Bankdirektor mit Hut und Poncho

Luis Chango

Foto: epd-bild / Mushuc Runa/Mushuc Runa

Luis Chango ist der erste Indianer Ecuadors, der eine Genossenschaftsbank gegründet hat.

Bankdirektor mit Hut und Poncho
"Mushuc Runa - Neuer Mensch" heißt die Bankkooperative, die Luis Chango vor 17 Jahren gegründet hat. Es war eine Zeit des Aufbruchs für die indianische Bevölkerung Ecuadors. Viel wurde erreicht, aber Vorbehalte gibt es immer noch.

Luis Chango ist schwer zu erreichen, ein Geschäftstermin jagt den nächsten. Alltag für einen Bankdirektor. Doch Chango ist kein typischer Banker. Er ist der erste Indianer Ecuadors, der eine Genossenschaftsbank gegründet hat. Nur für Ureinwohner, mitten in der Provinz. Heute ist die Bank für alle Kunden geöffnet, hat 180 Mitarbeiter und landesweit acht Filialen. Chango steht zu seinen Wurzeln: Statt Anzug und Krawatte trägt er Poncho und Hut. In der Geschäftswelt Ecuadors bleibt der 45-Jährige aber eine seltene Erscheinung.

Diskriminierung - dieser Begriff fällt als erstes, wenn Chango an seine Kindheit und Jugend zurückdenkt. Indianer wurden als Bürger zweiter Klasse behandelt und öffentlich bloßgestellt. "Als ich mit meinen Vater auf dem Weg in die Hauptstadt Quito war und in den Bus gestiegen bin, haben sich die Leute weggesetzt", erinnert sich der Bankdirektor, der als erster aus seinem Dorf eine weiterführende Schule besucht hat.

Die Ureinwohner hätten sich auch selbst diskriminiert, sich nichts zugetraut, sagt Chango. Und Kredite hätten sie sowieso nicht bekommen. Dies wollte er ändern und gründete zusammen mit 37 anderen indianischen Jugendlichen 1997 in der Provinz Tungurahua die Kooperative "Mushuc Runa", was in der Indianersprache Quechua "Neuer Mensch" heißt.

Zusammenleben in Vielfalt und Harmonie mit der Natur

Die Gründung der Bank fällt in eine Zeit, als die Ureinwohner in Ecuador aufbegehrten, ihre Rechte einforderten und Präsidenten stürzten.

In den 90er Jahren kam es zu mehreren Aufständen. Es ging um das Recht auf eigenes Land, um Freiheit und um einen plurinationalen Staat, einen Staat mit vielen Völkern. Die Indianer seien erstmals als politischer Akteur ernstgenommen worden, erläutert Rechtsprofessor Mario Melo in Quito.

Die Ureinwohner machen laut dem Zensus von 2010 sieben Prozent der rund 15 Millionen Einwohner aus, also etwas mehr als eine Million Menschen. Der Dachverband der indianischen Völker und Nationen (Conaie) spricht dagegen von 30 bis 40 Prozent, mindestens fünf Millionen.

Die Verfassung von 1998 trägt den indianischen Forderungen Rechnung und berücksichtigte erstmals ihre Rechte als Gemeinschaft. Die heutige Regierung unter Präsident Rafael Correa, der selbst keine indianischen Wurzeln hat, stieß eine Verfassungsreform 2008 an. Seitdem gilt Ecuador als Vielvölkerstaat, der das indianische Lebensprinzip des Sumak Kawsay garantiert. Sumak Kawsay steht für ein gemeinschaftliches Zusammenleben in Vielfalt und Harmonie mit der Natur. Auch die Territorien der indianischen Völker sind in der Verfassung verankert, die auch der Natur selbst Rechte zugesteht. 

"Wir dürfen unsere Identität nicht verlieren"

Im Politikbetrieb haben sich die Indianer einen festen Platz erobert. Als politischer Arm des Verbands Conaie wurde die Partei Pachakutik (übersetzt "Zeitenwende") gegründet, die nach den Wahlen 1996 erstmals ins Parlament einzog. 2002 stellte sie in der Regierung von Präsident Lucio Gutiérrez die Außenministerin. Doch diese Koalition hielt nur wenige Monate. Die indigene Bewegung half, Gutiérrez zu stürzen, und stürzte selbst in eine Vertrauenskrise. Auf nationaler Ebene hat die Partei seitdem an Gewicht verloren. Sie ist aber in den Andengemeinden und der Amazonasregion nach wie vor stark und stellt landesweit etwa 30 Bürgermeister.

Chango hat sich an den politischen Bewegungen nie direkt beteiligt. Er kämpft als Unternehmer für die Rechte der Menschen mit indianischen Wurzeln, will ihre Lebensbedingungen verbessern und Arbeitsplätze schaffen. "95 Prozent meiner Mitarbeiter sind Indigene", in der Bank wird hauptsächlich Quechua gesprochen. Im ganzen Land hat sich die Situation verbessert: Eine weiterführende Schule, eine Ausbildung ist für die meisten indianischen Jugendlichen heute selbstverständlich. "Im Finanzsektor, in der Politik, in der Kultur haben wir unsere Räume erobert", sagt Chango. Und dennoch: Vorbehalte gebe es noch immer.

Der Bankdirektor möchte Traditionen bewahren und weitergeben. Viele indianische Jugendliche hätten ihren Lebensstil geändert, wollten in die Stadt ziehen, Feste und Bräuche gerieten dadurch in Vergessenheit. "Wir dürfen unsere Identität nicht verlieren", warnt Chango. Die Identität sei der Motor für Entwicklung.

Tag der indigenen Völker: Der Begriff "indigene Völker" entstand in den 1980er Jahren bei den Vereinten Nationen. Er bedeutet "in ein Land geboren" und bezeichnet die Nachfahren der ersten Siedler eines Gebietes, die meist am Rande der Gesellschaft leben und sich kulturell und sozial von dieser unterscheiden. Der 9. August wurde zum Internationalen Tag der indigenen Völker bestimmt.
Experten gehen von 5.000 Völkern in 76 Staaten aus, die für ihre traditionelle Lebensweise als Jäger, Fischer und Sammler auf eigenes Land und eine intakte Umwelt angewiesen sind. Dazu gehören die Indianer in Nord- und Südamerika, die Karen in Südostasien, die Aborigines in Australien, die Adivasi in Indien und die Pygmäen in Zentralafrika. Ihre zentralen Forderungen sind die Anerkennung ihrer Kultur und Landrechte.
Weltweit zählen nach Angaben der Vereinten Nationen rund 350 Millionen Menschen zu den Ureinwohnern. 2007 verabschiedete die UN-Vollversammlung eine Erklärung über ihre Rechte. Die völkerrechtlich bindende Konvention der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) über die Rechte der indigenen Völker wurde erst von 20 Staaten ratifiziert, zumeist lateinamerikanischen.