Der besetzte Stern: Weihnachten in Bethlehem

Der besetzte Stern: Weihnachten in Bethlehem
100.000 Gläubige reisen zu Heiligabend nach Bethlehem, die Geburtsstadt Jesu. Die Bewohner der Stadt sind Palästinenser und leben unter israelischer Besatzung hinter einer Mauer. Ein Bericht aus Bethlehem.

"Wo ist der Stern?" Die Frage hängt in der Luft und bleibt zwischen Mauer und Menschen stecken. George Awad ist Pastor der presbyterianischen Kirche in Bethlehem und hat zum Gottesdienst unter freiem Himmel eingeladen. Direkt dort, wo die Grenze zwischen Westbank und Israel verläuft, haben sich rund 60 palästinensische Christen an der Mauer versammelt, um zu beten. Für Frieden und Gleichheit zwischen Palästinensern und Israelis, gegen Landkonfiszierungen, die Trennung von Familien und ganzen Dörfern. "Unsere Freude wird erst ganz sein, wenn Bethlehem und Jerusalem wieder verbunden sind, wenn diese Mauer gefallen und der letzte israelische Soldat unser Land verlassen hat", sagt George Awad ins Mikrofon und guckt dann zum Himmel. Kein Stern ist dort zu sehen.

Auf Heiligabend bereiten sich derzeit mehrere dutzend Kirchengemeinden des Ortes vor. Keine andere Stadt in der Westbank hat so viele Kirchen und Gläubige vorzuweisen wie das kleine saubere Bethlehem. Nirgendwo sonst hängen so viele Christbaumkugeln, stehen so viele weiße Kerzen aufgereiht wie hier. In der Geburtsstadt Jesu leben 30.000 Menschen, davon rund 8000 palästinensische Christen. Die christlichen Kirchen haben ihren Ursprung in Palästina und sind gekennzeichnet durch mehrere Denominationen, darunter vor allem die griechisch-orthodoxe und die römisch-katholische Kirche. Im 19. Jahrhundert siedelten sich auch die Lutheraner im Heiligen Land an und unterhalten seitdem mehrere Schulen und Hospitäler in Israel und Palästina.

Bethlehem ist autonom, aber umzingelt

Doch die Zahl der Christen schwindet unaufhörlich, vor allem in Bethlehem. "Die Kirchen im Ausland bitten uns zu bleiben, damit eine christliche Präsenz im Heiligen Land vorhanden ist", sagt George Handal, ein Katholik und pensionierter Arabischlehrer, der unweit der Mauer im Norden der Stadt wohnt. "Aber", fragt er bekümmert, "wie sollen wir hier bleiben, wenn doch das Leben unter Besatzung so schwer ist und wir mit unseren Problemen alleingelassen werden?"

1995 erlangte Bethlehem Autonomie, nachdem der damalige Premierminister Israels Yitzak Rabin und der Palästinenser-Führer Yassir Arafat ein Friedensabkommen unterzeichnet hatten, das die schrittweise Unabhängigkeit palästinensischer Städte und Dörfer vorsah. Das sogenannte Gaza-Jericho-Abkommen teilte die Westbank und Gaza in A-, B- und C-Gebiete auf. Bethlehem als Stadt steht unter palästinensischer Selbstverwaltung und ist damit A-Gebiet.

In den Straßen am weihnachtlich beleuchteten Manger Square, dem großen Platz vor der Geburtskirche, patroullieren palästinensische Soldaten in dunkelblauen Uniformen. Doch die Umgebung mit den zahlreichen Dörfern, Ackerflächen und Olivenbäumen wird militärrechtlich von Israel verwaltet. Palästinensische Familien bekommen keine Erlaubnis zu bauen, ihre Häuser zu renovieren oder gar ihre Grundstücke auszubauen. Der Hauptgrund dafür ist weit sichtbar: Um Bethlehem herum ziehen sich endlose Gürtel von jüdischen Siedlungen mit 90.000 Israelis, die Jerusalem und Bethlehem miteinander verbinden und in Zukunft weiter wachsen sollen.

Was ist mit den Oliven jenseits des Zaunes?

Gerade hat Benjamin Netanjahu, Israels Ministerpräsident, den Bau 600 weiterer Wohneinheiten für Har Homa – nördlich von Bethlehem gelegen – genehmigt. Die Stadt selbst ist umringt von der Mauer, die viele Israelis "Sicherheitszaun" nennen und Palästinenser und Friedensaktivisten angesichts der illegalen jüdischen Siedlungen mit "Schandmauer" betiteln.

George Handal (60) wurde in Bethlehem geboren und stammt aus einer christlichen Familie. Foto: Liva Haensel

Dort, wo jetzt jüdische Kinder spielen, stehen 300 Olivenbäume der Familie von George Handal. "2005 erfuhren wir von der israelischen Regierung, dass unser Land an Har Homa geht", berichtet der dreifache Familienvater. Nur ein einziges Mal versuchte die palästinensische Familie noch, ihr Land zu bewirtschaften und die Oliven zu retten.

Doch sobald sie es betraten, stürmte eine jüdische Siedlerfamilie auf sie zu und warf mit Steinen nach ihnen. "Die israelischen Soldaten haben uns nicht geschützt, wir sind geflüchtet", sagt George Handal. Was aus seinem 17.000 Quadrameter großen Ackerland seitdem geworden ist? "Ich weiß es nicht. So wie uns ergeht es tausenden Palästinensern", sagt er traurig und schüttelt den Kopf.

Doch George Handal will die Hoffnung auf einen Staat Palästina und einen gerechten Frieden nicht aufgeben, gerade jetzt nicht, zu Weihnachten. "Gott ist mit uns, er gibt uns Kaft", sagt er. Er werde wie jedes Jahr mit seiner Familie in die Kirche gehen und beten. Doch die Geburtskirche, das Herz palästinensischer Christen und seine Heimatgemeinde in Bethlehem, darf George Handal nicht betreten. Die berühmte Mitternachtsmesse ist lediglich Politikern, Diplomaten und internationalen Gästen vorbehalten. Ein Ticket kostet 60 Euro – unerschwinglich für viele arbeitslose Palästinenser. Der Stern von Bethlehem scheint nicht für jeden.


Liva Haensel ist Journalistin und arbeitet derzeit als ökumenische Begleitperson für den Weltrat der Kirchen in Bethlehem mit dem Programm www.eappi.org In ihrem Blog www.dreiecksbeziehung.net thematisiert sie den Nahostkonflikt.