Arbeit statt warten: Die Wirtschaft will mehr Asylbewerber

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Arbeit statt warten: Die Wirtschaft will mehr Asylbewerber
In Deutschland sitzen sie oft untätig herum, dabei würden sie nur zu gerne arbeiten. Nun soll Asylbewerbern der Zugang zum Arbeitsmarkt erleichtert werden. Doch Forschern und Unternehmen gehen die neuen Regelungen nicht weit genug.

Zahnärzte, Lehrer, Mechaniker, hochmotiviert: Asylbewerber am Arbeitsmarkt teilnehmen zu lassen, ist für den Vorstand der Bundesagentur für Arbeit, Heinrich Alt, "eine ökonomische Notwendigkeit". Er verweist auf einen Modellversuch der Bundesagentur für Arbeit und des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge: 150 Asylbewerber an sechs Standorten werden derzeit gezielt auf den deutschen Arbeitsmarkt vorbereitet - während sie auf den Ausgang ihres Asylverfahrens warten. Unter den Teilnehmern sind Handwerker, Sozial- und Pflegekräfte - und sehr viele Akademiker. "Über die Hälfte der Teilnehmer haben Berufsabschlüsse, die deutschen Facharbeitern entsprechen, viele haben Hochschul-Abschlüsse", sagt Jürgen Wursthorn, Sprecher der Bundesagentur für Arbeit. "Und alle wollen unbedingt arbeiten."

Sofort dürfen sie das allerdings nicht - auch wenn das Asylrecht an dieser Stelle geändert wird: Künftig dürfen Flüchtlinge drei Monate nach ihrem Asylantrag arbeiten statt wie bisher erst nach neun. Dass sich kein geeigneter Deutscher oder EU-Bürger für einen Job gefunden hat, muss nur noch 15 Monate lang nachgewiesen werden. Bisher waren es vier Jahre - in denen die allermeisten zum Warten verdammt sind, anstatt arbeiten zu können.

"Wir müssen die traditionelle Abschottungspolitik noch weiter hinter uns lassen", sagt Migrationsforscherin Sabine Hess von der Universität Göttingen. "Deutschland vergeudet ein riesiges Potenzial, indem Menschen per Gesetz gezwungen werden, als Almosenempfänger in Heimen zu warten - statt sich selbst zu helfen und sich in die deutsche Gesellschaft einzubringen."

Das bestätigt auch eine Analyse des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung im Auftrag des Auswärtigen Amtes. Die Forscher dringen darin auf ein strategisches Konzept von Asyl-, Zuwanderungs- und Entwicklungspolitik. Und zwar auch aus Eigeninteresse: "Wir brauchen Zuwanderung, um unseren steigenden Fachkräftebedarf zu decken", sagt Reiner Klingholz, Direktor des Berlin-Instituts. "Unsere Bevölkerung altert und schrumpft, während am südlichen Mittelmeer durch Krisen, Armut und Bevölkerungswachstum der Wanderungsdruck steigt." Nur durch Zuwanderung könne Deutschland sein wirtschaftliches und politisches Gewicht in der Welt wahren.

Arbeitgeber fordern: Geduldete sofort arbeiten lassen

Tatsächlich kommen immer mehr Asylsuchende nach Deutschland: Allein dieses Jahr waren es - bis September - rund 117.000 neue Bewerber. Die Ärmsten der Armen sind das nicht, stellt Klingelholz klar. "Es kommen vor allem Menschen aus der Mittelschicht, sonst würden sie die weite Reise gar nicht organisieren oder die Schlepper bezahlen können." Viele seien gut ausgebildet, jung und belastbar. Und nicht immer kommen sie aus Ländern, die als krisenhaft eingestuft werden; vielmehr sind sie Armutsflüchtlinge, deren Asylantrag abgelehnt wird - mit der Folge, dass ihre Qualifikation von der deutschen Wirtschaft nicht genutzt werden kann. "Deutschland und die EU müssen viel mehr über legale Einwanderungswege wie die Blaue Karte EU für Fachkräfte aus Drittstaaten aufklären." 

Auch den Unternehmen gehen die neuen Asylregeln nicht weit genug - sie sieht verschwendetes Potenzial in Zeiten, wo in Bereichen wie der Pflege jetzt schon Personal fehlt: "Es macht ökonomisch überhaupt keinen Sinn, qualifizierte Menschen vom Arbeiten abzuhalten - auch wenn sie gar nicht für immer hier bleiben", sagt Carmen Barsan, Expertin für Zuwanderungsrecht bei der Bundesvereinigung der deutschen Arbeitgeberverbände (BDA). Statt 15 Monaten Vorrangsprüfung sollten Asylbewerber nach sechs Monaten bei der Jobsuche gleichberechtigt sein, Geduldete sofort, heißt es in einem BDA-Positionspapier.

Und: Es solle für abgelehnte Asylbewerber möglich werden, vor einer Abschiebung in legale Zuwanderungsverfahren zu wechseln, wenn es einen Arbeitsplatz oder ein Jobangebot gibt. Auch für ein Recht auf Ausbildung für minderjährige Flüchtlinge wollen sich die Arbeitgeber stark machen. Auch das ist nicht uneigennützig: 2013 blieben etwa 80.000 Ausbildungsplätze aus Mangel an Bewerbermangel unbesetzt.

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