"Wir können nicht mehr einfach sagen: Wir feiern Luther"

Margot Käßmann

Foto: epd-bild/Norbert Neetz

"Wir können nicht mehr einfach sagen: Wir feiern Luther"
Die evangelische Kirche feiert 2017 Luthers Thesenanschlag vor 500 Jahren. Margot Käßmann, Botschafterin der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) für das Reformationsjubiläum, appelliert an ihre Kirche, auch zu den Schattenseiten des Reformators zu stehen, auch wenn seine Judenfeindlichkeit belastend sei. Im Interview mit dem Evangelischen Pressedienst (epd) spricht die Theologin über Erinnern und Feiern, die Auswirkung der Reformation auf die heutige Demokratie und die ökumenischen Debatten drei Jahre vor dem Gedenkjahr.

Die Vielfalt der Bezeichnungen ist verwirrend: "Luther 2017", "Christusfest" und "Reformationsjubiläum" sagen die Organisatoren, führende Katholiken sprechen von "Reformationsgedenken". Was will die evangelische Kirche eigentlich in drei Jahren feiern?

Margot Käßmann: Die evangelische Kirche feiert ihre Ursprünge und Luthers Rückbesinnung auf die Bibel - auf Jesus Christus, die Konzentration auf das Evangelium. Wir werden aber auch feiern, dass es eine Lerngeschichte der Reformation gibt.

Warum sagt man nicht einfach: Wir feiern Luthers Thesenanschlag vor 500 Jahren?

Käßmann: Wir können nicht mehr so einfach sagen: Wir feiern Luther. Zum einen ist 1517 ein Symboldatum und historisch umstritten: Hat er die Thesen überhaupt angeschlagen? Spannender ist die Frage, ob die Thesen schon Reformation sind, oder ist das noch ein innerkatholischer Reformprozess? Zudem haben Jan Hus und andere Reformatoren schon vor 1517 gewirkt.

Welches Gewicht behält der Thesenanschlag für die Planungen des Jahres 2017?

Käßmann: Wir haben uns mit unseren Partnerkirchen geeinigt, dass wir die Veröffentlichung von Luthers Thesen als Anlass nehmen, Reformation insgesamt zu feiern. So sind die Schweizer dabei, obwohl Zwingli und Calvin 1517 kein für sie zentrales Datum haben. Auch andere Partnerkirchen in Europa haben gesagt: Wir nehmen dieses Symboldatum 500 Jahre Reformation und laden die Kirchen aus aller Welt dazu ein.

Wie wichtig ist es, dass 2017 im ökumenischen Einvernehmen begangen wird?

Käßmann: Ich kann mir nicht vorstellen, dass wir Anfang des 21. Jahrhunderts antikatholisch feiern, weil wir inzwischen doch begriffen haben, dass uns mehr verbindet als uns trennt. Wir haben in 500 Jahren gelernt, dass wir in den Menschen der anderen Konfessionen in erster Linie die Schwester und den Bruder im Glauben erkennen.

"Für mich ist Luthers Antijudaismus äußerst belastend"

Wünschen Sie sich, dass Papst Franziskus 2017 nach Wittenberg kommt?

Käßmann: Die Fixierung auf den Papst ist kein evangelisches Thema. Eine Einladung muss gründlich beraten und natürlich mit der Deutschen Bischofskonferenz abgestimmt werden. Aber grundsätzlich gilt: Bei uns ist jeder eingeladen und der Papst ist sehr herzlich willkommen zum Reformationsjubiläum in Wittenberg.

Der neue EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm hat bei seinem Antrittsbesuch beim Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Reinhard Marx, offenbar eine Kompromissformel gefunden: Feiern und Gedenken zugleich. Kann damit die massive Kritik aus der katholischen Kirche eingefangen werden?

Käßmann: Ich finde es merkwürdig, sich an dem Begriff "Feier" abzuarbeiten. Karfreitag ist auch ein Feiertag. Feier heißt ja nicht Dauerkarneval, sondern immer Gedenken, Erinnern, aber auch Fest. In dem Begriff Feier kommt das alles zusammen. Niemand, der für 2017 plant, tut so, als wäre da nicht auch an eine Schuldgeschichte zu erinnern: die Konfessionskriege, die Ausgrenzung der Schwärmer, die gesamte Judenverfolgung.

Durch Luthers harsche Äußerungen gegen Juden fällt ein Schatten auf seine Person. Wie gehen Sie damit um?

Käßmann: Für mich ist Luthers Antijudaismus äußerst belastend. Ich kann ihn auch nicht allein aus dem Zeitgeist erklären, obwohl Teile davon natürlich dem Geist der damaligen Zeit entsprungen sind. Aber die Vehemenz, mit der sich seine sprachliche Gewalt auch gegen Juden richtet, ist bedrückend.

Schadet die Diskussion über Luther und die Juden den Vorbereitungen des Jubiläums?

Käßmann: Nein, ich bin sehr froh über diese Aufarbeitung. Ich erhalte immer wieder Briefe aus Gemeinden, die sagen: "Wussten Sie, was Luther da geschrieben hat?" Deshalb finde ich sehr wichtig, dass mit dem neuen Buch des Göttinger Theologen Thomas Kaufmann der Stand der Forschung wirklich gut verständlich aufgearbeitet worden ist. Auch der wissenschaftliche Beirat zum Reformationsjubiläum hat auf wenigen Seiten diesen Stand zusammengefasst.

Wie muss sich die evangelische Kirche zu Luthers Judenfeindlichkeit verhalten?

Käßmann: Wir sollten als Kirche dazu stehen. Das ist auch eine Schuldgeschichte unserer Kirche. Aber wenn wir offen damit umgehen, können wir mit Menschen jüdischen Glaubens darüber sehr gut im Gespräch sein, das ist meine Erfahrung.

"Die Reformation hat das säkulare Umfeld stark verändert"

Bei allem Bedenken und Gedenken - wie bilanzieren Sie die Lebensleistung Luthers?

Käßmann: Seine unumstrittene Lebensleistung bleibt die Rückkehr zu den Grundlagen der Bibel: Du sollst selbst deinen Glauben verstehen, selbst denken. Kein Dogma, keine Kirchenautorität, nichts kann dich davon abhalten, selbst deinen Glauben zu finden. Dass der Christ in Freiheit selbst über den Glauben nachdenkt, ist eine ungeheuerliche Entdeckung, die vielfältige Auswirkungen hatte.

Welchen Stellenwert hatte Luthers Bibelübersetzung?

Käßmann: Bemerkenswert ist die Sprachkraft Luthers, die sich in seiner Übersetzung zeigt und die deutsche Sprache bis heute prägt. Es gab ja vorher schon andere Übersetzungen, aber keine hat sich so verbreitet wie Luthers Bibelübersetzung. Er bleibt die zentrale Figur der Reformationszeit.

Es gibt viele Spekulationen, was Luther heute zu dieser oder jener Frage sagen würde. Wäre er überhaupt noch ein Mann der Kirche geworden?

Käßmann: Wir können die 500 Jahre nicht überspringen. Luther war ein Kind seiner Zeit. Er war in vielem ein mittelalterlicher Mensch, so etwa in seiner konkreten Angst vor dem Teufel und dem Fegefeuer. Er würde aber sicher auch heute versuchen, durch sein Predigen die Menschen wachzurütteln, zum Glauben zu rufen und dazu, mit ihrem Gewissen in der Welt zu wirken. Ich zögere immer ein bisschen, wenn ich gefragt werde, was würde Luther heute zu aktuellen Fragen sagen.

Hat die Reformation eine politische Botschaft?

Käßmann: Die Reformation hat auf jeden Fall das säkulare Umfeld stark verändert. Und deshalb sind die staatlichen Stellen bei der Vorbereitung für "Luther 2017" mit von der Partie. Mit Luther kam etwa die Bildungsfrage auf die Tagesordnung: Schule für jeden Jungen, jedes Mädchen - gleich welcher sozialen Herkunft. Oder auch, dass er dem Gewissen des Einzelnen eine so hohe Bedeutung beimaß, ist letztlich ein wichtiger Schritt der Entwicklung hin zur Demokratie.