"Hetzparolen gegen Juden auf deutschen Straßen nicht akzeptabel"

Angemessenes Gedenken an die Opfer des Holocaust

Foto: imago/Reiner Zensen

Angemessenes Gedenken an die Opfer des Holocaust: Die Aktion Sühnezeichen setzt sich für die Wiedergutmachung der NS-Verbrechen ein.

"Hetzparolen gegen Juden auf deutschen Straßen nicht akzeptabel"
Der Vorsitzende der Aktion Sühnezeichen Friedensdienste, Stephan Reimers, hält die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus auch 70 Jahre nach Kriegsende für unverändert aktuell.

"Drei Übergriffe pro Woche auf Flüchtlingsunterkünfte sind ein Alarmsignal. Ich sehe Zusammenhänge zwischen der Judenfeindschaft im Dritten Reich und Fremdenfeindlichkeit heute", sagte der evangelische Theologe in einem epd-Gespräch. Reimers begrüßte in diesem Zusammenhang den Verbotsantrag der Bundesländer gegen die NPD.

Reimers wird an diesem Dienstag in einem Gottesdienst in Berlin als neuer Vorsitzender von Aktion Sühnezeichen eingeführt. Ende April war der 71-Jährige zum Nachfolger der Historikerin Elisabeth Raiser gewählt worden. Von 1999 bis zu seinem Ruhestand 2009 war er als Berliner Bevollmächtigter der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) für Bundesregierung und Parlament ein wichtiger Ansprechpartner. Seit 2008 ist er Verwaltungsratsvorsitzender der Hamburger Stadtmission.

Vorwand der Israel-Kritik

Die 1958 von evangelischen Kirchenleuten gegründete Aktion Sühnezeichen setzt sich für die Wiedergutmachung der NS-Verbrechen ein und entsendet Freiwillige zu mehrmonatigen Friedensdiensten ins Ausland. Die jungen Männer und Frauen unterstützen im Ausland Überlebende des Holocaust, arbeiten in Gedenkstätten mit oder betreuen Kinder, Behinderte oder sozial benachteiligte Menschen. Im direkten Kontakt mit Überlebenden erlebten die Freiwilligen, wie die Erinnerung an die Verbrechen und die Trauma auch Kinder und Enkelkinder der Opfer bedrückt, sagte Reimers. Die Überlebenden und ihre Nachkommen verlangten eine angemessene Erinnerung und ein angemessenes Gedenken.

Besorgt äußerte sich der Sühnezeichen-Vorsitzende über die Tendenz, unter dem Vorwand der Israel-Kritik antisemitische Vorurteile zu verbreiten. Wer Kritik am Verhalten der israelischen Regierung auf Juden in anderen Ländern übertrage, überschreite eine Grenzlinie: "Hetzparolen gegen Juden, wie sie in der Nazizeit skandiert wurden, sind weder auf deutschen Straßen noch sonst irgendwo akzeptabel", sagte Reimers. Juden in Deutschland erwarteten zu Recht die Unterstützung des Staates und der Zivilgesellschaft.

Am Wochenende war bekanntgeworden, dass die Zahl antisemitischer Straftaten 2014 deutlich angestiegen ist. Laut einer Regierungsantwort auf eine Parlamentsanfrage wurden nahezu 1.600 judenfeindliche Straftaten registriert, 300 mehr als im Vergleichsjahr. Auch wurde eine erhebliche Zunahme von Gewalttaten mit antiisraelischem Hintergrund registriert.

Sühnezeichen-Freiwillige in Israel setzten sich intensiv mit dem israelisch-palästinensischen Konflikt auseinander, erläuterte Reimers. Dabei entwickelten sie zumeist ein feines Gespür für die Komplexität des Konfliktes in seiner historischen, religiösen und gesellschaftlichen Dimension. "Sie lernen, dass sich der Zwiespalt nicht durch ein einfaches Täter-Opfer Schema deuten lässt", ergänzte der Theologe.

Für Freiwilligendienste und Sommerlager, die Sühnezeichen anbietet, besteht Reimers zufolge bei jungen Menschen durchaus Interesse. So gebe es im laufenden Jahr 270 Bewerber für 160 Freiwilligenplätze. Seit dem Wegfall des Zivildienstes nach Aussetzung der Wehrpflicht 2011 seien allerdings die Bewerberzahlen zurückgegangen. 

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