TV-Tipp des Tages: "Homevideo" (ARD)

TV-Tipp des Tages: "Homevideo" (ARD)
Vermeintliche Opfer, Schwächere also, werden gezielt ausgegrenzt und mitunter bis zum Psychoterror zur Zielscheibe von Hänseleien und Schmähungen. "Cyber-Mobbing" aber ist ein Phänomen der Neuzeit.

"Homevideo", 19. Oktober, 20.15 Uhr im Ersten

Die meisten Eltern dürften wissen, was sich hinter dem Modebegriff "Mobbing" verbirgt, denn sie werden das noch aus der eigenen Schulzeit kennen. Ganz abgesehen davon, dass es ja auch das Mobbing am Arbeitsplatz gibt: Vermeintliche Opfer, Schwächere also, werden gezielt ausgegrenzt und mitunter bis zum Psychoterror zur Zielscheibe von Hänseleien und Schmähungen. "Cyber-Mobbing" (oder auch "Cyber-Bullying") aber ist ein Phänomen der Neuzeit. Es trifft überwiegend Jugendliche, die plötzlich im Mittelpunkt einer regelrechten virtuellen Hetzkampagne stehen. Wie sich so was entwickeln kann, zeigt der Fernsehfilm "Homevideo" auf ebenso fesselnde wie bestürzende Weise.

Zentrale Figur ist Jacob, ein ganz gewöhnlicher 15-Jähriger. Er ist eher in sich gekehrt, aber keineswegs der typische Außenseiter. Seine fatale Internetprominenz ergibt sich daher auch eher zufällig: Jacob ist heimlich in Mitschülerin Hannah verliebt. Eines Tages filmt er sich beim Onanieren und sagt dazu ihren Namen. Als sich zwei Klassenkameraden seine Kamera ausleihen, nimmt das Verhängnis seinen Lauf.
Natürlich muss Autor Jan Braren in seinem ersten verfilmten Drehbuch die Realität ein wenig konstruieren, um die Rahmenbedingungen in die denkbar ungünstigste Konstellation zu bringen: Jacob ist nicht zuhause, als die beiden Jungs vor der Tür stehen. Seine Mutter kommt gar nicht auf die Idee, die Speicherkarten aus der Kamera zu nehmen. Und selbst wenn, hätte sie es vermutlich ohnehin vergessen: Jacobs Eltern streiten sich täglich, die Mutter wird ausziehen.

Der Schulbesuch wird zum Spießrutenlaufen

Der Junge hat es also ohnehin schwer genug, aber nun gerät sein Leben komplett aus den Fugen: Mitschüler Henry, ein notorischer Provokateur, gibt ihm zwar die Kamera zurück, will aber 500 Euro für die Speicherkarte. Als Jacobs Vater, ein Polizist, mit dem Streifenwagen bei Henrys Elternhaus vorfährt, ist die Karte zwar wieder da, der Spuk aber nur scheinbar beendet: Henry hat selbstredend eine Kopie des Films. Aus Rache sorgt er dafür, dass Jacobs Selbstbefriedigung über Nacht auf den Laptops und mobilen Telefonen aller Schüler zu sehen ist. Tags drauf wird Jacobs Schulbesuch zum Spießrutenlaufen. Hannah, bei der sein stilles Schwärmen Erfolg hatte, will prompt nichts mehr mit ihm zu tun haben. Ihr Vater überlegt, ob er rechtliche Schritte wegen sexueller Nötigung einleiten soll.

"Homevideo" ist in vielerlei Hinsicht ein bemerkenswerter Film, und das nicht nur des Themas wegen. Die realitätsnahe Inszenierung durch Kilian Riedhof und die Bildgestaltung durch Benedict Neuenfels lassen einen hautnah miterleben und nachvollziehen, was Jacob durchmacht. Dass man sich auch dann kaum distanzieren kann, wenn die Handlung kaum noch auszuhalten ist, verdankt der Film aber vor allem Jonas Nay. Der junge Mann ist zu Recht beim Deutschen Fernsehpreis mit dem Förderpreis ausgezeichnet worden ("Homevideo" zudem als bester Fernsehfilm); seine Leistung ist herausragend. Nicht minder überzeugend sind Wotan Wilke Möhring und Nicole Marischka als Jacobs Eltern. Sie repräsentieren den Kollaps der vertrauten Strukturen, denn dank der Omnipräsenz des Internets gibt es für den Jungen keine Zuflucht mehr.

Als er sich eine neue Schule anschaut, genügt der Seitenblick eines Schülers, um klar zu machen: Das Video ist wie ein Virus; es wird immer vor ihm da sein. Das schlimmste aber ist die komplette Hilflosigkeit all jener Institutionen, die früher verlässliche Zuflucht boten. Eltern und Lehrer sind völlig überfordert. Auch der Aktionismus von Jacobs Vater kann allenfalls zur Folge haben, dass Henry als Schuldiger entlarvt wird. Das Video aber wird für immer im Netz bleiben. Die Konsequenz, die der Junge zieht, ist daher nicht überraschend; und dennoch schockierend.


Der Autor unserer TV-Tipps, Tilmann P. Gangloff, setzt sich seit über 20 Jahren als freiberuflicher Medienkritiker unter anderem für "epd medien" mit dem Fernsehen auseinander. Gangloff (geb. 1959) ist Diplom-Journalist, Rheinländer, Vater von drei Kindern und lebt am Bodensee. Er gehört seit Beginn der 1990er Jahre regelmäßig der Jury für den Adolf-Grimme-Preis an und ist ständiges Mitglied der Jury Kinderprogramme beim Robert-Geisendörfer-Preis, dem Medienpreis der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD).

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