Evangelische Obdachlosenhilfe kritisiert Abkehr vom Sozialstaat

Ein Obdachloser im Berliner Regierungsviertel auf einer Parkbank, Berlin, Deutschland, Europa

Foto: epd-bild / Tor

Evangelische Obdachlosenhilfe kritisiert Abkehr vom Sozialstaat
Deutschland wird nach Meinung von Experten nach und nach zum Almosenstaat. Dadurch werde die eigentliche Aufgabe, allen Menschen gleiche Startbedingungen zu gewähren, immer weiter in den Hintergrund gedrängt.

Deutschland ist nach Einschätzung der Evangelischen Obdachlosenhilfe auf dem Weg vom Sozial- zum Privatstaat. "Wir erleben weitreichende Veränderungen", kritisierte der stellvertretende Verbandsvorsitzende Stefan Gillich am Montag zu Beginn eines dreitägigen Bundeskongresses der Organisation in Bremen. Vom klassischen Sozialstaat mit dem Anspruch, allen Bürgern gleiche Startvoraussetzungen zu schaffen, entwickele sich Deutschland zu einem Fürsorge-, Almosen- und Suppenküchenstaat.

Jede neue oder wiedereröffnete Kleiderkammer sei ein Schritt auf diesem Weg, mahnte Gillich, der beim Diakonischen Werk der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau arbeitet. "Die private Wohltätigkeit folgt der abnehmenden Chancengleichheit und der zurückweichenden sozialen Gerechtigkeit."

Wer arme und obdachlose Menschen aus der Armut führen wolle, brauche aber Jobs, Wohnungen und Einkommen. "Gesicherte Rechtsansprüche sind die Voraussetzung zur sozialen Absicherung und zur gesellschaftlichen Reintegration", betonte der kirchliche Sozialexperte.

Rund 300 Experten aus ganz Deutschland wollen bis Mittwoch in Bremen zentrale Fragen der Wohnungslosenhilfe in Deutschland beraten. Zu den brisantesten Themen gehört die schwierige Situation von Menschen etwa aus Mittel- und Südosteuropa, die auf der Suche nach Arbeit nach Deutschland kommen. Auch die seit Jahren steigende Zahl junger Menschen unter den Wohnungslosen soll neben dem Trend zu ambulanten Hilfen für Obdachlose ein Schwerpunktthema sein.

Die Evangelische Obdachlosenhilfe in Deutschland ist der Bundesfachverband der diakonischen Wohnungslosenhilfe, zu dem nach eigenen Angaben zufolge mehr als 450 Dienste und Einrichtungen gehören. Gegründet wurde er 1886 als "Deutscher Herbergsverein". Unter wechselndem Namen organisiert der Verband seit mehr als 125 Jahren Hilfen für arme und wohnungslose Menschen.

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