"Bild" in New York: Großes Pathos garniert mit Eigenwerbung

"Bild" in New York: Großes Pathos garniert mit Eigenwerbung
"Gott schütze Amerika", stand am 12. September 2011 groß vorne auf der Bildzeitung. Der Springer-Verlag hat die Redaktion für eine Ausgabe nach New York verlegt. Das Endprodukt war ein Eigenwerbe-Prospekt von denkwürdigem Pathos.

Nicht etwa "TERROR-ALARM NEW YORK IN ANGST" wie am Samstag, "Gewinnen Sie 146 Millionen Euro!" wie am Freitag zuvor, "Liebes-Aus nach Schlaganfall" wie am letzten Donnerstag oder "Ich wollte doch nur ein Kind retten" wie am letzten Mittwoch steht heute groß vorne drauf auf der "Bild"-Zeitung, sondern "Gott schütze Amerika!"

Wahrscheinlich haben die Controller für die Ausgabe vom 12. September wegen der als Kaufanreiz weniger geeigneten Schlagzeile ein Minus bei den Einzelverkaufseinnahmen einkalkuliert - bei gleichzeitig erhöhten Produktionsausgaben. Denn zur Produktion der Ausgabe zum Tag nach dem zehnten Jahrestag des 11. September 2001 wurden ganze vierzig "Bild"-Mitarbeiter nach New York verfrachtet.

Selbstdarstellung und Eigenwerbung

Der Grund liegt auf der Hand: Solidarität mit den USA steht in Springers Unternehmenskodex festgeschrieben und wurde von Konzernchef Mathias Döpfner gestern auch in Günther Jauchs ARD-Talkshowdebüt souverän performt. (Döpfner performt ja sogar in amerikanischen Talkshows, zum Beispiel als er in ähnlicher Diktion empfahl, jeder Verleger solle einmal am Tag dem Apple-Chef Steve Jobs ein Dankgebet entrichten). Und Chefredakteur Kai Diekmann erfüllt in seinem Kommentar auf der Titelseite unter dem Bruch (wo heute, wie an einigen hohen Springer-Feiertagen sonst auch, einmal kein ziemlich nacktes Seite 1-Girl zu sehen ist) die Unternehmensgrundsätze ("Unterstützung des transatlantischen Bündnisses...") mal wieder über. Worum es vor allem geht, bringt bereits die Überschrift auf den Punkt: "BILD setzt ein Zeichen", lautet sie.

Weniger um das Zeichen als um das Blatt geht es. Selbstdarstellung und Eigenwerbung der zwar (wie die meisten deutschen Tageszeitungen) stetig Auflage verlierenden, aber weiterhin mit Abstand größten Papierzeitung sind die roten Fäden der Ausgabe. Am schönsten zeigt das der Making-of-Artikel auf der letzten Seite - mit ein wenig Text in der typischen, gelegentliche "Bild"-Leser immer wieder verwirrenden Mixtur aus Fettungen, Großbuchstaben und Unterstreichungen sowie jeder Menge Ausrufezeichen an den unsinnigsten Stellen ("Berlin und New York trennen sechs Stunden Zeitunterschied!") und mit ganzen achtzehn Fotos.

Gaga-Journalismus mit Lady Gaga und Wolfgang Wagner

Die Bilder zeigen Rupert Murdoch, den eigentlich gerade in unschönen Schlagzeilen befindlichen australo-amerikanischen Medienmogul, wie er die "Bild"-Leute am Sitz seines "Wall Street Journals" begrüßt, aber auch Kaiser Franz Beckenbauer und Boris Becker. Die besten Sport-Spezis des Blattes schauten also auch gleich vorbei. Ein paar Seiten davor (über einer von wie immer vielen Anzeigen deutscher Discounterketten) gedenken auch noch die zu Guttenbergs der Opfer des 11. Septembers. Was die seit drei Wochen in den USA lebenden "Neu-Amerikaner" sagen: exakt das, was auch Diekmann sagt ("Die Gewissheit, dass Deutschland und die USA zusammenstehen, darf der Atlantik nie trennen").

Viele deutsche Freunde des Hauses kommen also gut zur Geltung. Um darin das offizielle Ziel der Ausgabe verwirklicht zu sehen, das im Making-of-Artikel so umrissen wird: "Denn um wirklich zu verstehen, wie die Terroranschläge diese Stadt getroffen und geprägt haben, wollen wir New Yorks Herzschlag spüren", müsste man wahrscheinlich eingefleischter "Bild"-Leser sein. Ansonsten handelt es sich beim aus NY übermittelten Herzschlag um pures Pathos mit geringem Informationswert. "Vor 10 Jahren roch es hier nach Massenmord. Heute ist es ein Park des Nie-Vergessens in der faszinierendsten Stadt der Welt. Ich blocke zurück. Und die Trauernden lächeln. Gestern war der erste Tag von Morgen" - so etwa endet Norbert Korzdörfers Bericht von der Trauerfeier am Ground Zero.

Bemerkenswerte Redundanz des Pathos

Dazwischen erzählt der Mode-Prominente Wolfgang Joop, was er über New Yorks Geschichte weiß, nicht ohne sich wie ein zweiter Franz Josef Wagner zu gerieren ("Auch für wilde Hunde wie mich, die knapp 200 Jahre später kamen, war New York ein Ort der Befreiung"). Und Wagner Nr. 1 schreibt natürlich wieder einen Brief ("Liebes New York"), einen überlangen, in dessen Postscriptum er sich selbst beinahe beiläufig in eine Reihe mit Paul Auster und Philip Roth stellt ("Über 9/11 haben die großen amerikanischen Autoren kein Wort geschrieben. [...] Und kein Reporter kann 9/11 beschreiben. Ich auch nicht"). Gaga-Journalismus, der Lady Gaga, die als "schrillste Einwohnerin des Big Apple" porträtiert wird, vor Neid erblassen lassen müsste, falls sie es sich anschauen sollte.

Zweifellos gibt es viele schlimmere "Bild"-Zeitungs-Ausgaben. Immerhin verzichtete die in New York produzierte auf alles Hetzerische, enthält auch noch einen Bericht aus einer New Yorker Moschee und ein Gespräch zwischen dem Künstler Anselm Kiefer und dem Kunstkritiker Peter Iden, das wie aus einer alten "Frankfurter Rundschau" gefallen wirkt. Doch das Bemerkenswerteste an der Ausgabe ist ihre Redundanz des Pathos, und das Spannendste die Frage, wie das Blatt in den nächsten Tagen auf die Kacke hauen wird, um das wieder wettzumachen, was der journalistisch vollkommen überflüssige New-York-Gag gekostet hat.


Christian Bartels ist Medienjournalist in Berlin und unter anderem Autor beim allseits beliebten Altpapier.