Berliner stoppen "Bärgida"

Anti-Bärgida Demonstration in Berlin

Foto: Cornelius Wüllenkemper

Berliner stoppen "Bärgida"
Am Montag haben Menschen in Köln, Stuttgart, Rostock, Marburg, Kassel und Münster zu Tausenden gegen die islamfeindliche "Pegida"-Bewegung demonstriert. Der Berliner Ableger der Bewegung hatte gestern Abend zum zweiten Mal vergeblich versucht, eine Demonstration abzuhalten. Nahe dem Alexanderplatz wurden 450 "Bärgida"-Anhänger von rund 5000 Gegendemonstranten blockiert.

Der erste Versuch des Vereins "Patrioten e.V." um den 60. Jährigen Karl S. aus Berlin-Reinickendorf war Mitte Dezember am Brandenburger Tor gescheitert: Nur fünf Personen waren erschienen, die sich mangels Beteiligung nicht zu der Aktion bekennen wollten. An diesem Montag war unweit des Roten Rathauses am Alexanderplatz dann erneut ein Demonstrationszug mit etwa 500 Beteiligten angemeldet. Aber auch dieses Mal scheiterte die "Bärgida"-Demonstration auf ganzer Linie: Vor und hinter dem Berliner Sitz der Regierenden Bürgermeisters hatten sich ab 18 Uhr rund 5000 Gegendemonstranten versammelt. Gegen 21 Uhr sagten die Organisatoren der "Bärgida"-Kundgebung den geplanten Umzug in Richtung Brandenburger Tor kurzerhand ab: Die überwältigende Überzahl an Gegendemonstranten hatte sie schlicht blockiert.

"Ich wollte von Anfang an gegen 'Pegida' auf die Straße, aber Dresden war mir zu weit", sagt ein 59-jähriger Berliner, der mit seiner 18-jährigen Tochter und ihren Freundinnen am Rande der Demonstration steht. "Jeder soll hier das Recht haben haben, an das zu glauben, was er will", sagt der freundlich aussehenden Mann, der sich selbst als "frommen Atheisten" bezeichnet. Als Fachhochschullehrer für Mechatronik habe er täglich mit vielen Migranten aus islamischen Ländern zu tun, die an Umschulungsprogrammen teilnehmen. "Ich kenne deren Schicksal und deren täglichen Überlebenskampf auf deutschen Ämtern. Diese Menschen haben es alles andere als leicht."

"Wir müssen hier einfach nur stehen und zeigen, dass wir da sind"

Dass am Montag Abend in Dresden wieder rund 18.000 Pegida-Anhänger auf die Straße gehen, schockiert den Mann zwar, dennoch kann er sich den lokalen Erfolg der Bewegung erklären: "Diese Menschen haben Angst, Angst vor dem sozialen Abstieg, Angst vor der Armutsschere, Angst vor Fremden, und diese Angst wird dann auf die Muslime projiziert. Das sind nicht alles Faschisten, sondern Menschen, denen es an Wissen und an Erfahrung mit Migranten fehlt", sagt der Mann mit Blick auf den Erfolg der "Pegida"-Bewegung in Sachsen, dem Bundesland mit der landesweit geringsten Migranten-Anzahl.

Weiter vorne in der Demonstration vor dem Roten Rathaus steigt derweil die Spannung. Die "Haut ab!"- Rufe in Richtung der rund 450 "Bärgida"-Demonstranten, die 500 Meter weiter gut von der Polizei abgeschirmt werden, werden immer lauter. Als einer der Gegendemonstranten auf Höhe der "Bärgida"-Anhänger eine NPD-Flagge gesehen haben will, skandiert die Menge "Say it loud, say it here, refugees are welcome here!" Laute Buhrufe erklingen, als aus Richtung der "Bärgida"-Anhänger ein Feuerwerk zu sehen ist. Niemand kann mit Sicherheit sagen, ob die Raketen wirklich etwas mit der Demonstration zu tun haben, aber die Stimmung ist angespannt.

"Wir müssen hier keine Steine schmeißen", sagt ein 30-jähriger Schwarzafrikaner, der mit seiner Freundin dabei ist. "Wir müssen hier einfach nur stehen und zeigen, dass wir da sind und dass sich die Geschichte hier nicht wiederholen wird." Seine Begleitung fügt hinzu: "Berlin wird niemals Dresden sein, aber wir müssen Gesicht zeigen, anstatt immer nur zu meckern. Zeitung lesen und sich über 'Pegida' aufregen reicht nicht. Ich bin nicht oft auf der Straße zum Demonstrieren. Aber mittlerweile hat die Bewegung Ausmaße angenommen, dass man auf die Straße muss", sagt die 21-jährige Auszubildende.

Kein Licht und kein Durchkommen für "Bärgida"

Viele junge Menschen sind gekommen, um gegen die geplante "Bärgida"-Kundgebung zu protestieren, von der angesichts der Masse an Gegendemonstranten kaum etwas zu bemerken ist. Zwei Studentinnen halten ein selbst gemaltes Plakat in die Höhe, auf dem steht "Für eine bunte, weltoffene Gesellschaft". Die Gefahr, dass "Pegida" solchen Erfolg haben könnte wie in Dresden, sehen die beiden nicht. "Wir wollen nur zeigen, dass 'Pegida' eben nicht die Mehrheit ist, sondern dass wir das Volk sind! Vielleicht kennen die 'Pegida'-Leute ganz einfach die Realitäten nicht, weil sie keine Erfahrung haben mit einer multikulturellen Gesellschaft."

Während vor dem Roten Rathaus Parteien, Linksbündnisse wie die "NoBärgida"-Initiative und vor allem privat engagierte junge Menschen und Familien ihre Stimme erheben, werden ein paar Kilometer weiter am Brandenburger Tor bei einer weiteren Gegendemonstration der türkischen Gemeinde die Lichter des Berliner Wahrzeichens ausgeschaltet. Der hier ursprünglich geplanten "Bärgida"-Kundgebung will man dadurch - wie vor dem Kölner Dom - keine Kulisse bieten. Die "Bärgida"-Anhänger sind derweil am Roten Rathaus blockiert. Kurze Zeit später geben sie auf.