Haus der Religionen: Labor für den Dialog des Lebens

Haus der Religionen in Bern

Foto: Vera Rüttimann

Hier geht's zur Moschee im "Haus der Religionen" in Bern.

Haus der Religionen: Labor für den Dialog des Lebens
In Bern wurde am 14. Dezember das "Haus der Religionen – Dialog der Kulturen" eröffnet. Acht Weltreligionen leben nun am Europaplatz 1 in der Schweizer Hauptstadt unter einem Dach. Fröhlich geht es hier zu - aber auch nachdenklich angesichts fremdenfeindlicher Tendenzen in Deutschland und der Schweiz.

Der Europaplatz im Berner Quartier Ausserholligen war lange Zeit ein eher unwirtlicher Ort neben einem Autobahnviadukt. Mit der Eröffnung des "Hauses der Religionen" beginnt hier jedoch eine neue Zeitrechnung. Tausende wollen an diesem Tag jenen Ort sehen, in dem sich ein Tempel, eine Moschee, eine Kirche, eine alevitische Dergâh und ein buddhistisches Zentrum befinden.

Das Aufeinandertreffen der Religionen, das merken sie schon beim Schritt über die Schwelle, ist eine äußerst sinnliche Angelegenheit. Rot leuchten die indischen Götterfiguren Shiva, Ganesha und Shakti. Riesig wirkt der Kronleuchter in der Moschee. Edel das spätgotische Himmelsgewölbe im ökumenischen Kirchenraum. Aus den Küchen strömt eine betörende Geruchsmischung. Egal, wer zu welchem Gott betet, alle freuen sich, dass es endlich losgeht mit diesem Haus. 

Aleviten strahlen: Endlich werden sie anerkannt

Besonders im Fokus der Medien steht Gerda Hauck, Präsidentin des Vereins "Haus der Religionen - Dialog der Kulturen". Die Deutsche gehört zu den treibenden Kräften dieses Mammut-Projektes. Schon früh träumte sie von einem Haus, in dem verschiedene Glaubensrichtungen zusammen beten und feiern können. Gerda Hauck war es, die mit unzähligen Briefen und Vorträgen Stiftungen, kirchliche Institutionen und private Mäzene für die Idee eines "Hauses der Religionen" begeistern und Geld einwerben konnte. In dieser Zeit seien wertvolle Beziehungsnetze entstanden. "Sie reichen bis in die Herkunftsländer derjenigen, die sich im Haus der Religionen engagieren", freut sie sich. Und klar sei man auch mit den Initianten des multireligiösen Projektes "House of One" in Berlin-Mitte in Kontakt, die neugierig nach Bern schauten.

Der Hindu-Tempel und die Damen darin sind beliebte Fotomotive.

Ob bei den Muslimen, Hindus oder Buddhisten – überall trifft man an diesem Tag auf leuchtende Gesichter. All diese Gruppen mussten zuvor in tristen Lagerhallen beten. Jetzt können sie es an zentraler Stelle tun. Manche haben sogar erstmals einen eigenen Kultraum, weil sie in ihrer Heimat verfolgt werden. Der Alevit Mustafa Dogan strahlt, als er sagt: "Das Ausüben unseres Glaubens in der Türkei ist verboten. Das Haus der Religionen anerkennt uns jedoch als eigene Glaubensgemeinschaft." Der Präsident des Fördervereins Alevitische Kultur begrüßt heute über hundert neugierige Gäste in der Dergâh, jenem Ort, an dem der Cem, ein religiöses Ritual der Aleviten, abgehalten wird.

Auch hier hängen Fragen im Raum

Die einzelnen Räume wurden exakt nach den Bedürfnissen ihrer Religionsgemeinschaft eingerichtet. Da alle Arbeiten von freiwilligen Helfern unentgeltlich verrichtet werden müssen, ist noch nicht alles fertig. Überall hängen noch Kabel von der Decke, da und dort fehlt der Putz. Das nachbarschaftliche Miteinander funktioniert jedoch schon recht gut, auch, weil die Räume offen sind. Die Christen "wohnen" gleich neben den Aleviten. Mustafa Dorgan schaut gern nebenan vorbei, er legt Wert auf einen engen Austausch. Der Raum der Herrnhuter Brüdergemeine ist der am schlichtesten eingerichtete Raum.

Die Ausgestaltung der Räume ist jedoch nicht ohne Konflikte über die Bühne gegangen. Manch einer, so ist aus Gesprächen zu hören, meint, der Tempel der Hindus sei zu wuchtig geraten, andere finden den Kronleuchter der Muslime zu protzig. Der Präsident des Fördervereins Alevitische Kulturen sagt: "Aufgrund der räumlichen Nähe bedurfte dies von allen Beteiligten Sensibilität und Toleranz, damit religiöse Konflikte nicht durchlodern konnten." Für Mustafa Dogan setzt dieser Ort jedoch schon jetzt ein wichtiges Zeichen. Er ist sich sicher: "Das Haus der Religionen in Bern hat weltweiten Modellcharakter. Es werden bestimmt weitere Häuser dieser Art entstehen. Die Zeit dafür ist reif."

Die Stimmung im Haus ist ausgesprochen gut. Es wird getanzt, gesungen und man genießt miteinander fremde Speisen. Am meisten scheint es die Besucher in den Raum der Buddhisten zu ziehen, wo sie rotgewandeten Mönchen während ihrer Unterweisungen lauschen. Doch die Fröhlichkeit täuscht nicht darüber hinweg, dass auch hier die Themen Migration, Flüchtlinge und Fremdenfeindlichkeit die Menschen beschäftigen. Noch immer hallen einigen auch die Abstimmungsergebnisse der Volksinitiative zur Masseneinwanderung und zu Eco-Pop in den Ohren, auch wenn Letztere unlängst klar abgelehnt wurde. Hier versammelt sich das gutsituierte, an Religion und Kultur interessierte Bürgertum. Was aber ist mit den anderen? Diese Frage hängt an diesem feierlichen Tag im Raum. Im Oktober haben hier Unbekannte ein Bild des Islams zerstört.

Ein Zeichen für Frieden unter den Völkern

Gerda Hauck hat durch ihre Arbeit erkannt: "Das Zusammenleben von einheimischer Bevölkerung und Eingewanderten wird in Zukunft nur gelingen, wenn die Würde aller anerkannt wird und gegenseitige Lernbereitschaft und Bereitschaft zu Veränderungen besteht." Geschäftsführer Daniel Leutwyler ergänzt: "In Zeiten gewaltsamer Religionskriege wie aktuell in Syrien und im Irak kann dieses Haus ein außergewöhnliches Zeichen für Frieden unter den Völkern setzen."

Die deutsche Initiatorin Gerda Hauck.

Selbst Stunden nach der Eröffnungsfeier strömen noch neugierige Gäste ins Haus der Religionen. So auch Piera Fleiner aus Freiburg. Die Westschweizerin, die sich in interreligiösen Gruppen engagiert, erzählt: "Unlängst war ich zu Besuch bei einer Freundin in Hamburg. Von ihr hörte ich erstmals von der Islam-feindlichen Bewegung 'Pegida'. Das gibt mir sehr zu denken. Gut, dass mit dem Haus der Religionen in Bern ein Zeichen gesetzt wird, dass das friedliche Miteinander der Religionen doch geht, wenn man nur will." Die Freiburgerin freut sich auf das breite pädagogische und kulturelle Angebot wie den Filmclub, Literatursalons und den interreligiösen Garten.

Durch dieses Haus rücken die Religionsgemeinschaften mit ihren Lebens- und Glaubenswelten von der Peripherie mitten hinein in die Gesellschaft. Gerda Hauck hat sich genau das stets gewünscht. Sie sagt: "Dieser Ort soll Labor für interkulturelles Leben und Lernen sein. Ein Setting, in dem modellhaft der Dialog des Lebens stattfindet."

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