Zittern vor dem Winter: Flüchtlinge im Nordirak

Eine Kurdin hilft jesidischen Flüchtlingen

Foto: STRINGER Iraq / Reuters

Eine Kurdin hilft jesidischen Flüchtlingen

Zittern vor dem Winter: Flüchtlinge im Nordirak
Der "Islamische Staat" rückt vor, tötet und vertreibt Menschen. Hunderttausende fliehen vor Militärschlägen der Iraker und Amerikaner. Der Großteil sucht Schutz in den Kurdengebieten im Nordirak - wo die Lage prekärer wird. Denn bald ist Winter.
13.10.2014
Johannes Süßmann
evangelisch.de

Der Norden des Irak ist nicht nur ein Schlachtfeld. Er ist auch ein Zufluchtsort, für Hunderttausende Flüchtlinge und Vertriebene. Zwar schwanken die Zahlen, je nachdem, mit wem man spricht. Doch klar ist: Die Kurdengebiete, von Dohuk an der irakisch-türkischen Grenze über die Kurden-Hauptstadt Erbil und die zweitgrößte irakische Stadt Mossul bis nach Sulaimaniya an der iranischen Grenze, sind am Rande ihrer Belastbarkeit. Die Diakonie Katastrophenhilfe spricht von rund zwei Millionen Flüchtlingen in der Region.

Nach den rund 200.000 Menschen aus Syrien, die schon vor längerem vor dem Bürgerkrieg in ihrem Land in den Nordirak geflohen sind, drängen nun vor allem irakische Binnenflüchtlinge in die Kurdengebiete. Manche kommen bei Verwandten unter, andere können sich ein Hotelzimmer leisten. "Wir kümmern uns dann um die, die es wirklich ganz hart getroffen hat; die niemanden kennen und auch kein Geld haben", sagt Michael Hyden vom Lutherischen Weltbund (LWB). In zwei Lagern in Dohuk verteilen drei Mitarbeiter zusammen mit lokalen Partnern erst einmal das allernötigste an die Bedürftigen. Decken, Zelte, Matratzen. Besonders hart trifft es oftmals die Jesiden. "Der 'IS' lässt sie nicht einmal einen Koffer mitnehmen, sie müssen alles Geld abgeben und haben nur noch das, was sie am Leib tragen", zitiert Hyden einen Kollegen von vor Ort. Zudem würden sie gezwungen, zu Fuß zu fliehen.

Zusammen mit der Partnerorganisation Capni ("Christian Aid Program Northern Iraq") möchte der LWB mehreren tausend Familien helfen. Ein Dach über dem Kopf bereitstellen, Schlafmatten, Gaskocher, Heizgeräte. "Vor dem Wintereinbruch wollen wir mindestens 3.400 Familien mit Winterkleidung versorgen", sagt Hyden. Er klingt zuversichtlich. Außer bei der Budgetfrage: Von den geschätzten Kosten von rund 1,2 Millionen Euro habe man erst etwas mehr als die Hälfte beisammen, "vor allem dank einer großzügigen Spende der Bayerischen Landeskirche." Gefragt, was man von Deutschland aus tun könne, sagt Hyden: "Vergessen sie die Menschen im Irak nicht. Beten sie für die Flüchtlinge. Fordern Sie Ihre Regierung auf, den Flüchtlingen zu helfen. Und wenn Sie selbst etwas tun möchten: Spenden Sie Geld."

Wenn Kobane fällt, wird es richtig schwierig

Auch Martin Glasenapp von der Frankfurter Hilfsorganisation medico international rät davon ab, auf eigene Faust alte Winterjacken, Decken oder Stiefel zu sammeln und in den Irak zu schicken. "Wir können aus langjähriger Erfahrung sagen, dass Sachspenden sehr teuer und ineffizient sind", sagt er. Man müsse die Dinge erst einmal sortieren und ihre Brauchbarkeit prüfen, sie lagern, den Transport organisieren, vor allem auch finanzieren, und sich schließlich in verschiedenen Ländern oft langwierige Auseinandersetzungen mit dem Zoll liefern. Glasenapps Fazit: "Das Beste ist wirklich die Geldspende." Die können Hilfsorganisationen dann nicht nur flexibel, sondern auch am effizientesten einsetzen. Hilfsgüter wie Kleidung und Essen werden auf lokalen Märkten gekauft, was der Wirtschaft vor Ort zugute kommt.

Im Auftrag von medico verteilen rund ein Dutzend Mitarbeiter lokaler Partner Wasser, Medikamente, Kindernahrung und andere Dinge des täglichen Bedarfs. Denn gerade in den südlichen Kurdengebieten fehle es oft schon an der Grundversorgung. Medico ist in drei Lagern in Kanaqin vertreten; in der Region halten sich laut Glasenapp rund 20.000 Flüchtlinge auf. Die Lager liegen meist auf öffentlichem Gelände. Da die Kurdengebiete seit Jahrzehnten mit Flucht und Vertreibung zu kämpfen haben, gibt es einige ältere, verhältnismäßig gut ausgestattete Zeltstädte. "Dort gibt es zum Teil schon befestigte Straßen und Strom in den Zelten, so dass man auch Klimaanlagen anschließen kann, und eine leidlich funktionierende sanitäre Versorgung." Neuere Lager liegen dagegen auch mal mitten im Nirgendwo oder am Stadtrand und bieten so gut wie nichts. "Wir haben drei- bis vierstöckige Rohbauten voller Familien, denen es am Nötigsten fehlt. Dort gibt es weder Latrinen noch fließendes Wasser", berichtet ein LWD-Mitarbeiter. 

Martin Glasenapp von medico war vor einigen Wochen selbst im Nordirak. Er beschreibt die Lage als "sehr, sehr prekär". Größte Probleme seien die mehr als 40 Grad Hitze, Skorpione, Staub und eine unglaubliche Dürre. Mit großer Sorge betrachtet er die aktuellen Kämpfe um die syrische Grenzstadt Kobane, die der "Islamische Staat" zu erobern droht. "Wenn diese Stadt eingenommen wird und es darum geht, all diese Leute dauerhaft unterzubringen, wird es richtig schwierig – gerade auch wegen des bevorstehenden Winters", warnt Glasenapp.

Schon jetzt ist die Lage unübersichtlich. Viele der neu ankommenden Flüchtlinge wissen gar nicht, dass es Hilfen für sie gibt. So schlafen sie in Parks oder Rohbauten, in Fußballstadien und Schulen. Kürzlich hat das Bildungsministerium den Notstand ausgerufen, denn im September sollte die Schule beginnen. Nach wie vor werden einige Schüler in anderen Gebäuden oder nur schichtweise unterrichtet, noch immer leben Flüchtlinge in ihren Schulen. Und täglich werden es mehr. Andere Schulgebäude müssen erst renoviert werden. "Nicht, weil dort irgendetwas mutwillig zerstört worden wäre", sagt Hyden vom LWB. Sondern weil beispielsweise Bänke als provisorische Küchen genutzt worden seien.

"Es besteht sehr, sehr große Angst"

Martin Glasenapp zeigt sich trotz dieser generellen Überforderung, trotz mangelhafter Infrastruktur und angesichts von "Flüchtlingszahlen, die es in dieser Form schon lange nicht mehr gegeben hat", von der Gastfreundschaft der Kurden "extrem beeindruckt". Die machten schlicht keinen Unterschied, welcher Religion jemand angehöre, aus welchem Grund er geflohen sei und ob er nun mit dem "IS" sympathisiert habe oder nicht. Die Kurden träfen gewissermaßen eine politische Entscheidung und handelten nach dem Motto: "Wir sind ein Irak, bei all unserer Unterschiedlichkeit".

Und dann gibt es natürlich auch die Horrorgeschichten. Glasenapp bezeichnet die Erfahrung, die die Jesiden gemacht hätten - in einer Gegend, die ohnehin nicht arm an Gewaltverbrechen sei - als "noch einmal sehr speziell." Er berichtet von Vätern, deren Töchter sich an den Händen genommen und gemeinsam in eine Schlucht gesprungen seien. Weil sie nicht von Islamisten verschleppt werden und als Sexsklavinnen hätten enden wollen.

"Die Menschen haben zum Teil wirklich schlimme Dinge erlebt", sagt auch Anne Dreyer von der Diakonie Katastrophenhilfe, die daher in Erbil zwei Gemeindezentren eingerichtet hat. Dort würden die Flüchtlinge psychosozial betreut, um neben all den Gewalterfahrungen auch das generelle Trauma der Flucht zu verarbeiten. Denn, so Dreyer: "Alle sind sich einig, dass sie so schnell nicht in ihre Dörfer werden zurückkehren können." Es bestehe sehr, sehr große Angst.

Zwar kann auch die Katastrophenhilfe auf rund 140 Mitarbeiter kurdischer Partnerorganisationen zurückgreifen. Doch als Hauptproblem nennt auch Anne Dreyer den bevorstehenden Winter. Und angesichts des ständigen und rasanten Zuwachses an Flüchtlingen sagt sie bestimmt: "Es ist für uns immer ganz besonders wichtig, Spenden zu bekommen, die wir flexibel einsetzen können."

Hier geht es direkt zu den Spendenaufrufen der Diakonie Katastrophenhilfe und des Lutherischen Weltbundes für ihre Hilfsprojekte im Nordirak. Hier erhalten Sie Informationen über den Hilfseinsatz von medico international.