Stein gewordener Protestantismus

Touristen gehen in Dresden (Sachsen) über den Neumarkt mit der Frauenkirche.

Foto: dpa/Matthias Hiekel

Die Dresdner Frauenkirche wurde 1743, fünf Jahre nach dem Tod von George Bähr, fertiggestellt.

Stein gewordener Protestantismus
Wie hat George Bähr gelebt? Was hat er gedacht, wie ausgesehen? Diese Fragen lassen sich vorerst nicht beantworten. Auch zu seinem 350. Geburtstag am 15. März bleibt der Architekt der weltberühmten Dresdner Frauenkirche ein weitgehend Unbekannter.

Die 72-jährige Luise Sommerschuh hat nicht einmal ein Porträt. Obwohl sie und die Handvoll Mitglieder des Kulturvereins in Fürstenwalde, Bährs Geburtsort auf dem Kamm des Osterzgebirges, seit 1986 eifrig geforscht haben. Immerhin wüssten sie nun, wo das Geburtshaus des Barockbaumeisters tatsächlich stand, erzählt sie. Ein Gedenkstein mit schmiedeeiserner Inschrift kennzeichnet diese Stelle unterhalb der Dorfkirche, in welcher Frauenkirchen-Architekt George Bähr (1666-1738) getauft wurde. Der alte Sandsteinobelisk hingegen sei 1897 an der falschen Stelle errichtet worden, erklärt sie.

Im liebevoll eingerichteten "Gedenkstübel" in der ehemaligen "Hammerschänke" zeigt sie vor allem Fotos und Modelle der Dresdner Frauenkirche. "Wahrscheinlich hat er nur gearbeitet und an sich selbst kaum gedacht", mutmaßt Luise Sommerschuh. Wie die Dombaumeister des Mittelalters tritt George Bähr als Person ganz hinter die steinernen Zeugnisse seines Wirkens zurück. Bekannt ist immerhin, das er vor 350 Jahren, am 15. März 1666 in Fürstenwalde geboren wurde und am 16. März 1738 in Dresden starb - einen Tag nach seinem 72. Geburtstag.

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Eines der ältesten Zeugnisse ist die Kirche zur Heiligen Dreieinigkeit im osterzgebirgischen Schmiedeberg. 300 Jahre alt wird sie zu Trinitatis am 22. Mai. Bähr verfolgte hier erstmals ein für Sachsen neues Konzept: das der kreuzförmigen Zentralbauten, wie der Kunsthistoriker Hartmut Mai festgestellt hat. "Bemerkenswerte Sonderfälle" seien sie geblieben. "Sie verkörpern aber ein Ideal." Sinngehalt und Ordnung des lutherischen Gottesdienstes bestimmten die Gestalt des Gebäudes.

Die in älteren katholischen Kirchen übliche Trennung von Chor und Kirchenschiff ist aufgehoben. Die Kanzel hingegen erhält herausragende Stellung in den neuen protestantischen Kirchen. "Denn das Allervornehmste / das darinnen geschiehet / das ist das Predigen", betonte 1718 der Bautheoretiker Leonhard Christoph Sturm (1669-1719). Der ebenmäßig geordnete Innenraum besitzt symbolische Bedeutung, wie es 1716 der Schmiedeberger Pfarrer Daniel Friedrich Schwarzenberg (1675-1720) in seiner Predigt deutete: "Die Symmetrie weist auf die in den Gnadenmitteln gesetzte Heilsordnung hin und mahnt zu einem nach dem Wort Gottes geordneten Leben."

"Bähr ging es vor allem um die Gemeinde als zusammenhängende Größe", erläutert der Kunsthistoriker und ehemalige sächsische Landeskonservator Heinrich Magirius: "Darum, dass sich Frauen und Männer so um den Altar gruppieren, dass sie den Prediger gut hören und sehen können." Johannes Lorenz, seit 26 Jahren Pfarrer in Schmiedeberg, stellt sich mit dem Rücken zum Eingang und zeigt nach vorn: "Taufstein, dahinter Altar, die Kanzel darin mit der Taube als Symbol des Heiligen Geistes, darüber die Orgel - das alles liegt in einer Sichtachse. Ein zutiefst lutherisches Verständnis. Das ist Stein gewordene Theologie."

Der Grundriss der Kirche ist Programm

Bei der im vergangenen Jahr abgeschlossenen Innensanierung habe die Kirche wieder den original grün-weißen Farbton und damit einen "leichten, luftigen, barocken Charakter" erhalten. Seither predigt Pfarrer Lorenz regelmäßig von der Kanzel im Altar: "Durch die geknickten Bankreihen bekomme ich den Eindruck, wir sind mehr miteinander verbunden, als wenn die Gemeinde mir frontal gegenüber säße." Sogar der Grundriss der Kirche ist Programm: ein etwas langgezogenes griechisches Kreuz. "Unter dem sollte sich die Gemeinde versammeln."

In Schmiedeberg praktizierte George Bähr erstmals selbstständig seine theologisch fundierte Architektur. Später folgte er ihr bei den Kirchbauten im heute in Polen gelegenen Biecz (Beitzsch) und im erzgebirgischen Forchheim. Beteiligt war er auch an Neubauten oder Umbauten in Königstein, Kesselsdorf, Hohnstein und Schmannewitz. Berühmt indes wurde er durch Dresdens Wahrzeichen. "Doch die Frauenkirche", betont Heinrich Magirius, "ist ohne die Vorbereitung durch diese kleineren Kirchen nicht zu verstehen."

Den Auftrag für sein Hauptwerk erhielt Bähr 1722. Vier Jahre später wurde mit der Umsetzung begonnen, 1734 wurde der Innenraum der Frauenkirche eingeweiht. Die Vollendung des Gotteshauses 1743 erlebte Bähr nicht mehr, sie fand erst fünf Jahre nach seinem Tod statt.