Deutsche Welle ohne deutsches Radio

Deutsche Welle ohne deutsches Radio
Mit der Winterzeit ist die Radioära der Deutschen Welle zu Ende gegangen. Der Sender hat seine deutschsprachige Kurzwellenübertragung eingestellt. Stattdessen wird nun der Online-Auftritt verstärkt. Der Deutsche Kulturrat kritisiert diese Entscheidung.

"Seit Umstellung von mitteleuropäischer Sommerzeit auf mitteleuropäische Winterzeit am 30. Oktober 2011 geht das Deutsche Programm neue Wege." So ist auf der Internetseite der Deutschen Welle zu lesen. Dabei wird auch der Hintergrund für diese Entscheidung erklärt: "Die vorrangige Aufgabe des deutschen Angebots ist es, Menschen im Ausland mit Interesse an Deutschland und der deutschen Sprache ein umfassendes Bild des politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Lebens im heutigen Deutschland zu vermitteln sowie ihnen die deutschen Auffassungen zu wichtigen internationalen Themen darzustellen und zu erläutern." Ein Online-Angebot ist nach Meinung der Deutschen Welle dafür "am besten geeignet".

Schon vor drei Jahren hatte der Intendant Erik Bettermann diesen Schritt mit einer Reform angekündigt. Der Titel dieser Modernisierungspläne: "Fortschreibung und Perspektiven für den deutschen Auslandrundfunk Deutsche Welle 2010 – 2013". Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" sprach damals von einem Umbruch für den Sender. Denn obwohl der Sender weiterhin die deutsche Sprache und Kultur fördern und Deutschland als "europäisch gewachsene Kulturnation" präsentieren wolle, wird dies künftig "und hier kommt der Umbruch, zunehmend in englischer – und in Südamerika – in spanischer Sprache" sein. Auch die Mitarbeiterinitiative "pro Deutsche Welle" mahnte damals an, dass mit der neuen Ausrichtung die deutsche Sprache so gut wie aufgegeben werde. Die Zeitung "Deutsche Sprachwelt" reagierte auf die damals verkündeten Reformpläne, indem sie die Mitarbeiterinitiative im Frühjahr 2009 zu den "Sprachwahrern des Jahres" kürte. Chefredakteur Thomas Paulwitz erklärte zu der Auszeichnung: "Die Deutsche Welle darf nicht amerikanisch werden. Das ist das Ergebnis dieser Wahl."

Engere Zusammenarbeit mit ARD und ZDF

Nun ist diese Reform-Ankündigung Realität geworden – und sorgt aktuell für Kritik vom Deutschen Kulturrat. "Gerade in Zeiten der gesellschaftlichen Umbrüche, nicht nur im arabischen Raum, ist es fahrlässig, auf ein solches autonomes Übertragungsmedium wie die Kurzwelle für die Ausstrahlung des deutschsprachigen Programms zu verzichten", sagte der Geschäftsführer des Kulturrats, Olaf Zimmermann. Das Internet sei keine sichere Alternative zur Kurzwelle. Kein anderer Frequenzbereich weise eine solch große Reichweite auf und kein anderes Medium könne so autonom von Deutschland aus in die Welt strahlen.

"Auch die Verbreitung über Kurzwelle kann gezielt gestört werden", wies der Sprecher der Deutschen Welle, Johannes Hoffmann, die Kritik zurück. Umgekehrt sei es für den Deutsche Welle-Nutzer häufig möglich, Internetzensur zu umgehen. Und der für die Deutsche Welle zuständige Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) betonte: "Es soll ja nach wie vor auch Fernsehen geben, in Englisch, in Spanisch und vielleicht auch in arabischen Sprachen, so dass eine Sperrung des Internets, durch ein anderes Angebot beantwortet werden kann." Im TV-Bereich will der deutsche Auslandssender künftig auf eine engere Zusammenarbeit mit ARD und ZDF sowie mit Partnersendern im Ausland setzen.

"Die Deutsche Welle wird gebraucht"

Schon in den vergangenen Monaten wurden weitere Kurzwellen-Angebote eingestellt, so zum Beispiel die Verbreitung in Russisch, Indonesisch und Farsi. Es wird jedoch weiter in ausgewählten Regionen ein Deutsche Welle-Hörfunkprogramm geben. "Denn nicht überall haben alle Menschen einen Internetzugang, zum Beispiel in Krisengebieten in Afrika und in Teilen Asiens", sagte Kulturstaatsminister Bernd Neumann im Interview mit dem Deutschland-Radio. Auch wenn die Online-Angebote Kosten einsparen - "die Deutsche Welle wird gebraucht", so Neumann. Sie solle ein Bild Deutschlands in anderen Teilen der Welt vermitteln. "Das ist nicht nur von außenpolitischem Interesse, sondern auch von wirtschaftlichem."

Erstmals war das Programm der Deutschen Welle im Mai 1953 zu hören. Bundespräsident Theodor Heuss richtete sich zum Sendestart "an die lieben Landsleute in aller Welt". Im Laufe der mittlerweile fast 60-jährigen Geschichte des deutschen Auslandsfunks gab es ein Hörfunkprogramm in rund 30 Sprachen. Außerdem gibt es ein mehrsprachiges Fernsehangebot. Der Etat der Deutschen Welle beträgt derzeit 273 Millionen Euro. Finanziert wird der Sender direkt durch einen Zuschuss aus Steuergeldern über den Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, und nicht über Rundfunkgebühren. Außerdem darf die Deutsche Welle Gelder über Werbung einnehmen.


Rosa Legatis lebt und arbeitet als freie Journalistin in Hannover.