. So sind in der Ausstellung nicht nur öffentliche, sondern auch halb-öffentliche bis private Räume dargestellt, vom Wohn- und Vereinszimmer bis hin zu Toilettentüren. Im Grunde ist fast alles Klebefläche. Sogar Liebesbriefe dienten zum Transport öffentlicher Botschaften. Zu sehen ist eine Sammlung hunderter Brautbriefe, die sich zwei Verlobte um 1920 schrieben. Wie mit einem Siegel wurde diese höchst intime Post mit einem antisemitischen Klebezettel verschlossen, der nun wieder ganz öffentlich wirken sollte: "Die Juden sind unser Unglück. Prof. Heinr. von Treitschke" oder "Ich gönne den Juden alle Rechte, nur nicht das, in einem christlichen Staate ein obrigkeitliches Amt zu bekleiden. Bismarck".

Für die Leiterin des Zentrums für Antisemitismusforschung an der Berliner TU, Stefanie Schüler-Springorum, ist dies ein besonders ins Auge stechendes Beispiel, wie kleine Zettel in das Denken und in den Alltag hineinreichten: "Das ist eben mehr als nur Parteiparolen. Es ist auch sehr privat. Das wurde sehr ernst genommen."

Von Anfang an gab es aber auch Protest, Zettel gegen Antisemiten und Nationalsozialisten etwa, produziert vom politischen Gegner oder dem Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens: "Die Nazis sind unser Unglück", "Lieber einen König von Gottes Gnaden als einen Idioten aus Berchtesgaden!" bis "War je irgendwo und irgendwann ein großer Geist Antisemit?"

Auch schwarze Deutsche setzten sich mit Aufklebern gegen die rassistischen Botschaften schon aus der Kolonial- und Kaiserzeit zur Wehr, gegen den weißen Europäer, dem die "Neger" nur zu gehorchen und zu dienen hatten. Nach dem ersten Weltkrieg dann hetzten die Deutsch-Völkischen gegen die "Schwarze Schmach", die Stationierung französischer Soldaten aus den Kolonien im Rheinland.

Doch das alles ist kein Papier-Schnee von gestern. Im Grunde finden sich bis heute ähnliche Texte und Botschaften auf Stromkästen, an Laternenmasten und im öffentlichen Raum: "Rassenmischung ist Völkermord", "Bratwurst statt Döner", "Rückflugticket one way für Asylanten" bis "Israel Nein Danke!"

Natürlich sind Aufkleber immer zuerst ein Akt freier Meinungsäußerung und somit auch durch das Grundgesetz geschützt. Aber es gebe eindeutige Grenzen, sagt Stefanie Schüler-Springorum: "Bei antisemitischer und antirassistischer Hetze hört die Meinungsfreiheit auf. Das sieht man auch am Eingang der Ausstellung, wo alle möglichen Aufkleber bunt gemischt sind. Mitten drin ist ein antiisraelischer. Und das soll verdeutlichen, dass es einem manchmal schon gar nicht mehr auffällt."

Nach der Ausstellung wird man wohl mit wacheren Augen durch die Straßen der Städte gehen. Ähnlich mühsam wie es bei "facebook" scheint, fremdenfeindliche Kommentare zu löschen, so umständlich ist es auch, die Masse menschenverachtender Papierschnipsel wieder zu entfernen. In der Berliner Schau ist auch ein Video zu sehen, wie die private Aktivistin Irmela Mensah-Schramm mit Spachtel und Bürste Zettel für Zettel abkratzt und entfernt. Vorher aber macht sie Fotos, notiert Fundort und Zeitpunkt. In 30 Jahren hat sie so mehr als 71.000 demokratiefeindliche Klebezettel in ihrem Privatarchiv zusammengetragen.

Die Berliner Ausstellung möchte auch dazu animieren, solche Botschaften wider ein gutes menschliches Miteinander zu entfernen. Doch Vorsicht ist geboten! Manche Hetzer haben unter ihre Papiere Rasierklingen geklebt, um so Menschen zu verletzen, die ihre Botschaften entfernen wollen. Insofern sind auch heute noch diese kleinen Zettel gefährlich, vor allem aber, weil sie wie früher Propagandamittel geistiger Brandstifter sind. Ignorieren sollte man sie auf keinen Fall.