Indiens Christen und Muslime in wachsender Gefahr

Ein Mann schlägt das Kreuz über seiner Haustür ab, nachdem er vom zum Christentum zum Hinduismus konvertiert ist.

Foto: Reuters/Adnan Abidi

Ein Mann schlägt das Kreuz über seiner Haustür ab, nachdem er vom zum Christentum zum Hinduismus konvertiert ist.

Indiens Christen und Muslime in wachsender Gefahr
Morde, Hassreden und Zwangskonvertierungen: In Indien weden Christen und Muslime brutal verfolgt. Konserverative Organisationen fordern ein Indien nur für Hindus. Indiens Glaubensfreiheit und -vielfalt ist gefährdet.

Sunil Kumar und sein jüngerer Bruder Anil Kumar sind tot. Die beiden Männer, 36 Jahre der eine, 32 Jahre der andere, wurden durch Mord aus dem Leben gerissen. Die Täter hatten die beiden Männer während ihres Dienstes als Wachleute in der evangelischen United Christian Senior Secondary Schule in Neu Delhi überfallen, gefesselt und erschlagen. Aus dem Büro des Schuldirektors wurden umgerechnet 290 Euro gestohlen. Trotzdem geht die Polizei nicht von einem gewöhnlichen Raubmord aus. "Die beiden Männer wurden brutal ermordet. Ein Kleinkrimineller würde nicht solch grausame Morde begehen", sagte ein Polizeisprecher gegenüber indischen Medien.

Darwin Prashad, Direktor der gemeinsam von der Union der Baptisten von Nordindien und der Kirche von Nordindien betriebenen Schule, geht von einem christenfeindlichen Hintergrund der Tat aus, begangen von extremistischen Hindunationalisten. Solange aber Beweise fehlen, ist das reine Spekulation, wenn auch eine plausible. Seit Anfang dieses Jahres hat es in der indischen Hauptstadt eine Serie von Brandanschlägen und anderen Angriffen gegen katholische Kirchen und Schulen gegeben, die höchstwahrscheinlich auf das Konto der Hindunationalisten gehen.

"Indien nur für Hindus"

Im Mai 2014 gewannen Narendra Modi und seine Indische Volkspartei (Bharatiya Janata Party, BJP) mit einem Erdrutschsieg die Parlamentswahl in der größten Demokratie der Welt. Die rechtskonservative BJP ist der politische Arm der Hindunationalisten. Erklärtes Ziel von Organisationen wie die Nationale Freiwilligenorganisation (Rashtriya Swayamsevak Sangh, RSS) oder dem Welt-Hindu-Rat (Vishva Hindu Parishad, VHP) ist ein Indien nur für Hindus, ohne Christen, ohne Muslime, ohne Anhänger anderer Religionen.

Die Zahl der Übergriffe auf Christen und Muslime ist in ganz Indien seit dem Regierungsantritt von Modi sprunghaft angestiegen. Das geht aus dem im Juni veröffentlichten Report mit dem sarkastischen Titel "365 Tage von Demokratie und Säkularismus unter dem Modiregime" hervor. In den ersten zwölf Monaten der Regierung von Modi seien 600 Fälle von Gewalt gegen Christen und Muslime registriert worden, hieß es in dem von der indischen Bürgerrechtsorganisation ANHAD (Act Now for Harmony and Democracy) erstellten Dokumentation. Dabei seien 43 Menschen ums Leben gekommen. Unter Modi habe auch die Schikane von Christen und Muslimen durch Behörden wie auch Zwangskonvertierungen zum Hinduismus zugenommen.

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Zu diesem Urteil gelangt auch der im Frühjahr dieses Jahres veröffentlichte Report des US-Außenministeriums über die Religionsfreiheit in der Welt in seinem Kapitel über Indien. "Seit der Wahl wurden religiöse Minderheiten Ziel abfälliger Bemerkungen von Politikern der BJP sowie Ziel zahlreicher gewalttätiger Angriffe und Zwangskonvertierungen durch hindu-nationalistische Gruppen wie der RSS und der VHP." Als Beispiele führt der US-Report die Evangelical Fellowship of India, die alleine im November und Dezember 2014 Ziel von 38 Angriffen war oder die Gewaltaktionen gegen Muslime in Gujarat im September 2014 an.

In Gujarat war Narendra Modi vor seiner Übernahme der Macht in Neu Delhi von 2001 bis 2014 der Regierungschef. In dieser Funktion trug zumindest die politische Verantwortung für ein Massaker von Hinduextremisten an mehr als 1000 Muslimen. Auslöser war der Angriff von Muslimen auf einen mit hinduistischen Pilgern besetzten Zug als Vergeltung für den Abriss Babri-Moschee zehn Jahre zuvor durch die VHP. Die radikalen Hindus rechtfertigten seinerzeit den Abriss mit ihrer Überzeugung, die 1526 erbaute Moschee stehe genau an der Geburtsstätte des Hindugottes Ram.

Der Druck auf Andersgläubige wird immer größer

Die Strategie, so ANHAD, der militanten Hindus unter der Führung der Dachorganisation Sangh Parivar hat sich seit dem geändert. Statt auf spektakuläre Anschläge wie den von Gujarat setzten sie jetzt auf "sorgfältige geplante, intensive lokale Gewaltakte, die von einer indienweite schrillen Hasskampagne begleitet werden, die die Inder polarisieren und Minderheiten noch mehr marginalisieren", heißt es in dem Report.

Als Premierminister Indiens gibt Narendra Modi jetzt den Reformer, den moderaten Regierungschef für alle Inder, beteuert ein ums andere Mal die Religionsfreiheit. So mancher seiner Minister aber hetzt unverhohlen gegen Muslime. Für den BJP-Abgeordneten und RSS-Aktivisten Sakshi Maharaj sind islamische Schulen pauschal "Zentren des Terrors". Von Hindufrauen fordert Maharaj die Geburt von vier Kindern zur Abwehr der angeblichen Gefahr der Islamisierung Indiens durch gebärfreudige Muslime. Der BJP-Parlamentarier Yogi Adityanath droht unverhohlen für jeden zum Islam konvertierten Hindu 100 muslimische Mädchen zum Hinduismus zu konvertieren. Für Ministerin Sadhvi Niranjan sind alle, die nicht den Gott Ram anbeten, "Bastarde".

Mythen und Aberglaube werden anerkannt

Angesichts dieser Hasstiraden aus den Reihen der BJP trauen Christen Modi nicht über den Weg. "Der Premierminister ist ein guter Redner, der alle möglichen Stellungnahmen und Versprechungen abgibt. Die Realität vor Ort sieht anders aus", sagt Roger Gaikwad gegenüber evangelisch.de. Dann fügt der Generalsekretär des evangelischen Nationalen Rat der Kirchen in Indien (NCCI)  hinzu: "Wir Christen erwarten von ihm eine klare Absage an die Gewalt gegen Christen und entschiedene Maßnahmen gegen die Täter, aber das passiert nicht."

Ashok Singhal ist der Führer von Vishva Hindu Parishad (VHP). Mitte Juli pries der 88-jährige in einer Rede auf einem Empfang in Neu Delhi den Wahlsieg der BJP vor einem Jahr als Beginn "einer Revolution" zur "Befreiung von einer 800 Jahre dauernden Sklaverei gewesen". Mit der Bemerkung über die "Sklaverei" bezog sich Ashok Singhal auf die rund 800-jährige Herrschaft muslimischer Sultane und Mogule über Indien. Bis 2020 werde Indien "rein hinduistisch" sein, prophezeite Ashok Singhal. Seine Zuhörer klatschten enthusiastisch Beifall. Im Publikum befanden sich nicht nur die ‚üblichen Verdächtigen' aus den Reihen radikalen Hinduorganisationen, sondern auch Mitglieder der Modi-Regierung wie Sushma Swaraj, die neben ihrem Job als Außenministerin eine prominente Funktionärin der RSS ist.

Mit großer Sorge sehen die Autoren des ANHAD-Reports auch die zunehmenden Angriffe der Modi-Regierung auf die Freiheit von Medien und Wissenschaft in Indien. "Dazu gehören die Anerkennung von Mythen und Aberglauben, offizielle Plattformen für Aktionen gegen Wissenschaft, Etatkürzungen für und politische Einflussnahme auf wissenschaftliche Institute", heißt es in dem Report.

Indien ist Geburtsort vieler Religionen

Indien ist der Geburtsort großer Religionen wie dem Hinduismus, dem Buddhismus, dem Jainismus und dem Sikhismus. Die im fünften Jahrhundert gegründete buddhistische Universität Nalanda galt mit 1000 Professoren, 10.000 Studenten und einer Bibliothek mit angeblich neun Millionen Schriften als größtes Lehrzentrum der antiken Welt überhaupt. Mit Blick auf diese glorreiche Geschichte sehen die ANHAD-Autoren den "kulturellen Chauvinismus" der Modi-Ära mit großer Sorge: "Das alles sind schwerwiegende Aktionen zur Unterminierung von Vielfalt und Pluralismus mit dem Ziel, aus Indien eine monokulturelle, standardisierte Gesellschaft zu machen. Sollte die Idee des kulturellen Chauvinismus und Nationalismus die Oberhand gewinnen, wäre das das Todesurteil für alles, was Indien ausmacht."