Geduldig sein, dann schreien

Mauerreste

Foto: Getty Images/iStockphoto/Volodymyr Kyrylyuk

Geduldig sein, dann schreien
"Mauern können fallen", sagt Pfarrerin Ulrike Greim in ihren "Gedanken zur Woche" im Deutschlandfunk. Dabei denkt sie nicht nur an die Berliner Mauer...

Tja, ich weiß nicht, ob ich nicht genügend hingehört hatte – ich hatte nichts rieseln hören. Die kleinen Risse im Mauerwerk hatte ich nicht gesehen. Heute vor 25 Jahren zum Beispiel – am 7. November 1989 – da war allen klar, dass es so nicht weitergehen kann. Aber dass die Mauer fällt? Zwei Tage später schon? Krach bumm? Keine Mauer ist für die Ewigkeit gebaut. Jede kann fallen. Unglaublich. Und grandios. Mauern können fallen. Wie die Mauern von Jericho. Josua führte das Gottesvolk zu der Stadt, und sie bliesen in die Hörner und Trompeten und Posaunen und die Mauern fielen ein. Jericho war offen.

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Mauern können fallen. Aber manchmal braucht es Zeit. Alte Feinde sichern sie sorgsam. Feindbilder zu überwinden ist ein jahrzehntelanger Prozess. Diese Woche sollten die Thüringer Sozialdemokraten sagen, ob sie versuchen wollen, mit der Nachfolgepartei der SED zu koalieren. Viele von ihnen haben damals Hals und Kragen riskiert, als sie gegen die SED auf die Straße gegangen sind. Sie sagten nun 'nein'. Können wir nicht. Dem Frieden trauen wir nicht. 70 Prozent sagten aber ja. Und setzen auf Vertrauen. Möge es belohnt werden. Können noch mehr Mauern fallen? Die zwischen Israel und Palästina? Wie sollen Israelis und Palästinenser leben, ohne Mauer? Ungeschützt, offen für alle terroristischen Anschläge? Nicht vorstellbar. Aber die Mauer ist sichtbar eine Katastrophe. Risse im frisch verputzten Mauerwerk sind nicht zu erkennen. Niemand wagt mehr zu hoffen.

Die Mauer zwischen Süd- und Nordkorea? Zwei Systeme würden hart aufeinander prallen. Zwei Welten. Keine Chance. Oder doch? Es sind nur kleine Meldungen in diesen Tagen, sie lassen nur wenig hoffen. Hören wir es rieseln? Ich will das Ohr daran halten. Und hoffen. Und die Mauer, die hastig gerade zwischen einem Teil der Ukraine und Russland hochgezogen wird. Da wächst gerade die Mauer. Schneller als jede Hoffnung hinterher käme.

Und dann die dicke Mauer Richtung Süden um das reiche Europa herum. Als könnte sie die Schreie der Ertrinkenden abschirmen. Eine sichere Front. Frontex plus nennt der deutsche Innenminister die Planungen. Das bisherige Programm hatte einfach zu viele Flüchtlinge gerettet, 'Mare Nostrum', 'Unser Meer'. Jetzt ist es ein sehr europäisches Meer, und der Kontinent wird eine uneinnehmbare Festung.

Mit Kunst, nicht mit Gewalt

Mauern können fallen. Wir haben es erlebt. Keine Mauer ist für die Ewigkeit gebaut. Aber wie haben sie das gemacht? Wie war das bei Josua und dem Gottesvolk, als sie vor der Mauer um Jericho standen? Im Josua-Buch ist zu lesen: Sie brauchten Disziplin. Sie sollten sechs Tage lang jeweils eine Runde schweigend um die Stadt ziehen. Die Stadt mit den hohen Mauern. Schweigend. Ein ganzes Volk. Was für eine Aufgabe. Am siebten Tag sollten sie siebenmal schweigend die Stadt umrunden. Aber dann sollten sie Krach machen. Mit allem, was geht: Schreien, Trommeln und in die Posaunen blasen, so laut wie möglich.

Es sind zwei Tugenden: Eine ist das disziplinierte Umkreisen. Immer und immer wieder. Dabei die Mauern nicht für ewig halten. Sondern glauben: Mauern können fallen. Geduldig umkreisen. Das Ohr an die Mauer halten und es rieseln hören. Auch wenn noch keine Risse im Beton zu sehen sind. Die andere: Dann, wenn der Kairos kommt, der richtige Moment: mit aller Kraft Krach machen. So laut es geht. Mit Kindern und Enkeln, mit Mann und Maus. Nach allen Regeln der Kunst. Ja, mit Kunst. Nicht mit Gewalt.

Mauern können einfallen. Gott hat Josua und seinem Volk die Stadt Jericho gegeben. Als Bewährungsprobe. Als Verheißung. Dann hat er sie geöffnet. "Sie soll euch gehören. Nehmt sie ein." Geduldig hoffen und auf das Rieseln hören. Das ist das eine. Aber wann ist der richtige Moment, laut zu werden?