Afrikas Musik und der Wunsch nach dem Authentischen

Afrikas Musik und der Wunsch nach dem Authentischen
Was der Westen "Weltmusik" nennt, hat mit authentischen Klängen aus Afrika oft wenig zu tun. Das muss aber kein Schaden sein, im Gegenteil: Die Weltmusik rettet lokale Traditionen vor dem Aussterben. Viele afrikanische Künstler werden erst über den Umweg des internationalen Marktes zu Hause berühmt. Und Stars aus den USA und Jamaika verdienen inzwischen viel Geld mit Tourneen durch Afrika.

Noch vor fünf Jahren war an den Regalen hiesiger CD-Läden abzulesen, was die Europäer an Musik aus Afrika interessierte. Zusammengefasst war sie in der Regel unter der Rubrik "Weltmusik". Die Kategorie wurde Ende der 1980er Jahre in England erfunden, um ein Etikett zu schaffen, mit dem sich Musik aus dem Rest der Welt vermarkten lässt. Das war sehr erfolgreich, der Markt boomte und hatte in Afrika seine ersten Stars wie Salif Keita aus Mali, Youssou Ndour (Senegal) und Papa Wemba aus dem Kongo. Das Publikum sehnte sich nach neuen Erfahrungen und war offen für exotische Sounds.

Vor allem das Andere, also regionale traditionelle Musik, faszinierte die Europäer. Doch ihr Geschmack blieb nicht ohne Folgen: Weltmusik wurde zu einem Label für eine Musik, wie Europa sie sich wünschte. Sie verlor nach und nach an Anziehung und wurde zu einem Versprechen von dem berühmten Land auf der anderen Seite des Regenbogens, das es nur in den Köpfen der Europäer gab.

Neue Verbreitungswege durch das Internet

Inzwischen wird die CD mehr und mehr vom Internet verdrängt, und damit formiert sich das Bild von afrikanischer Musik neu. Wer Afrika besucht, ist oft verwundert über das, was er zu hören bekommt. Zwar sind die Stars der Weltmusikszene meist auch in ihrer Heimat berühmt, aber dort spielen sie andere Songs - oft sogar mit anderen Instrumenten. Die lokale Popmusik unterscheidet sich von den ausgeklügelten Produktionen der europäischen Plattenfirmen.

In den Clubs überwiegt afroamerikanisch oder international gefärbte Popmusik. In Ghana hört die Jugend Hiplife, einen lokalen Mix aus Highlife und Hip-Hop. In Nigeria entsteht derzeit eine Art nigerianische House-Kultur ähnlich dem Kwaito aus Südafrika, der schleppend-wuchtigen Bassmusik aus den Townships Johannesburgs, die nach dem Ende der Apartheid den Musikmarkt eroberte.

Gemeinsam ist diesen Musikstilen, dass sie in ihrer Heimat den Markt und die Nachtclubs beherrschen, in Europa aber so gut wie unbekannt sind. Kein Hiplife-Künstler aus Ghana hat je ein Album in Europa veröffentlicht. Kein Kwaito-Musiker war je auf Tour durch Europa. In den CD-Regalen Europas spielen diese modernen Musikformen bis heute kaum eine Rolle. Es ist fast wie ein Spiegel: Während Europa von der Tradition, den Wurzeln und Ritualen träumt, sucht die Jugend Afrikas ihre Erlösung in der Nähe zur Moderne, zur strahlenden Welt des reichen Westens.

Authentisch oder modern?

In einigen afrikanischen Musikstilen treten diese Merkmale besonders zutage: etwa in der Musik der Sapeure im Kongo und – die etwas aktuellere Variante – im Coupé Décalé aus Abidjan, einem Musikstil, in dem die Stars ihren Erfolg mit dem Konsum westlicher Statussymbole feiern.

Doch ist Coupé Décalé authentisch? Sind Musiker, die ihre 2000-Dollar-Weston-Schuhe auf dem Kopf balancieren, damit sie die Fernsehkamera besser einfängt, authentisch? Oder der einhundertste Snoop-Dogg-Imitator aus Gabun, einem Land, in dem heute Hip-Hop und RnB nach US-amerikanischem Vorbild unter Jugendlichen am beliebtesten sind und sogar der amtierende Präsident ein Rapper ist? Neu ist der Einfluss westlicher Musikstile nicht. Schon die kongolesische Rumba, die vielleicht erste panafrikanische Popmusik, holte sich Anleihen aus Lateinamerika, Jazz und europäischer Tanzmusik.

"Weltmusik" ist für den westlichen Markt entstanden ...

Weltmusik hingegen ist eine Musik aus anderen Ländern der Welt, die für den westlichen Markt erschaffen wurde. Das verändert die Musik und schafft eine Szene, die es ohne den Westen nicht geben würde – aber das muss nicht negativ sein, eher im Gegenteil. Denn in Europa interessiert man sich für Tradition und sieht einen Wert darin, sie zu archivieren. Afrikanische Musiker werden nicht als Interpreten, sondern als Künstler verstanden und gelten nahezu als unantastbar, fast heilig. Weltmusik fördert Musiker und regionale Musiktraditionen, die sonst verloren gegangen wären. Virtuosität, Talent und historische Relevanz gelten dem Weltmusikmarkt viel, mehr als dem lokalen Markt.

[listbox:title=Musikvideos im Netz[Coupé Décalé##Ali Farka Toure & Toumani Diabate##Salif Keita##"Pastor" Mbhobho##D'Banj]]

Der europäische Produzent wird oft mit Skepsis betrachtet und steht unter Generalverdacht, die afrikanische Tradition zu korrumpieren; nicht – was eigentlich einleuchtender wäre – die Afrikaner selbst. Eine schizophrene Situation, denn es werden ihm seine eigenen Werte vorgeworfen.

Eine Aufnahme soll authentisch klingen und vor allem frei von europäischen Einflüssen sein – dabei entsteht sie ja nur, weil der europäische Markt sich dafür interessiert. Auch der Mythos, der Westen beute lokale afrikanische Musik aus, ist nicht zu halten. Die meisten Plattenfirmen, die Weltmusik produzieren und vertreiben, gehören Idealisten, denn mit dieser Musiksparte sind keine großen Gewinne zu machen.

... denn lokale Musik ähnelt zu sehr der europäischen

Wer sich einmal die Mühe gemacht hat, lokale Produktionen anzuhören, wird verstehen, warum die "authentischen" Aufnahmen aus Afrika den Kontinent nur selten verlassen. Vieles davon möchte in Europa niemand hören, zu ähnlich ist es dem Weltmusikfan der internationalen Popwelt. Die im Westen gefeierten Musiker wie Ali Farka Touré, Toumani Diabaté, Amadou & Mariam oder Bassekou Kouyate sind vor allem außerhalb ihrer Heimat Stars. Ihr Ansehen zu Hause haben sie über den Weltmusikmarkt und die damit verbundene internationale Anerkennung erworben.

Zugleich ist es in den vergangenen Jahren für afrikanische Musiker immer schwieriger geworden, in Europa Geld zu verdienen. Der Plattenmarkt – lange schon ein prekärer Nischenmarkt – ist weiter eingebrochen. Das Internet hat einen Überfluss an Musik zugänglich gemacht; je unbekannter die Bands, desto schneller verschenken sie im Internet ihre Musik und tragen damit selbst zu deren Entwertung bei. Höchstens Live-Konzerte versprechen noch Einnahmen, aber auch hier konkurrieren immer mehr Gruppen um lukrative Auftritte. Hoffnung wird in neue Finanzierungsmodelle gesetzt, die meisten von ihnen basieren auf Kultursubventionen oder privatem Crowdfunding über eine Internet-Plattform.

Heimische Geschäfte

Dafür verspricht der Musikmarkt in Afrika zunehmend Gewinn. Viele Künstler nutzen Autorität und Ansehen, die sie international erworben haben, um in ihrer Heimat Geld zu verdienen. Bassekou Kouyate etwa spielt regelmäßig auf offiziellen Empfängen des Präsidenten von Mali. Und auch afroamerikanische Musiker haben das Potenzial des afrikanischen Musikmarkts entdeckt, beziehungsweise die Sehnsucht Afrikas nach Beteiligung an internationalem Glamour. Es wird immer lukrativer für internationale US-amerikanische und jamaikanische Stars, durch Afrika zu touren.

Der nigerianische Superstar D'Banj, auch "The Cocomaster" oder "Mr. Endowed" genannt, steht für eine neue Generation afrikanischer Musiker. Dapo Daniel Oyebanjo, so sein bürgerlicher Name, zählt zu den Top-Entertainern Nigerias, außerhalb des Landes ist er so gut wie unbekannt. Seine Vorbilder sind afroamerikanische Superstars wie Kanye West, Usher, Jay-Z oder R.Kelly, un der bedient geschickt Wunschträume seiner Fans. Schon die (oftmals erkaufte) Nähe zu internationalen Stars lässt ihn in den Augen seiner Landsleute als Superstar erscheinen. Der afrikanische Musikmarkt ist für internationale Hip-Hop- und Dancehall-Stars wie ihn in den vergangenen Jahren sehr profitabel geworden.

Superstars wie Wyclef Jean, 50 Cent, Jah Rule touren seit einigen Jahren auch in Afrika und kassieren für ihre Konzerte dort Gagen, die zum Teil ihre Einnahmen in den USA übersteigen. Das liegt auch daran, dass es in Afrika inzwischen reiche Eliten gibt – seien es Politiker oder Besitzer von Mobilfunkfirmen, Brauereien und anderen Firmen, die enormes Kapital angehäuft haben. Sie alle sonnen sich gern im Ruhm internationaler Stars.


 Stephanie FuessenichJay Rutledge ist freier Journalist und arbeitet unter anderem für den Hörfunksender Bayern 2. Er betreibt in München das Plattenlabel outhere records. Seit Jahren reist er immer wieder durch Afrika und hat auf einer Reihe CDs die Musikszene von Metropolen wie Lagos, Johannesburg und Dakar vorgestellt. Sein hier veröffentlichter Beitrag erschien in voller Länge zuerst in der Oktoberausgabe 2011 des Magazins "Welt-Sichten" unter dem Titel "Tradition für den Weltmarkt".