Am Sonntag vor Ostern: Shoppen gehen oder in sich gehen?

Am Sonntag vor Ostern: Shoppen gehen oder in sich gehen?
Der letzte Sonntag vor Ostern, der 1. April, wird zum Shoppen genutzt: Unter anderem in Köln, Hamburg und Frankfurt ist verkaufsoffener Sonntag. Ostern scheint sich zum neuen Weihnachten zu entwickeln, die Passionszeit zum neuen Advent - man geht Einkaufen. Mit dem christlichen Jahresfestkreis hat das nichts zu tun. Schade – denn würden wir uns drauf besinnen, fänden wir ein großes Geschenk, das man nicht kaufen kann.

Der Losungstext für den 1. April 2012 aus den Herrnhuter Losungen lautet:

Siehe, ich lege euch heute vor den Segen und den Fluch: den Segen, wenn ihr gehorcht den Geboten des HERRN, eures Gottes, die ich euch heute gebiete; den Fluch aber, wenn ihr nicht gehorchen werdet den Geboten des HERRN, eures Gottes, und abweicht von dem Wege, den ich euch heute gebiete, dass ihr andern Göttern nachwandelt, die ihr nicht kennt. (5. Mose 11, 26-28)

Von Gottes Gebot ist die Rede im zufällig ausgewählten Bibeltext für diesen Sonntag. Auf den ersten Blick klingt die Erinnerung an das Gebot bedrohlich. Aber um das sofort deutlich zu sagen: Es soll an dieser Stelle nicht mit erhobenem Zeigefinger gedroht werden im Sinne von "Wenn ihr das Sabbatgebot nicht haltet, werdet ihr verflucht" – Blödsinn. Es geht nicht darum, mit Bibelworten irgendjemandem vorzuschreiben, was am Sonntag zu tun und zu lassen ist, ob man einkaufen gehen darf oder nicht. Aber an das dritte Gebot zu erinnern, das sollte erlaubt sein, zumal es mal wieder Anlass dazu gibt.

Gedenke des Sabbattages, dass du ihn heiligest. Sechs Tage sollst du arbeiten und alle deine Werke tun. Aber am siebenten Tage ist der Sabbat des HERRN, deines Gottes. Da sollst du keine Arbeit tun, auch nicht dein Sohn, deine Tochter, dein Knecht, deine Magd, dein Vieh, auch nicht dein Fremdling, der in deiner Stadt lebt. (2. Mose 20, 8-10)

Das Gebot gilt! Und zwar in zweifacher Hinsicht. "Die Einhaltung der Sonntagsruhe (ist) auch aus evangelischer Perspektive ein Thema der Ethik", schreibt der evangelische Sozialethiker Ulrich Körtner, "und zwar nicht nur der Individualethik, die sich mit unserer persönlichen Lebensführung befasst, sondern zugleich der Sozialethik. Die Frage des Wochen- und Lebensrhythmus' von Ruhe und Arbeit betrifft nicht nur das Individuum und seine privaten Bedürfnisse, sondern das gesamte Wirtschaftsleben, den einzelnen Betrieb wie das ganze Wirtschaftssystem." Nicht nur unser Verhalten als Einzelne sollten wir kritisch hinterfragen, sondern auch die Auswirkungen einer wachsenden Wirtschaft und grenzenlosen Arbeitswut für die Gemeinschaft, in der wir leben.

Gedrängel, Schlange stehen - Erholung ist das nicht

Die Wirtschaft, genauer der Einzelhandel, wird argumentieren, dass Verkäuferinnen gern sonntags arbeiten, weil sie dafür Zuschläge und einen freien Tag erhalten. Außerdem wird der Einzelhandel darauf beharren, wie wichtig es für das jeweilige Image der Stadt ist, an den verkaufsoffenen Sonntagen Kundschaft in die Einkaufsmeilen zu locken. Sie sollen möglichst an Werktagen wiederkommen, um dann die Dinge zu kaufen, die sie am Sonntag begutachtet haben - Möbel, Autos, Elektrogeräte. Die Umsätze an den verkaufsoffenen Sonntagen selbst sind angeblich nicht das Entscheidende, sondern das Erleben einer Einkaufsstadt: Familien sollen kommen und einen schönen (in diesem Fall: Frühlings-)Tag in der City zu verbringen. Sie sollen Spaß haben.

Jeder mag für sich entscheiden, was für ihn oder sie – und die Kinder - eine sinnvolle erholsame Freizeitbeschäftigung an einem Frühlingssonntag sein könnte. Für mich wäre es: Eine Fahrradtour durch Feld und Wald, eine Wanderung zu einer alten Burg, ein Nachmittag mit Freunden im Biergarten – aber ganz bestimmt nicht der Aufenthalt in einem überfüllten Einkaufszentrum, wo sich Menschen drängeln, Musik aus Lautsprechern plärrt, Schlangen an den Kassen mir den letzten Nerv rauben. Und abends schmerzen die Füße - Erholung ist das nicht!

Ostern scheint sich zum zweiten Weihnachten zu entwickeln, wobei allerdings der christliche Sinn des einen wie des anderen Festes überhaupt keine Rolle spielt. Nein, es sind kulturelle Jahreszeitenfeste: Weihnachten das Fest der Familie, der heimeligen Idylle mit Feuer im Kamin, mit verziertem Baum und fettem Braten zum Abendessen. Das andere das Fest der Frühlingsgefühle, der erwachenden Natur (mit etwas Mühe könnte man hier einen Bogen zur "Auferstehung" schlagen), der Kinderbelustigung im Garten mit bunten Eiern und lustigen Häschen.

Auch Geschenke soll es ja in vielen Familien zu Ostern geben, recht große sogar. Daher die Notwendigkeit aus Sicht des Einzelhandels, vor Ostern eine weitere Geschenke-Einkaufsmöglichkeit zu schaffen. Das ganze könnte auf denselben Streit hinauslaufen wie im Jahr 2009 in Berlin: Die Kirchen hatten vor dem Bundesverfassungsgericht gegen die Ladenöffnung an allen vier Adventssonntagen in der Hauptstadt geklagt – und gewonnen. Die Adventszeit war übrigens in früheren Zeiten eine Fastenperiode – genau wie die Passionszeit. Ostern ist das neue Weihnachten.

Der Lehrtext spricht von einem suchenden Kaufmann

Es nützt nichts, darüber zu jammern und den Verlust des christlichen Sinns der Feste zu beklagen. Doch wer möchte, ist dazu eingeladen, an Weihnachten Gottes Menschwerdung und an Ostern die Überwindung des Todes zu feiern. Dem Osterfest geht im christlichen Jahresfestkreis die Passionszeit voran, "Passion" kommt von lateinisch pati – erleiden, ertragen, erdulden. Diese sieben Wochen erinnern an Jesus, der Verfolgung, Spott und eine grausame Hinrichtung ertrug. Nach christlicher Deutung ging er für uns durch den Tod. Seine Anhänger bezeugten im neuen Testament, er sei auferstanden. Das feiern wir an Ostern - wie auch immer man "Auferstehung" verstehen und glauben mag. Das Gedenken an den Tod Christi, also die Passionszeit, gehört untrennbar dazu.

Ist es ein Zufall, dass die Herrnhuter dieses Jahr einen Lehrtext für den letzten Sonntag der Passionszeit ausgelost haben, in dem von einem Kaufmann die Rede ist? Wiederum gleicht das Himmelreich einem Kaufmann, der gute Perlen suchte, und als er eine kostbare Perle fand, ging er hin und verkaufte alles, was er hatte, und kaufte sie. (Mt 13, 45-46). Der Kaufmann sucht etwas. Er prüft und begutachtet die Dinge, findet etwas sehr Kostbares und verkauft alles andere. Die Zeit, die auf Karfreitag zuläuft, ist eine Zeit des Suchens, der Besinnung: Worauf sollen wir uns konzentrieren im Leben, was ist wirklich wichtig?

Ob er wirtschaftlich einen Gewinn gemacht hat, dieser Kaufmann? Oder ob er einen monetären Verlust verkraften musste, dafür aber etwas in anderem Sinne Wertvolles gefunden und gewonnen hat? Es geht ja in diesem Gleichnis um nichts geringeres als um das Himmelreich. Wir könnten uns also vorstellen, dass der Kaufmann ausgerechnet am letzten Sonntag der Passionszeit auf der Suche nach seiner Perle war. Dabei entdeckte er, wie kostbar die Ruhe ist und wie gut es tut, in sich zu gehen statt shoppen zu gehen. Die gekauften Geschenke hat er dann gar nicht mehr für so wichtig befunden – weil er an diesem 1. April, dem Übergang von der Passionszeit zu Ostern, das Geschenk des Lebens für sich entdeckte. 


Anne Kampf ist Redakteurin bei evangelisch.de und zuständig für die Ressorts Politik und Gesellschaft.