Das göttliche Wort verbirgt sich im Menschenwort

Ein Mann streicht mit dem Finger über eine Bibel, die er in den Händen hält.

Foto: Getty Images/Lisa Valder

Das göttliche Wort verbirgt sich im Menschenwort
Bibelfundamentalismus: Wenn die Bibel in der Hand Risiken birgt
"In der Bibel steht aber, dass..." Mit der Heiligen Schrift werden die vielfältigsten Meinungen und Lebensweisen begründet. Schließlich ist die Bibel das Fundament des christlichen Glaubens. Doch gerade zu Beginn des Themenjahres "Reformation und die eine Welt" wird deutlich: Nicht alle Protestanten auf der Welt verstehen die Bibel in gleicher Weise. Reinhard Hempelmann, Leiter der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen, sagt: "Die Bibel wird vor allem dann richtig gelesen, wenn sie von ihrer Mitte her, dem Evangelium, gelesen wird."

Die vielgestaltigen reformatorischen Bewegungen haben dazu beigetragen, dass die Bibel in die Hand der Christenmenschen gelangte, dass sie als Maßstab für christliche Lehre und kirchliche Praxis zur Geltung kommen konnte. Im Kontext des religiösen und weltanschaulichen Pluralismus und einer gleichzeitig zunehmenden Konfessionslosigkeit und Religionsdistanz müssen sich die christlichen Kirchen mit der um sich greifenden "Bibelschwindsucht der Moderne" (Gerhard Ebeling) auseinandersetzen, die die Bibel zum "Bestseller ohne Leser" werden lässt. Gleichzeitig breitet sich ein Umgang mit der Bibel aus, der sie als verfügbare Glaubensnorm betrachtet, als Nachschlagewerk, in der alles gleich wichtig und gültig und nicht hinterfragbar ist.

So stellt sich heute eine doppelte Aufgabe: Einerseits ist der Bibel als unverzichtbarer Ressource für christliche Identitätsbildung Raum zu geben. Andererseits darf die Autorität der Bibel darf nicht mit einengender Gesetzlichkeit, die Orientierung an ihr nicht mit Bibelfundamentalismus verwechselt werden.

Zutreffend wird gesagt, dass die Geschichte des Christentums die Auslegungsgeschichte der Bibel sei. Die unterschiedlichen Deutungen und Gestaltungen der christlichen Tradition zeigen den Reichtum der Wirkungsgeschichte der Bibel. Die unübersehbare Vielfalt der Konfessionen, der Kirchen und christlichen Gemeinschaften weist zugleich auf Spannungen und Kontroversen hin.

Die Bibel verbindet Christen - und trennt sie

Mit der Bibel in der Hand wird die Frauenordination begründet und abgelehnt. Mit Bezugnahme auf die Heilige Schrift wird eine bestimmte Verfassung der Kirche gefordert und als "unbiblisch" beurteilt. Mit Berufung auf die Bibel werden unterschiedliche Plädoyers zur Homosexualitätsthematik abgegeben. Der Kanon der Heiligen Schrift scheint eine Vielfalt von Deutungsmöglichkeiten zuzulassen. Die Bibel ist insofern nicht nur gemeinsames Fundament aller christlichen Kirchen und der zentrale Bezugspunkt für alle ökumenischen Verständigungsprozesse. Sie ist auch Zankapfel. Sie verbindet Christinnen und Christen und trennt sie.

Quer durch die Konfessionen ist der Bibelfundamentalismus heute die wohl "größte Kirchenspaltung der Gegenwart" (Gerd Theißen). Im Katholizismus zeigt er sich als rückwärtsgewandter Traditionalismus. Im Protestantismus bekämpft er die historische Bibelforschung, die Evolutionstheorie... und artikuliert christliche Identität vor allem durch Abgrenzung und Ausgrenzung anderer.  

Wie kann der Streit um die Auslegung der Bibel beendet werden?

Kann der Streit um die Auslegung der Bibel beendet werden, indem die Bibel gleichsam mit ins Glaubensbekenntnis aufgenommen und gesagt wird: "Wir glauben an die Bibel als das von Gott gegebene 'irrtumslose' und 'unfehlbare' Wort Gottes"? Lassen sich auf diese Weise Autoritäts- und Machtfragen jenseits von langwierigen Diskussionsprozessen beantworten? Zahlreiche Vertreterinnen und Vertreter einer "wortwörtlichen" Auslegung der Heiligen Schrift sehen dies so. Sie glauben, durch ihr Bekenntnis zur Bibel könne der Streit ein Ende finden.

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Das ist meines Erachtens jedoch nicht zutreffend. Bei der Annahme ihrer "absoluten Unfehlbarkeit" hört der Streit um ihre wahre Auslegung keineswegs auf. Auch zwischen biblizistisch geprägten Gruppen und Ausbildungsstätten werden im Blick auf das Verständnis der Schrift verschiedene und widerstreitende Anschauungen vertreten: etwa zur Frauenordination oder zum Thema Schöpfung und Evolution, zum Verhältnis von Glaube und Heilung oder zu der Frage, was Christinnen und Christen hoffen dürfen. Wie kann ein Verständnis der Schrift aussehen, in dem die Freiheit und die Bindung eines Christenmenschen gegenüber der Schrift gleichermaßen Berücksichtigung finden?

Gott spricht durch die fehlerhafte Grammatik menschlicher Sprache

Nach evangelischem Verständnis ist das Zeugnis der Bibel für kirchliches Handeln und Lehren grundlegend. Die Schrift ist zentrale Ur-Kunde des Glaubens, das maßgebliche Zeugnis von der "freien Gnade Gottes, auszurichten an alles Volk". Zur Erneuerung und Reform der Kirche aus dem Geist Christi gehört ein neues Hören auf das Zeugnis der Schrift. Deshalb betonen die Reformatoren, dass die Schrift einzige und ausschließliche Quelle der Verkündigung des Evangeliums ist (sola scriptura, allein die Schrift). Wenn evangelikal und pfingstlich-charismatisch geprägte Christinnen und Christen hervorheben, dass alle Ausdrucksformen kirchlichen Lebens, christlichen Zeugnisses und kirchlichen Dienstes unter die Norm der Heiligen Schrift zu stellen seien, vertreten sie ein urevangelisches Anliegen.

Die Orientierungskraft der Bibel ist allerdings nicht etwas, über das wir verfügen könnten. Gottes heilvolle Nähe in seinem Wort gibt es nur in gebrochenen Formen. Die Bibel ist weder in den reformatorischen noch in den altkirchlichen Bekenntnissen Gegenstand des Heilsglaubens. In der Bibel lässt sich Gott durch Menschen bezeugen. Er spricht durch die fehlerhafte Grammatik menschlicher Sprache. Es gibt kein beweisbares, kein sichtbares Wort Gottes. Das göttliche Wort verbirgt sich im unzulänglichen Menschenwort und lässt sich zugleich darin finden. Wo solche Spannungen geleugnet werden, wird Gewissheit zur falschen Sicherheit. 

Wie liest man die Bibel "richtig"?

Die Bibel wird in den Slums von Manila anders gelesen und rezipiert als beim Gottesdienst zu Beginn der EKD-Synode. Zur legitimen Vielfalt des Umgangs mit der Bibel gehören ebenso zahlreiche "engagierte Lesarten" (Gerd Theißen). Die Erweiterung der historischen Bibelauslegung durch das Bemühen u. a. um eine geistliche, tiefenpsychologische, befreiungstheologische Auslegung erinnert an vernachlässigte Aspekte und macht bewusst: Jede Auslegung der Bibel wird durch einen konkreten Situationsbezug und Interessenzusammenhang mitbestimmt.

Die Bibel wird vor allem dann richtig gelesen, wenn sie von ihrer Mitte her, dem Evangelium, gelesen wird. Diese Mitte ist Gott selbst, der sich in der Geschichte des jüdischen Volkes und im Leben, Sterben und Auferstehen Jesu Christi der Welt mitgeteilt hat. Alle Bemühungen um die Auslegung der Bibel sind freilich vergeblich, wenn sie nicht aus ihrer Kenntnis und Wertschätzung kommen, aus einem erwartungsvollen Hören im Alltag des Lebens.

Dieser Text stammt aus dem EKD-Magazin zum Themenjahr "Reformation und die Eine Welt" 2016. Das Magazin können Sie hier: