"Wir Christen sitzen alle in einem Boot"

"Wir Christen sitzen alle in einem Boot"
"In unserer Zeit darf es nur noch das konfessionelle Miteinander geben", sagt Pfarrer i.R. Burkhard Müller in seiner Morgenandacht im Deutschlandfunk. Sein Thema ist der Besuch des Papstes: Dem bekanntesten Repräsentanten der Christenheit sollten Katholiken wie Protestanten respektvoll zuhören und sich miteinander freuen.

Ich möchte nicht Papst sein müssen. Wer kann dieses schwere Amt schon schultern? Darum meinen größten Respekt vor dem Papst und seinem Amt. Er muss die unterschiedlichsten Erwartungen der katholischen Christen weltweit zusammenbinden und weiterführen. Da hat er es mit südamerikanischen Befreiungstheologen und europäische Piusbruderschaft zu tun. Mit pfingstlichen Charismatikern und liturgischen Hardlinern.

Mit Leuten, die gerade das Unzeitgemäße an ihm schätzen, und anderen, die glauben, ihn aus dem Mittelalter in die Gegenwart schieben zu müssen. Mit Leuten, die den Zölibat als wichtige Stütze der Kirche hochhalten und anderen, die gerade deswegen durch Pfarrermangel die Gemeinden vor die Hunde gehen sehen. Sein Besuch hat den Glauben der Katholiken groß in die Medien gebracht. Der Papstbesuch ist auch ein Medienereignis. Doch auch der Protest gegen den Papst wird durch die Medien vervielfältigt.

Es wird ihm gelingen, die katholische Kirche zu stärken

An dem einen Ort, im Olympiastadion, feierte gestern eine große Festgemeinde katholischer Christen mit dem Papst eine Messe. Hier waren Menschen, die ihrer Kirche viel verdanken, weil sie ihnen Halt und Hoffnung gibt. Aber draußen auf der Straße formierte sich ein Protestzug bunter Gestalten, darunter viele, die sich tief verletzt fühlen durch diese katholische Kirche: Missbrauchsopfer, Homosexuelle und andere.

In Sendungen zum Papstbesuch wie "hart aber fair" sitzen auch die Kirchenfeinde mit am Tisch, stochern mit Genuss in den Wunden der Kirche herum und lassen manchmal die katholischen Gesprächspartner ziemlich alt aussehen. Auf der einen Seite wurde der Papst durch die Einladung in den Bundestag geehrt.
Auf der andern Seite blieben viele Abgeordnete fern. Dass er mit seinem Kommen beides wecken würde, große Freude und scharfe Ablehnung, wird der Papst vorher gewusst haben.

Trotzdem ist er gerne gekommen, wie er Samstag im "Wort zum Sonntag" gesagt hat. Und ist er nicht gerade darum gern gekommen, weil er die deutsche katholische Kirche in ihrer vielleicht tiefsten Krise seit der Reformation aufrichten und stärken wollte? Und das wird ihm gelingen. Die großen Gottesdienste mit dem Papst werden die ihnen eigene Wirkung entfalten trotz aller Proteste draußen. Auch ich freue mich über den Besuch des Papstes.

Was Katholiken gut tut, tut auch Protestanten gut

Ich brauche ihn zwar nicht als Stellvertreter Christi. Denn nach unserem evangelischen Glauben sind wir alle zu Stellvertretern Christi berufen. Aber der Papst ist der bekannteste Repräsentant der Christenheit. Darum sollten auch wir Protestanten ihm respektvoll zuhören, bevor wir ihm zustimmen oder widersprechen. Ich freue mich für die vielen Menschen, die durch seinen Besuch im Glauben gestärkt werden. Er wird meinen katholischen Geschwistern gut tun.

Ich bin da ganz eigennützig. Nur wenn es den Katholiken gut geht, geht es auch den Protestanten gut. Früher war das oft anders: Was den Katholiken schadete, freute die Protestanten. Und was den Katholiken gut tat, ärgerte die Protestanten. Und umgekehrt. Es war die Zeit konfessioneller Konkurrenz. In unserer Zeit darf es nur noch das konfessionelle Miteinander geben. Die kirchenfernen Deutschen unterscheiden nicht mehr zwischen Katholiken und Protestanten. Das Negative und das Positive der einen werden auch den andern zugerechnet.

Darum freue ich mich, dass der Papst sich Zeit nimmt, mit den andern Christen zu sprechen. Das ist ein erstaunliches ökumenisches Zeichen. Das Logo der Ökumenischen Bewegung ist ein Schiff. Denn wir Christen sitzen alle in einem Boot, Katholiken und Protestanten und die anderen Konfessionen. Am Bug des Schiffes steht mit großen Buchstaben gemalt: "Ecclesia tou theou", Kirche Gottes. Und der Kapitän dieses Schiffes ist Christus.


Burkhard Müller, ehemaliger Sprecher des "Wortes zum Sonntag" in der ARD und langjähriger Gemeindepfarrer in Bonn, wurde 1938 geboren. Seit seiner ersten Pfarrstelle in Oberhausen, Ruhrgebiet, ist ihm die soziale und politische Dimension des Evangeliums wichtig. Neben seinem Pfarrdienst engagierte er sich als Beauftragter seiner Landeskirche für den kirchlichen Entwicklungsdienst, den Dialog Christen-Muslime und die Migrationsarbeit. Bis zu seiner Pensionierung Ende 2000 wirkte Burkhard Müller als Superintendent in Bonn.