Berlinale-Finale: Ihr da oben, wir hier unten

Berlinale-Finale: Ihr da oben, wir hier unten
Am Samstag werden die Berlinale-Gewinner gekürt. Die Kritiker würden gerne den deutschen Regisseur Christian Petzold auf dem Siegerpodest stehen. Doch ein eindeutiger Favorit zeichnet sich bei dieser eindrücklichen Berlinale nicht ab.

Wie gut, dass Winter ist. So kann der 12-jährige Simon Tag für Tag mit der Seilbahn ins lebhafte Ski-Ressort hinauffahren, um für seinen Lebensunterhalt zu sorgen. Er klaut alles, was nicht niet- und nagelfest ist: Proviant aus den Garderoben, Brillen und Handschuhe von den Cafétischen, vor allem aber teure Marken-Skier, die er verkauft.

Simon, Protagonist des Films "L'enfant d'en haut" (Das Kind von oben) wohnt in einem tristen Hochhaus im Tal. Seine Eltern sind bei einem Autounfall gestorben, wie er den Touristen erzählt. Er muss sich und Louise, offenbar seine Schwester, eine labile, unberechenbare junge Frau, über die Runden bringen. In ihrem zweiten Film zeigt die Schweizer Regisseurin Ursula Meier auf eine virtuos zurückhaltende Art, wie unsere Welt zerfällt: in die "da oben" und die "da unten".

Meiers junge Verlierer könnten die großen Gewinner bei der Verleihung der Berlinale-Bären am Samstagabend sein. Der Jury um den britischen Regisseur Mike Leigh, der selbst zu den engagierten Realisten des zeitgenössischen Kinos zählt, müsste das Sozialdrama mit den eindrücklichen Bildern aus den französischen Alpen eigentlich gefallen. Und sollte es für den Goldenen Bären nicht reichen, dann wären da noch die Hauptdarsteller: der verblüffend kontrollierte Kacey Mottet Klein als Simon und Léa Seydoux, die bereits im Eröffnungsfilm des Festivals zu sehen war.

Stärkeres Feld als im vergangenen Jahr

Aber die Konkurrenz schläft nicht. Der Wettbewerb hinterließ in seiner Gesamtheit einen deutlich stärkeren Eindruck als im vergangenen Jahr. Auch wenn es bis zum Freitag - zwei Beiträge standen noch aus - den ganz großen Film, der sich bereits beim Fallen des Vorhangs als Favorit aufdrängt, nicht gab. Die deutschen Bewerber lagen voll im Trend: Alle drei Filme, von Regisseuren, die nicht zum ersten Mal im Wettbewerb sind, waren mindestens sehenswert. Christian Petzolds kunstvoll gemachtes DDR-Drama "Barbara" führt seit dem Wochenende die Kritikercharts an.

"Was bleibt" von Hans-Christian Schmid und "Gnade" von Matthias Glasner wurden zwiespältiger aufgenommen. Beide Filme erzählen von gehobenen Mittelstandsfamilien, die in die Krise geraten. Bei Schmid wird sie durch den erneuten Ausbruch einer Depressionserkrankung der Mutter ausgelöst und nimmt die Form eines minimalistischen Kammerspiels an. Bei Glasner geht es aufgeregter zu: In der fantastisch gefilmten Landschaft von Nordnorwegen, zwischen verschneiten Bergen und Eismeer, ringen die Schauspieler Birgit Minichmayr und Jürgen Vogel mit den Themen Schuld und Vergebung.

Ob da ein Bär drin ist? Christian Petzold wäre sicher mal "fällig" - seine Hauptdarstellerin Nina Hoss muss aus Proporzgründen aber wohl aus der Rechnung genommen werden. Sie hat bereits für "Yella" einen Preis bekommen. Bei Schmid könnte man an die Darsteller Corinna Harfouch oder Lars Eidinger denken.

Der Silberne Bär darf gern schräger sein

Aber da ist auch noch die junge Agathe Bonitzer, die in dem an den Fall Kampusch erinnernden, heimtückisch leisen französischen Entführungsdrama "À moi seule" von Frédéric Videau in jeder Hinsicht Profil zeigt: Ihr eigensinniges Gesicht darf man sich merken. Und für den Preis bei den Herren empfiehlt sich nicht nur der Junge von der Skipiste, sondern auch einer der dienstältesten US-amerikanischen Charakterdarsteller: als Südstaatenpatriarch auf LSD hat Robert Duvall ("Der Pate", "Apocalypse Now") in Billy Bob Thorntons Film "Jayne Mansfield's Car" dem Festival einige seiner komischsten und berührendsten Momente beigesteuert.

Beim Silbernen Bären für die beste Regie und dem Spezialpreis der Jury darf es schräger zugehen. Weil auch der Fotograf Anton Corbijn und der hippe Hollywoodstar Jake Gyllenhaal unter den Preisrichtern sind, könnte der neue Film des für seine Spiellaune bekannten portugiesischen Regisseurs Miguel Gomes ausgezeichnet werden. "Tabu" kombiniert eine leidenschaftliche Romanze mit einer Kritik an der kolonialen Vergangenheit Portugals, fängt als sprödes Kunstkino an und mündet in eine fantastisch unterhaltsame Montage aus Stummfilm-Motiven und Popsongs - ein Film, der Gräben schließt.

Der Spezialpreis wäre bei den Brüdern Taviani und ihrem mit Häftlingen inszenierten Shakespeare-Stück "Cesare deve morire" (Cäsar muss sterben) gut aufgehoben. Sollte es der Jury um eine politische Geste gehen, schiebt sich "Just the Wind" von Bence Fliegauf in den Blick, ein fiebriger, beängstigender Film über die Roma-Morde in Ungarn - das wäre ein Preisträger, der überhaupt gut zur Berlinale passt.

epd