Abrahams Erben am Nil: Friedliches Miteinander ist möglich

 Reitender Christus - Ausstellung "EIN GOTT"

Foto: Staatliche Museen zu Berlin, Skulpturensammlung und Museum für Byzantinische Kunst / Jürgen Liepe, 1992

Exponat aus den Sammlungen der Staatlichen Museen zu Berlin: Reitender Christus.

Abrahams Erben am Nil: Friedliches Miteinander ist möglich
Die Ausstellung "Ein Gott – Abrahams Erben am Nil" im Berliner Bode-Museum zeigt eindrucksvoll, wie Juden, Christen und Muslime in Ägypten von der Antike bis zum Mittelalter zusammenlebten.

Da liegen Kinderpantoffeln aus Leder, Leibchen und Puppentunikas nebst Spielpferdchen und -vögelchen aus Ton. Sie stammen aus dem  mittelalterlichen Ägypten. Ob mit ihnen nun jüdische, koptische oder muslimische Kinder gespielt haben, ist nicht bezeugt und scheint auch egal zu sein. Die Bewohner in Assuan, Theben, Memphis oder Alexandria benutzten viele Alltagsgegenstände gemeinsam.

In der Sonderausstellung im Berliner Bodemuseum über "Abrahams Erben am Nil" wird die Bandbreite und eben auch kulturelle Vermischung farbenfroh und anschaulich dargestellt. Unter den mehr als 250 Exponaten aus Sammlungen der Staatlichen Museen sowie der Staatsbibliothek zu Berlin befinden sich einzigartige Stücke, die den Besuchern erstmalig präsentiert werden können.

Im alten Ägypten findet sich eine faszinierende Durchmischung der Religionen in einem Kultur- und Lebensraum. Alle Einwohner bezogen sich in ihrem Glauben auf den den gemeinsamen Urvater Abraham, der den Übergang vom Stammes-Polytheismus zum Monotheismus personifiziert. Auch Josef, Moses oder der Erzengel Gabriel werden immer wieder auf Stoffen oder Reliefen dargestellt. 

Beeindruckend etwa das Nebeneinander zweier Grabsteine für einen Kopten namens Abraham und seinen muslimischen Nachbarn Ishaq bin Ibrahim. Da liegen etwa Koransuren in hebräischer Schrift neben einem koptischen Alphabet in ebenfalls jüdischen Quadratbuchstaben, dann wieder ein medizinisches Rezept in Judäo-Arabisch. Allen Ägyptern jedweder Religionszugehörigkeit galt der Hase als Fruchtbarkeitssymbol. Die damit reich verzierten Töpferwaren wurden von allen genutzt. Die Brotstempel bürgten für Herkunft und Qualität unabhängig vom Glauben des Bäckers. Die Wasserstandsmeldungen des Nilometers dienten allen Ägyptern als Hinweis, wann die Zeit der Saat anstand. Alle lebten sie von der Fruchtbarkeit des gemeinsamen Stromes, von aus dem Süden herantransportierten Nährstoffen für die Felder, von seinem Fischreichtum.

Isis mit Horus, Maria mit Jesus

Eine besondere Bereicherung stellen ausgewählte Schriftstücke aus der so genannten "Kairoer Genizah" dar, einer Dokumentensammlung aus der Ben Esra Synagoge in Alt-Kairo, die von der Cambridge University zur Verfügung gestellt wurden. Es ist, als hätten sich die Völker und Religionen am Nil gegenseitig verstanden und grundsätzlich toleriert. Bei allen beliebt waren etwa Talismänner und magische Amulette mit einem Penta- oder Hexagramm, die damit Salomos glückbringendes Siegel darstellten.

Aber nicht nur Judentum, Christentum und Islam beeinflussten sich gegenseitig, sondern auch die pharaonische, hellenistische wie römische Kultur färbten auf die Nachgeborenen ab. So finden sich am Nil Darstellungen eines Jesus, der nicht etwa biblisch korrekt zu Palmsonntag auf einem Esensfüllen, sondern auf einem Pferd sitzend in Jerusalem einreitet. Es ist eine Umdeutung des spätantiken Adventi Augusti, des weltlichen Herrschers und Triumphators. Das altägyptische Anch-Lebenszeichen wurde zum koptischen Henkelkreuz umgedeutet. Eines der schönsten Beispiele für das Fortleben alter Bildthemen bietet das Motiv der orientalischen Muttergottheiten, in Ägypten vertreten durch die altägyptische Göttin Isis, die ihrem Sohn Horus, in griechisch-römischer Zeit Harpokrates genannt, die Brust gibt. Dieses Motiv lebt im Bild der sogenannten Maria lactans, der Milch spendenden Gottesmutter Maria mit dem Jesus-Kind fort.

 

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Ägypten gilt als Wiege des christlichen Mönchtums, siedelte doch hier der Hl. Antonius und der Hl. Pachomius, auf den die erste christliche Klostergemeinschaft als Urtyp aller späteren Orden zurückgeht. Die Kopten selbst sehen sich als Nachfolger des biblischen Markus. So wie der römisch-katholische Papst in Rom das Werk des biblischen Petrus fortsetzt, so tut dies der koptische Papst bis heute als Nachfolger des Evangelisten.

Altpharaonische Tempel und Felsengräber wurden zu Kirchen umgewidmet oder später auch als Moscheen weitergenutzt, etwa auf der süd-ägyptischen Insel Philae oder in Luxor: Als der muslimische Eroberer ʿAmr ibn al-ʿĀs Mitte des 7. Jahrhunderts Alexandria einnahm, fand er eine lebendige und pulsierende Stadt vor, mit 4000 Palästen, 400 Theatern, 1200 Gemüsehändlern, 1000 Vergnügungshäusern und 40.000 Juden, wie er beschrieb. Die Ausstellung gibt Einblick in diese polyglotte und multikulturelle Lebensfülle am Nil.

Und heute? Ein Wunsch an die Politiker am Nil

Aber die Berliner Sonderausstellung verfällt nicht in eine romantisierende Rückschau. Über die Jahrhunderte taten sich zwischen den Religionen auch Konflikte auf. Beispiele hierfür sind etwa das militärische Vorgehen römischer Kaiser gegen das jüdische Volk, das erst Ende des 3. Jahrhunderts wieder am Nil siedeln und später unter der muslimischen Herrschaft der Fatimiden Gemeinden gründen konnte. Zu nennen sind die römisch-kaiserlichen Edikte gegen das Christentum bis hin zu der europäischen Aggression zu Zeiten der Kreuzzüge.

Im Ganzen aber belegt die Ausstellung vor allem den regen Austausch der drei Glaubensgemeinschaften untereinander zwischen dem 10. und 12. Jahrhundert in Ägypten, der im 21. Jahrhundert leider nahezu erloschen zu sein scheint. Man kann den heutigen politischen Kräften am Nil nur wünschen, dass sie sich von ihren Altvorderen anregen lassen: Ein weitgehend friedliches Miteinander war möglich und sollte es auch in Zukunft sein.

 

Die sehenswerte Ausstellung "Ein Gott. Abrahams Erben am Nil. Juden, Christen und Muslime in Ägypten von der Antike bis zum Mittelalter" ist bis zum 13. September 2015 im Berliner Bode-Museum zu sehen. Sie wird ergänzt durch einen 288-seitigen Katalog mit 337 Farb- und sechs SW-Abbildungen, Klappenbroschur, ISBN 978-3-7319-0149-5 zum Preis von 29,95 Euro.