"Dieser Roboter ist nicht entwürdigend, er gibt Würde zurück"

"Dieser Roboter ist nicht entwürdigend, er gibt Würde zurück"
Paro ist süß und kuschelig und weich. Er fiept, wenn er nicht genügend Aufmerksamkeit bekommmt - denn Paro ist ein Zuwendungsroboter. Eingesetzt wird die Robbe neuerdings bei der Betreung von Demenzkranken. Sie soll den kranken Menschen helfen, sich zu entspannen und zu erinnern. Arte zeigt den Film "Roboter zum Kuscheln - Heilsam für Demenzkranke?". Im Interview mit evangelisch.de spricht Fimemacherin Annette Wagner über ihre Beobachtungen, die ehtische Diskussion und warum sie ihre Meinung über Roboter geändert hat.

Er soll Gefühl wecken, Erinnerungen heraufbeschwören, beruhigen und stimulieren - und zwar bei Demezkranken. Und doch ist er aus Kunststoff, Metall und Technik. Zuwendungsroboter Paro. Kann ein Roboter Gefühle wecken? Kann er kranken Menschen helfen? Und entsteht daraus nicht ein moralisches Dilemma? Fast ein halbes jahr lang begleitete die Filmemacherin Annette Wagner Bewohner, Angehörige und Personal des Pflegeheims O'lahttp://www.evangelisch.de/node/48389/editnd in Bremen, in dem Demenzkranke leben, bei der Erprobung des Kuschelroboters. Heute Abend zeigt Arte den Film "Roboter zum Kuscheln - Heilsam für Demenzkranke?" um 21.50 Uhr. Danach ist er noch eine Woche online zu sehen. Mehr Informationen rund rund um das Thema Demenz gibt es auf der interaktiven Website zum Film.

Fast ein halbes Jahr lang haben sie mit der Kamera die Einführungsphase des Kuschelroboters Ole in einem Bremer Pflegeheim für Demenzerkrankte beobachtet, Pflegepersonal und Bewohner begleitet, mit nationalen und internationalen Experten gesprochen. Herausgekommen ist der Film "Roboter zum Kuscheln - Heilsam für Demenzkranke?". Wie sind Sie auf das Thema gekommen?

Annette Wagner: Ich habe ein Foto in einer Tageszeitung von drei alten Damen gesehen, die eine Robbe auf dem Schoß hatten. Unter dem Foto stand, sie seien an Demenz erkrankt. Und da dachte ich als erstes: Wow, die sehen aber entspannt und fröhlich aus. So kennst du das eigentlich aus Reportagen aus Demenzheimen nicht. Außerdem stand darunter: Dies ist ein Roboter, und da dachte ich: Das geht ja gar nicht! Und war sehr empört. Also habe ich mich auf den Weg gemacht, um herauszufinden, was genau dieses Ding, Wesen oder Tier ist. Auf einer Pflegemesse habe ich mir den Roboter angeschaut dann festgestellt: So einfach zu verurteilen ist das Ganze dann doch nicht.

Wieso nicht?

 

Wagner: Weil ich festgestellt habe: Dieser Zuwendungsroboter macht was mit einem, er berührt mich. Er ist etwas neuartiges, ein Zwischending zwischen Mensch und Maschine. Und dann wollte ich herausfinden, welche Potentiale, welche Gefahren und welche Chancen darin stecken.

 

Wie war die Reaktion der Angehörigen auf den Einsatz des Roboters?

Wagner: Viele Angehörige haben gesagt: "Wir könnten uns vorstellen, es könnte unseren Eltern helfen, und ehrlich gesagt: Alles, was unseren Eltern hilft, ist uns willkommen." Dahinter steckt die Hoffnung, einen Zugang zu den in sich zurückgezogenen Eltern zu finden, ihnen wieder näher zu kommen. Die Angehörigen haben den Roboter also als Chance für sich selbst, aber auch für ihre Eltern gesehen. Aber es kamem auch Bedenken seitens eines Angehörigen: Geht die Pflegekraft dann während der Roboterzeit eine Rauchen? Das trifft so nicht zu. Die Robbe wird in Haus O'land immer nur therapeutisch begleitet eingesetzt, nicht als Ersatz für menschliche Pflege. Und: Die Robbe allein bewirkt nichts. Es muss immer der Mensch dabei sein.

Ist der Einsatz des Roboters ethisch betrachtet nicht kritisch?

Wagner: Eine Pflegeethikerin meint, es sei "ethischer ist, einen Menschen mit Medikamenten zu sedieren als ihn mit einem Kuschelroboter zu geben, den er für einen echten hält. Das halte ich für eine aufgesetzte akademische Diskussion angesichts eines Menschen, der seinen eigenen Namen nicht mehr weiß und seine Kinder nicht mehr erkennt. Ich selber habe im Lauf meiner Recherche gelernt: Dieser Roboter ist nicht entwürdigend, sondern gibt Würde zurück, indem er rumdum betreuten, hilflosen Menschen ein kleines Fenster aufmacht, in dem sie selbst Zuwendung geben können. Und das gibt ihnen einen Moment des Glücks und der Würde. Solange die Kuschelrobbe eine Kuschelrobbe bleibt, ist es in Ordnung. Würde diese Technologie jedoch mit anderen Interessen verknüpft, wenn beispielsweise eine Pflegekraft durch einen Roboter ersetzt würde, ist das nicht akzeptabel. Bezüglich Emotionaler Robotik in der Pflege ist doch die entscheidende Frage: Was hilft, eine Kommunikationsbrücke zu bauen, was hilft die Zufriedenheit und das leibliche Wohl zu stärken und so den allgemeinen Umgang im Pflegealltag freundlicher, entspannter und liebevoller zu machen?

Und hilft ein Roboter dabei?

 

Wagner: Ich habe erlebt, dass das Gespräch über die Robbe, die im Schoß liegt und gestreichelt wird, zu ganz anderen Themen führte. Zu fröhlichen und traurigen Erinnerungen, zu Gesprächen über Haustiere, die Frauen erinnern sich an das eigene Kind, das sie auf dem Arm hatten. Der Roboter wirkt über die Sinne, über das Halten und Spüren in die Körpererinnerung. Da steckt viel Potential drin. 

 

Ihr Filmtitel wirft die Frage auf, ob die Robbe heilsam für Demenzkranke ist? Welche Beobachtungen haben Sie gemacht?

Wagner: Die Robbe kann weder den Fortschritt der Demenzerkrankung aufhalten, noch in irgendeiner Weise irgendetwas umkehren. Sie kann die Begleiterscheinungen, die Symptome lindern, sie kann ruhiger machen, sie kann aktivieren, wenn Menschen depressiv sind. Wenn man nicht nur den Körper, sondern auch den Leib betrachtet und die Seele einbezieht, halte ich den Roboter für heilsam. Wenn ein Mensch am Ende seines Lebens noch einmal an verschüttete Gefühle herankommt, sich wohler fühlt, keine Schmerzen mehr hat, entspannter ist, denke ich durchaus, dass diese körperliche Entspannung und die seelische Aufarbeitung durch die Robbe gefördert werden.

Erinnern Sie sich an konkretes Beispiel?

Wagner: Ich erinnere mich an eine Situation, in der ein Mann seit Monaten nicht gesprochen hatte. Auch mit seiner Frau sprach er nicht. Aber dann fing er plötzlich vor laufender Kamera, vor Pflegeteam und Kamerateam an zu sprechen. Erst mit der Robbe und als wir aus dem Zimmer gingen, bemühte er sich, ein paar Worte rauszubringen. Die Robbe fördert also durch die Mischung aus emotionaler Stimulation und Erinnern und Fühlen in diesem Fall die Artikulation, wo ein Mensch sonst kein Wort mehr herausbekommt.

Wie geht's Ihnen nach Abschluss des Films?

 

Wagner: Es war eine intensive Zeit, die sicherlich nicht immer einfach war. Sie war sehr fordernd, aber es war auch bereichernd, diese Form von Pflege auf Augenhöhe erleben zu können, wie sie im Haus O'land in Bremen geleistet wird. Das stimmt mich auch etwas gelassener in Bezug auf das eigene Älterwerden. Solange so eine Zuwendung als Pflegephilosophie in den Heimen vorhanden ist, können auch Heime gute Orte sein.

 

Würden Sie demenzkranken Angehörigen eine elektronische Kuschelrobbe schenken?

Wagner: Ich würde durchaus Angehörigen so eine Robbe geben, wenn ich das Gefühl habe, dass es passt. Und das merkt man sehr schnell, auch wenn derjenige sich nicht mehr verbal artikulieren kann. Ich finde, dass die Robbe zu einer liebe- und würdevollen Pflege – wenn sie in einem guten therapeutischen Setting ist – beitragen kann, dass Robotik und Pflege nicht zwei Dinge sind, die einander ausschließen, sondern die sich auch befördern können.