Als der Kölner Karneval judenfeindlich wurde

Als der Kölner Karneval judenfeindlich wurde
Bühnenverbot, Verhöhnung und Antisemitismus: Jüdische Bühnenkünstler sind im Kölner Karneval bereits Jahre vor der NS-Zeit ausgegrenzt worden. In der Karnevalshochburg am Rhein war dies etwa ab 1923 der Fall, wie der Bonner Historiker und Publizist Marcus Leifeld in einem Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst erläuterte.

So wurden vor dem Hintergrund von Inflation und Wirtschaftskrise keine jüdischen Mitglieder mehr in Vereine aufgenommen. Diese Ausgrenzung erfolgte zunächst "hinter den Kulissen", so der Forscher. Noch um 1930 waren daher lokale Pressevertreter der Auffassung, es gebe keinen Antisemitismus im Karneval.

Nach außen gaben sich die Vereine weiter liberal. Grund sei die Sorge um den Ruf der Stadt bei ausländischen Besuchern gewesen, sagte Leifeld. Schon damals galt der Kölner Karneval als Wirtschaftsfaktor. "Wie in allen touristisch aktiven Städten hielt man sich daher zunächst taktisch mit antisemitischen Äußerungen zurück, um niemanden zu vergraulen", erläuterte Leifeld, Mit-Kurator der Ausstellung "Kölle Alaaf unterm Hakenkreuz" im Kölner NS-Dokumentationszentrum ist.

Gerti Ransohoff nahm sich das Leben

Wie beklemmend für Juden tatsächlich die Lage war, zeigt sich nach seinen Worten an einem der ersten Opfer der Karnevalsszene, der Büttenrednerin Gerti Ransohoff. Sie gehörte zu den erfolgreichen Karnevalistinnen der Weimarer Republik, stammte aus einer katholischen Bonner Familie und war mit einem Kölner Juden verheiratet. Nach dem Selbstmord ihres Mannes 1932 nahm auch sie sich das Leben.

Im Rosenmontagszug 1934 verspottete der Motivwagen "Die Letzten ziehen ab" die erzwungene Emigration von Kölner Juden. Dennoch gab sich der offizielle Karneval noch immer unbeteiligt und argumentierte, es habe sich um einen Beitrag aus dem Bürgertum gehandelt. Der Wagen sei ursprünglich für die Stadtteilumzüge gebaut worden.

Es gab auch Freundschaften

Zugespitzt hat sich das antisemitische Klima laut Leifeld 1935/36: Ab dieser Session gab es in den Rosenmontagszügen jeweils zwei bis drei antisemitische Wagen. Juden wurden systematisch aus Vereinen ausgeschlossen, Büttenreden und Lieder waren offen antisemitisch. Ein zentraler Auslöser war der neu gegründete Festausschuss Köln 1933, der einen sogenannten Arierparagrafen in einer Mustersatzung an Gesellschaften verschickte.

Bevor die Nationalsozialisten an die Macht kamen, gab es hingegen auch Freundschaften und Zusammenarbeit zwischen jüdischen und nicht-jüdischen Karnevalisten. So habe die Garde der Roten Funken noch 1925 ein Mitglied ausgeschlossen, weil es sich auf einem Kostümball antisemitisch äußerte, schilderte Leifeld. Der jüdische Karnevalist Hans David Tobar sorgte bis 1933 für ausverkaufte Veranstaltungen im Kaiserhofpalast. Einzelne Karnevalisten unterstützten Leifeld zufolge auch nach 1933 verfolgte Juden. Wie verbreitet diese Unterstützung war, lasse sich aber aufgrund der schwierigen Quellenlage kaum sagen.


Die Ausstellung "Kölle Alaaf unterm Hakenkreuz" im Kölner NS-Dokumentationszentrum wird bis zum 1. April gezeigt. Die Öffnungszeiten sind dienstags bis freitags von 10 bis 18 Uhr, an Wochenenden von 11 bis 18 Uhr sowie an jedem ersten Donnerstag im Monat von 10 bis 22 Uhr.

epd