Seit 80 Jahren im Dienst: Deutschlands ältester Organist

Seit 80 Jahren im Dienst: Deutschlands ältester Organist
Walter Wieben ist mit 97 Jahren immer noch rüstig genug für das Orgelspielen im sonntäglichen Gottesdienst. Sein musikalisches Talent hat ihm im Zweiten Weltkrieg sogar das Leben gerettet.

Als Walter Wieben 1932 seine erste Organistenstelle antrat, war Paul von Hindenburg noch Reichspräsident. Am Dienstag feiert der 97-jährige aus dem schleswig-holsteinischen Oelixdorf (Kreis Steinburg) sein 80-jähriges Dienstjubiläum - mit einem Kirchenkonzert. Seit acht Jahrzehnten gestaltet Wieben die Musik in den Gottesdiensten in den Kirchen der Wilstermarsch und ist damit Deutschlands ältester aktiver Organist. "Musik ist für mich ein Lebenselement", sagt er.

Dem rüstigen Senior und Vater von vier Kindern ist sein hohes Alter nicht anzumerken, dabei steht schon sein 98. Geburtstag am 6. April vor der Tür. Jeden Tag setzt er sich mit geradem Rücken ans Klavier, eine Gehhilfe braucht er nicht. Sein musikalisches Talent hat dem gebürtigen Hohenwestedter sogar das Leben gerettet: "Wir waren der erste Jahrgang, den Hitler einzog. Da gab es kein Pardon", erinnert er sich.

"Keinen Tag freiwillig in diesem Krieg"

Wieben war 25 Jahre alt, als ihn der Marschbefehl für die berittene Regimentsmusik erreichte. Sudetenland, Frankreich, schließlich die Stationierung in Russland mit dem unerbittlichen Winter 1941/42. Während andere Soldaten erfroren, habe er im Offizierskasino Klavier gespielt, erinnert sich Wieben. Schließlich kam der 17. April 1945, sein Regiment war in Memel stationiert. Er wurde durch Bombensplitter am Arm verletzt, kam dann per Schiff nach Dänemark. Seine Kameraden gerieten in russische Kriegsgefangenschaft. Die Erinnerung schmerzt noch immer: "Ich war keinen Tag freiwillig in diesem Krieg."

Nach Kriegsende kam Wieben im Juli 1945 aus Dänemark nach Hademarschen zurück, wo er seit dem 21. März 1932 als Organist spielte und zwei Jahre später auch als Kirchenrechnungsführer angestellt war. Die Liebe zur Musik entdeckte er aber schon viel früher: Seine Mutter hatte ihn im Alter von fünf Jahren zum Gottesdienst mitgenommen, die Orgel erklang und der Steppke schwor sich: "Das machst du auch."

Wechsel ans Klavier - wegen der Kälte in der Kirche

Grundlage war der Klavierunterricht, später folgte die Orchesterschule in Heide. Mit 17 wagte sich Wieben an die Orgel. "Sie ist eine ganz andere Welt. Beim Klavier klingt der Ton nach - bei der Orgel endet er abrupt." Inzwischen ist ihm das Klavier sogar das liebere Instrument, auch wegen der Kälte in der Kirche, die ihm das Üben an der Orgel etwas verleidet.

Neben Beethoven, Mozart und den Romantikern sind es vor allem die zeitgenössischen geistlichen Lieder, die es Wieben angetan haben: "Der Pastor sagt immer, die sind ja alle viel jünger als Sie." Jeden Sonntag wird der 97-Jährige mit dem Auto zum Gottesdienst abgeholt. In St. Martin von Oelixdorf spielt er seit 1995. Früher fuhr Wieben die Strecke mit dem Fahrrad - das wagt er jetzt nicht mehr. Einen Führerschein besaß er nie. Irgendwie gab es immer Wichtigeres, sagt Wieben und verweist auf die vielen Instrumente, die er spielen kann: Orgel, Klavier, Akkordeon, Geige, Bratsche, Trompete, Tenorhorn, Tuba und Zugposaune.

Musik als Lebenselement

Sogar zwei Schallplatten hat Wieben aufgenommen: 1974 die eigene Kantate "Lob, Preis und Dank" und 1979 "Volkslieder und Volkstänze der Norddeutschen Heimat" gemeinsam mit dem Lägerdorfer Akkordeonorchester. Mit einem plattdeutschen Musical und der Itzehoer Speeldeel hatte Wieben 1986 Auftritte in ganz Schleswig-Holstein. Dass er auch das Komponieren lernte, verdankt der Kirchenmusiker einem Kameraden aus dem Zweiten Weltkrieg.

Inzwischen spielt Wieben ausschließlich die Orgel in St. Martin und unterhält regelmäßig die Bewohner von vier Altenheimen in Itzehoe. Aufrecht hält ihn das Gefühl, gebraucht zu werden. "Was soll ich den ganzen Tag machen, so alleine?" Seine Ehefrau Alma starb vor zehn Jahren. Auch an seinem 98. Geburtstag an Karfreitag (6. April) wird Wieben vormittags in der Kirche Orgel spielen. Gratulanten könnten schließlich auch am Nachmittag anrufen. Der Gottesdienst geht vor, betont er. Bereits am 1. April findet ihm zu Ehren ein Festgottesdienst in St. Martin statt.

epd