"Wenn du doch erkenntest, was zum Frieden dient"

Israel

Foto: Tsafrir Abayov/AP Photo/picture alliance

Dieser Mann schaut von seinem Haus in Sderot (Israel) Richtung Gazastreifen.

"Wenn du doch erkenntest, was zum Frieden dient"
An diesem Sonntag (24. August) ist Israelsonntag. Evangelische Kirchengemeinden drücken in den Gottesdiensten ihr besonderes Verhältnis zu Israel aus. Wie geht das vor dem Hintergrund des Gaza-Krieges?
Deutschland spricht 2019

Und als er nahe hinzukam, sah er die Stadt und weinte über sie und sprach: "Wenn doch auch du erkenntest zu dieser Zeit, was zum Frieden dient! Aber nun ist's vor deinen Augen verborgen." (Lukas 19, 41-42)

Jesus weint über Jerusalem. Zu Recht, möchte man sagen – damals wie heute. Wieder einmal befindet sich Israel in einem Krieg mit den Palästinensern, Raketen fliegen in den Gazastreifen hinein und aus Gaza heraus. Auf beiden Seiten leiden die Menschen unter dem Beschuss, der Hass wird größer. Wenn evangelische Gemeinden in Deutschland am 24. August den Israelsonntag feiern, können sie den Krieg, die Gewalt, das Leiden der Bevölkerung auf beiden Seiten kaum ignorieren.

Der Vorsitzende des Reformierten Bundes, Peter Bukowski, ist der Meinung, dass über den aktuellen Konflikt in Israel oft einseitig diskutiert wird. Er vermisse ein Verständnis für die Lage, in der sich Israel befinde, sagte Bukowski der in Bielefeld erscheinenden evangelischen Wochenzeitung "Unsere Kirche": "Israel wird fortwährend mit Raketen beschossen, und zwar von einem Gegner, der ihm programmatisch sein Existenzrecht aberkennt." Der Gaza-Krieg müsse in den Gottesdiensten zum Israelsonntag unbedingt thematisiert werden, findet Bukowski: "Ich glaube, das geht gar nicht anders." Die Gottesdienstbesucher bekämen sonst den Eindruck, dass die Kirchen herumlavierten und sich vor den Fragen drückten, die sich durch die tägliche Berichterstattung aufdrängten.

Dem Hass keinen Raum geben

Der Israelsonntag wird immer am 10. Sonntag nach Trinitatis gefeiert. Traditionell erinnern die Kirchen an diesem Tag an die Zerstörung des jüdischen Tempels und der Stadt Jerusalem im Jahr 70 nach Christi Geburt. Doch die Bedeutung des Gedenktages habe sich im Laufe der Jahrzehnte gewandelt, erklärt Kirchenrat Martin Hauger, Referent für Theologie und Kultur bei der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Zeitweise sei davon die Rede gewesen, dass die Zerstörung des Tempels als Gericht über die Juden zu verstehen sei, verbunden mit Judenmission und einer Haltung der Überlegenheit des Christentums. Mittlerweile dient der Gedenktag der Rückbesinnung auf die gemeinsamen Wurzeln von Juden und Christen. Seit den Gräueln der NS-Diktatur erinnern die Kirchen am Israelsonntag auch an die Verfolgung der Juden. "Heute kann er nur gefeiert werden als Zeichen der Verbundenheit, vor dem Hintergrund des christlich jüdischen Dialogs", sagt Hauger.

Verbundenheit in Zeiten des Krieges? Sollten Christen nicht auch ein mahnendes Wort an Israel richten? "Ich denke, dass die Kanzel nicht der Ort ist, wo man sich in eine Richterfunktion stellen und ein Urteil abgeben könnte", sagt Martin Hauger. "Sondern es geht eher darum, Betroffenheit, Klage und Solidarität mit allen Opfern zum Ausdruck zu bringen." Christen täten das im Bewusstsein einer besonderen Verbundenheit mit Israel und dem Judentum, "aber auch im Widerspruch gegen Gewalt und Terror auf beiden Seiten." Christen müssten zum "differenzierten Sehen" bereit sein, beten und Fürbitte halten. "Wir können die Hoffnung auf Frieden und Versöhnung nicht aufgeben!"

Verschiedene evangelische Bischöfe haben die Gemeinden in ihren Landeskirchen dazu aufgerufen, den Israelsonntag in diesem Jahr genau in diesem Sinne zu feiern. "Lassen Sie uns um Gottes Hilfe bitten, dass er uns mit Kraft, Mut und Fantasie beschenkt, dem Frieden in der Welt zu dienen, indem wir dem Hass keinen Raum geben", schreibt der Bischof der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck (EKKW), Martin Hein, in einer Kanzelabkündigung, die am Sonntag in den Gottesdiensten vorgelesen werden soll. Doch Hein findet auch ermahnende Worte berechtigt: "Es ist eines, die Politik der Regierung des Staates Israel zu kritisieren. Öffentliche Kritik ist in einem demokratischen Gemeinwesen Teil der politischen Kultur", schreibt er. Das dürfe allerdings nicht zur Diskriminierung von Menschen jüdischen Glaubens führen. "Es ist deutlich antisemitisch, wenn jüdische Menschen herabgesetzt und der jüdische Glaube diffamiert werden, wenn Synagogen beschmiert und jüdische Friedhöfe geschändet werden. Das dürfen wir nicht zulassen!"

Feiern in der Hoffnung auf Frieden

Auch der Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO), Markus Dröge, warnt in seinem Aufruf zum Israelsonntag vor Antisemitismus, der sich "in den vergangenen Wochen auf erschreckende Weise in unserem Land zurückgemeldet" habe. Der Israelsonntag biete "die Möglichkeit, diesen Tendenzen entgegenzutreten". In Dröges Aufruf heißt es weiter: "Die evangelische Theologie hat sich in der Vergangenheit schuldig gemacht durch ihre Feindseligkeit gegenüber dem Judentum." Gerade deshalb müsse dafür eingestanden werden, dass Antisemitismus keine neue Heimat findet. Es sei nicht tolerierbar, so Dröge, wenn versucht werde, Antisemitismus "im Zusammenhang einer Kritik an der aktuellen Politik Israels wieder salonfähig zu machen".

Der Israelsonntag erinnert nach den Worten von Markus Dröge daran, "dass Christinnen und Christen in der Gründung des Staates Israel im Jahr 1948 ein Zeichen der Treue Gottes zu seinem Volk erkennen und zu einer grundsätzlichen Solidarität mit dem Staat Israel gerufen sind". Dazu gehöre eine "verantwortliche und auch kritische Begleitung der Politik Israels", das sieht Dröge so wie sein kurhessischer Kollege Martin Hein.

Weinen und Klagen, Erinnern und Ermahnen – in den Gottesdiensten zum Israelsonntag kommt es darauf an, einen angemessenen Ton zu finden. An einigen Orten tragen Vertreter der jüdischen Gemeinden dazu bei: In Berlin predigen zum Beispiel mehrere Rabbiner in evangelischen Kirchen, darunter Andreas Nachama, Jonah Sievers und Walter Homolka. Verbundenheit und gemeinsames Gebet stehen in diesem besonderen Gottesdienst im Vordergrund. "Ich glaube, dass man ihn nur feiern kann in der Hoffnung auf Frieden und Versöhnung in Israel und Palästina", sagt Martin Hauger.