"Ich konnte über Monate an nichts anderes mehr denken"

Wolfgang Niedecken im Ostkongo

Foto: RTL / Daniel van Moll

Wolfgang Niedecken mit Kindern und Jugendlichen im Ostkongo.

"Ich konnte über Monate an nichts anderes mehr denken"
"BAP"-Sänger Wolfgang Niedecken nimmt am "RTL-Spendenmarathon" teil (ab Donnerstag, 20. November, 18.00 Uhr). Im Interview erzählt er von seinem Engagement für Kinder in Afrika, sein Leben nach dem Schlaganfall und warum Freunde ihm Fingerfarben geschenkt haben.

Er machte die kölsche Mundart zum Kult und gehört bis heute zu den populärsten deutschen Rockmusikern: Wolfgang Niedecken. Seine Band "BAP" eroberte mit Alben wie "vun drinne noh drusse" oder "für usszeschnigge!" und gesellschaftskritischen Texten in den 80ern die Hitparaden. Neuerdings heißt die Formation "Niedeckens BAP", sie eroberte mit dem Album "Das Märchen vom gezogenen Stecker" unlängst Platz eins der Charts.

Privat engagiert sich der 63-Jährige seit Jahren für notleidende Kinder in Afrika. Beim diesjährigen RTL-Spendenmarathon wirbt er um Spenden für sein Hilfsprojekt "Rebound", das unter anderem ehemaligen Kindersoldaten im Ostkongo hilft.

Herr Niedecken, Sie machen dieses Jahr als Pate beim RTL-Spendenmarathon mit. Worum geht es bei Ihrem Hilfsprojekt?

Wolfgang Niedecken: Wir ermöglichen Jugendlichen im Ostkongo, die durch die Bürgerkriegswirren auf die schiefe Bahn geraten sind und als Kindersoldaten oder Zwangsprostituierte leben mussten, einen Wiedereinstieg in die Gesellschaft. In den Einrichtungen des Projekts "Rebound" müssen viele erst mal Schreiben, Lesen und Rechnen lernen, und dann kriegen sie ein Handwerk beigebracht. Wir haben einen Automechanikerkurs, bilden zum Schuster, Schreiner, Maurer oder Elektriker aus. Alles in sehr kleinem Maßstab, aber gerade deshalb können wir garantieren, dass die Spendengelder wirklich da ankommen, wo sie gebraucht werden.

Sie haben schon mehrmals Regionen in Afrika bereist und mit Jugendlichen gesprochen, die viel Leid erlebt haben. Wie gehen Sie mit diesen Eindrücken um?

Niedecken: Ich bin 2004 als Botschafter für die Aktion "Gemeinsam für Afrika" nach Nord-Uganda ins Bürgerkriegsgebiet gereist. Was ich da erlebt habe, hat mich nicht mehr losgelassen, ich konnte über Monate an nichts anderes mehr denken. Ich habe an meinem ersten Abend dort zwei Mädchen gesehen, die vergewaltigt worden waren. Da wusste ich: Du kannst nicht einfach mit einem Schulterzucken nach Hause fahren. Das Schicksal der Kindersoldaten hat mich dermaßen umgehauen, dass ich versucht habe, etwas einzufädeln. Und daraus ist dann das Projekt "Rebound" geworden.

"Ich orientiere mich an Kants kategorischem Imperativ, das kann ich eigentlich auch jedem empfehlen, der Schwierigkeiten mit Religion hat"

Was machen Sie bei Ihren Besuchen vor Ort?

Niedecken: Wann immer ich dahin komme, besuche ich auch die Leute, die unsere Kurse absolviert haben. Einer von den Jungs hat als Kindersoldat Fürchterliches durchgemacht, er war bei den Milizen und musste massakrieren. Jetzt hat er die Schreinerlehre absolviert und hat inzwischen eine Werkstatt mit sechs Angestellten. Mittlerweile sind Tausende in den Genuss einer Ausbildung in unseren Einrichtungen gekommen, und da sieht man doch, dass man etwas bewegen kann.

Machen Sie auch Musik mit den Kindern, wenn Sie in Afrika sind und die Camps besuchen?

Niedecken: Wenn dort irgendwelche Einrichtungen eingeweiht werden, gibt es Feste mit Tanz und Musik. Und weil die Leute wissen, dass ich Musiker bin, wollen die auch, dass ich mitmache. Aber ich kann mich da nicht einfach hinstellen und ein kölsches Lied spielen, sondern muss was auswählen, wo jeder mitmachen kann. Seit Jahren hat sich da Bob Marley bewährt – "Redemption Song" funktioniert immer.

Ihr Afrika-Projekt ist der christlichen Hilfsreinrichtung "World Vision" angegliedert. Sind Sie denn gläubig?

Niedecken: Ich orientiere mich an Kants kategorischem Imperativ, das kann ich eigentlich auch jedem empfehlen, der Schwierigkeiten mit Religion hat: Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem andern zu – Ende der Durchsage. Daran glaube ich aber fest. Ansonsten denke ich: Wenn wir gestorben sind, werden wir ja sehen, ob es den Mann mit dem weißen Bart gibt. (lacht)

"Es war ein unfassbarer Moment, als ich aufgewacht bin und gemerkt habe: Es gibt anscheinend noch eine Zugabe"

Im November 2011 sind Sie dem Tod nach einem schweren Schlaganfall gerade noch einmal von der Schippe gesprungen. Feiern Sie dieses Datum jedes Jahr?

Niedecken: Neulich war es auf den Tag genau drei Jahre her. Das Lustige war: Ich gucke immer mit der gleichen Clique Fußball – und als ich am 2. November zum FC bin, haben meine Freunde mir zu meinem dritten Geburtstag Fingermalfarben geschenkt, weil sie sich eben überlegt hatten, was man einem künstlerisch begabten Dreijährigen schenken kann. Das fand ich eine super Idee.

Nach Ihrem Schlaganfall hatten Sie angekündigt, Sie würden kürzertreten. Das scheinen Sie aber nicht wahrgemacht zu haben – gerade haben Sie eine Tournee absolviert und das dazugehörige Album herausgebracht. Was ist aus Ihrem guten Vorsatz geworden?

Niedecken: Den Schlaganfall hatte ich mir durch einen Dauerhusten eingehandelt, da hat sich in der Halsschlagader eine Wunde gebildet, ein Gerinnsel entstand, und das ist dann hoch ins Gehirn gewandert. Das war der Schlaganfall. Aber ich musste mein Leben nicht umstellen, da mein Leben vorher nicht besonders exzessiv war. Ich ernähre mich seit ewigen Zeiten vegetarisch, ich trinke nicht, ich rauche nicht, ich treibe Sport. Aber ich mache das alles jetzt noch konsequenter und bewusster. Denn ich erinnere mich noch gut, wie ich vor dem Eingriff, vor der Narkose, das Gefühl hatte: "Oh Gott, jetzt geht es um die Wurst, hoffentlich werde ich noch einmal wach." Es war ein unfassbarer Moment, als ich aufgewacht bin und gemerkt habe: Es gibt anscheinend noch eine Zugabe.

Ihrer Kultband BAP bleiben Sie treu. Allerdings sind zwei Mitglieder ausgeschieden, jetzt heißt die Gruppe "Niedeckens BAP".

Niedecken: Ja, so wie bei den ersten drei Alben. Die meisten Leute denken, die Originalbesetzung wäre die aus der Zeit, als sie selber die Band wahrgenommen haben – dabei hat die Besetzung von Anfang immer wieder gewechselt. Ich versuche, BAP und das riesige Repertoire zu pflegen. Ich will unverwechselbare Sachen machen – mit einer Band, die wirklich brennt. Das Gegenteil wäre, den Leuten vorzugaukeln, dass die Besetzung der überregionalen Durchbruchsphase immer noch harmoniert, und jedes Jahr eine Tour durch die Bierzelte zu machen, wo man immer nur die größten Hits spielt. Das wäre verantwortungslos und geschmacklos.

Wie altert man als Rockmusiker eigentlich anständig?

Niedecken: Ich will auf keinen Fall als Berufsjugendlicher enden. Aber da habe ich mit meinen Kindern die bestmögliche Kontrolle überhaupt.  Ich habe meinen Söhnen irgendwann mal einen Song vorgespielt, der war ziemlich an den Zeitgeist rangeschmissen, da sagte einer von denen: "Aber das bist du doch gar nicht, Papa." Den Satz habe ich nicht vergessen, das ist mir eine absolute Mahnung.