"Wir brauchen mehr Palliativmedizin statt Sterbehilfe"

Palliativzentrum der Uniklinik Koeln

Foto: epd-bild/Joern Neumann

Ein 61-jaehriger Krebspatient im Palliativzentrum der Uniklinik Koeln.

"Wir brauchen mehr Palliativmedizin statt Sterbehilfe"
Palliativärzte machen das langsame Sterben erträglicher, stoßen aber auch an Grenzen
Die wenigsten Krankenhäuser in Deutschland haben eigene Stationen für Sterbenskranke. Dabei ist längst erwiesen, dass Patienten, die von Spezialisten der Palliativmedizin betreut werden, länger und besser leben. Sie rufen fast nie nach Sterbehilfe.

Die 86-Jährige befindet sich im letzten Stadium einer Krebserkrankung. Sie ist stark abgemagert, kann nichts mehr zu sich nehmen und leidet an einer "wahnsinnigen Übelkeit", wie ihre Nichte sagt. Sie lässt sie ins Palliativzentrum der Uniklinik Köln verlegen, eine Einrichtung, die todkranke Menschen beim Sterben begleitet.

"Dort war es eigentlich ganz toll", sagt die Nichte: "Das Personal war unglaublich nett und hilfsbereit, die Zimmer hell und freundlich." Ihre Tante habe etwas gegen die Übelkeit bekommen und etwas Morphin. "Danach ging es ihr besser. Sie ist wieder etwas aufgelebt." Zwei Wochen hat sie dort noch gelebt. Mitte Januar starb sie.

Suizidhilfe-Debatte rückt auch Palliativmedizin in den Blickpunkt

Das Kölner Palliativzentrum wird von Raymond Voltz geleitet, der im Jahr 2004 an der Uniklinik auch einen der ersten Lehrstühle für Palliativmedizin in Deutschland übernahm. Seitdem habe sich viel getan, sagt er. Die Grundtendenz sei gut: "Aber es gibt immer noch zu wenig Palliativstationen." Nur 15 Prozent der bundesweit rund 2.000 Krankenhäuser verfügten über eine Palliativstation.

Die derzeitige auch im Bundestag geführte Debatte über Sterbehilfe und den ärztlich assistierten Suizid begrüßt Voltz, "weil dadurch auch die Rolle der Palliativmedizin in den Fokus gerückt wird". In dieser Debatte geht es unter anderem um die kontroverse Frage, ob es Ärzten erlaubt sein sollte, einem todkranken und leidenden Patienten dabei zu helfen, sich selbst mit Hilfe von Medikamenten das Leben zu nehmen. Dies sei eigentlich nur für einen verschwindend kleinen Prozentsatz der Betroffenen von Bedeutung, sagt Voltz dazu: "99 Prozent benötigen eine flächendeckende und gute Palliativversorgung. Wir brauchen mehr Palliativmedizin statt Sterbehilfe." Einem Patienten beim Sterben zu helfen, sei keine ärztliche Aufgabe, so Voltz.

Auch der Anästhesist und Schmerztherapeut Matthias Thöns vom Palliativnetz Witten sagt, dass man die allermeisten Patienten mit einer palliativen Therapie gut versorgen könne. Durch die Behandlung körperlicher Leiden wie Schmerzen, Übelkeit oder Atemnot trete bei den meisten Patienten auch der Wunsch zu sterben in den Hintergrund. "Und Studien haben eindeutig gezeigt, dass die Palliativmedizin Patienten nicht nur besser, sondern auch länger leben lässt."

"Meine Tante fand das langsame Sterben furchtbar"

Dennoch gebe es einen sehr kleinen Promillesatz, bei dem die Medizin an ihre Grenzen stoße, sagt der Palliativmediziner Thöns: "Ich behandele etwa 400 Patienten im Jahr. Und etwa alle ein bis zwei Jahre treffe ich auf einen Patienten, bei dem auch unser Team nicht ausreichend lindern kann." Das seien etwa Menschen mit "stark riechenden Wunden oder nach außen brechenden Tumoren". Er kenne einzelne Patienten, die in ihrer Verzweiflung im Hospiz aus dem Fenster gesprungen seien oder sich die Pulsadern aufgeschnitten hätten.

Deswegen sollte es Ärzten seiner Ansicht nach erlaubt sein, sterbenskranken Menschen beim Suizid zu helfen, wenn bestimmte strenge Voraussetzungen erfüllt sind. Dazu gehört seines Erachtens, dass sie an ihrem Lebensende stehen, nicht psychisch krank sind und sehr leiden. "In Deutschland haben wir die seltsame Situation, dass Familienmitglieder oder Freunde beim assistierten Suizid keine Konsequenzen zu fürchten haben, Ärzte dagegen schon." Denn zehn der bundesweit 17 Landesärztekammern verbieten es ihren Mitgliedern, beim Suizid zu assistieren. Wer es dennoch tut, kann seine ärztliche Zulassung verlieren.

Sterben zu müssen, sei wahrscheinlich nie leicht, sagt die Kölner Nichte der verstorbenen Krebspatientin: "Meine Tante fand das langsame Sterben furchtbar. Und obwohl es ihr auf der Palliativstation so viel besser ging, hat sie mich trotzdem jeden Tag um eine "Zauberpille" gebeten." Eine Zauberpille, die ihr Leben beenden sollte.